Bauers DepeschenDienstag, 08. Januar 2008, 102. DepescheGuten Tagen, verehrte Depeschen-Leser, Sie haben sich in den vergangenen Monaten auffallend vermehrt. Man könnte sagen, explosionsartig. Seit die kälteren Monaten angebrochen sind, so scheint mir, haben Sie sich in Ihre Netznische zum Vermehren zurückgezogen. Dennoch sehe ich immer noch Menschen auf der Straße. Das Internet hat die Welt also nicht entscheidend verändert. Die Dummheit breitet sich problemlos auch ohne virtuelle Hilfe aus.![]() In meiner heutigen StN-Kolumne können Sie lesen, dass die Stadt Stuttgart ein mit 300 000 Euro bezuschusstes „Shopping-Festival“ plant. Ich muss hier nichts mehr dazu sagen, Sie können sich allerdings an einem Wettbewerb zur Namensfindung beteiligen – diese Veranstaltung, eine Grabschändung der Rummeltradition, sucht noch einen Titel. „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“ ist nicht ganz neu, aber gut. ![]() Ich nutze heute die Gelegenheit, den Depeschen-Leser des Jahres auszuzeichnen, auch wenn es die Depeschen noch gar kein Jahr gibt. Der größte Depeschen-Leser aller Zeiten heißt Eberhard Rapp, er kommt aus Stuttgart. Herr Rapp ist der weltweit einzige Internet-Besucher, der auf Website-Texte mit Briefen aus Papier reagiert. Diese Briefe aus Papier sind per Hand unterschrieben, mit blauer Tinte. Seine Briefe kommen nicht per Mail, sondern per Postbote. Das ist der schönste Anachronismus unserer Zeit und lässt mich hoffen, dass Blogs nicht das Ende der Menschheit sind. Außerdem hat Herr Rapp den Depeschen das Prädikat "wunderbar" verliehen. Das ist wunderbar. ![]() Warum sich Herr Rapp auf dem traditionellen Postweg meldet, könnte damit zu tun haben, dass er nur sporadisch über einen Netzzugang verfügt. Aber das ist unwichtig. Ich hoffe, dass er seinen Stil der Korrespondenz noch lange aufrecht erhält. ![]() Stil ist etwas, das es in Stuttgart kaum noch gibt. ![]() Leute, die „Shopping-Festivals“ veranstalten, rangieren auf der Skala des guten Geschmacks meilenweit unter der Würde des Schiffschaukelbremsers. ![]() Lustig ist in diesem Zusammenhang ein Zufall: Während die Schmierseifen-Olympiade auf den Rolltreppen der Kaufhäuser mit 300 000 Euro aus Steuergeldern unterstützt wird, hat man dem Theaterhaus 320 000 Euro Zuschuss gestrichen. Die Kulturbürgermeisterin Eisenmann hat gesagt, das Theaterhaus gehöre zu "den Reichen, die sich arm rechnen“. Es gibt Leute, die müssen sich nicht arm rechnen – sie bleiben für immer reich an armseligen Gedanken. ![]() Gut, dass es taut. Ich will diese Woche wieder mit Coach Peter Schwemmle das Torwarttraining auf der Waldau aufnehmen. Ein Mann lebt nicht allein von armseligen Depeschen, er muss auch Gras fressen. Damit ist der Depeschen-Dienst für heute erledigt. Ich muss jetzt zum Sportarzt Dr. Koegel nach Feuerbach. Der rechte Oberarm ist wieder am Arsch. ![]() Fällt mir noch eine Geschichte von Woody Allen ein, sie beginnt so: „Als ich vorigen Sommer im Rahmen eines Fitnessprogramms, das darauf zugeschnitten war, meine Lebenserwartungen derjenigen eines Kohlebergwerkers aus dem neunzehnten Jahrhundert anzugleichen, die Fifth Avenue entlangjoggte...“ ![]() Den Rest werden Sie nie erfahren. ![]() „Kontakt“ ![]() ![]() ![]() |
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