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Mittwoch, 30. April 2008, 141. Depesche

DIES UND DAS UND DER ALLERLETZTE KUJAU





30. April, 23 Uhr: Der kleine Abend mit "Schwejk" und meinen eigenen Texten, nach einer Idee von Michael Kienzle in der Kulturstiftung Geißstraße 7 veranstaltet, war gut besucht und hat uns viel Spaß gemacht. Stefan Hiss hat wunderbar passende Lieder gesungen. Ich bedanke mich bei unserem gut gelaunten Publikum - und weiß jetzt, nach der Lektüre von Jaroslav Hasek, mehr übers Leben: Schwejk oder stirb.

Damit sind wir schon bei der leisen Werbung für die nächste Veranstaltung: Am Dienstag, 20.Mai, gastiert der Flaneursalon im Bix Jazzclub. Auf der Bühne: Los Gigantes, Michael Gaedt, Dacia Bridges und, für eine kurze Nummer, ein allseits bekannter Überraschungsgast.

Wer trotz des schönen Wetters noch ein bisschen lesen will, dem gönne ich zum 25. Jubiläum des "Hitler-Tagbücher"-Skandals meinen garantiert letzten Kujau-Bonus-Track:



DER BRAUNE SUMPF



1983 machten "Hitlers Tagebücher" Furore. Konrad Kujau hatte sie für den "Stern" gefälscht. Im Mai vor 25 Jahren flog der Schwindel auf, der Medienskandal war perfekt. Bis heute hinterlässt Kujau Spuren.



Es gibt so viel gute Geschichten in diesem Fall, und keiner weiß, welche stimmt. Einmal hat uns Kujau erzählt, wie er dem früheren "Stern"-Reporter Gerd Heidemann "die sterblichen Überreste von Adolf Hitler und Eva Braun" mit einem Suppenlöffel aus einer Urne in ein Zigarettenetui schaufelte. Dafür habe er dem erregt winselnden Mann aus dem Norden fünfzig Riesen in bar abgenommen - in Wahrheit aber die Asche von verbranntem Plunder aus seinem Ramschladen verscherbelt.

Die Stuttgarter Malerin Gabriele Sauler, 39, als hart trainierende Siebenkämpferin seit jeher flexibel, hat Kujau gut gekannt. Als der gerade aus dem Knast entlassene Fälscherkönig 1988 um "Schüler" warb, stellte sich Gabriele Sauler dem weltberühmten Autor der "Hitler-Tagebücher" in Begleitung ihres Vaters vor. Kujau attestierte ihr künstlerisches Talent und wies sie zwölf Jahre lang, bis zu seinem Tod, in die Tricks der handgemachten Kunstkopie ein.

Heute fertigt Deutschlands einzige "Meisterfälscherschülerin" legale, sogenannte dekorative Fälschungen auf Bestellung und malt auch Eigenes. Ihre Kenntnisse dienen inzwischen der Justiz. Vor Jahren erkannte die schwäbische Künstlerin, dass Unmengen falscher Kujau-Fälschungen den Markt überschwemmen. Vergangene Woche beschäftigte der mutmaßliche Großbetrug die Staatsanwälte: Petra Kujau, 49, der in Dresden lebenden Nichte des "Stern"-Blenders, wird vorgeworfen, 700 Fernost-Fälschungen berühmter Maler wie van Gogh oder Klimt als "echte Kujaus" für eine halbe Million Euro im Internet verkauft zu haben.

Kujau würde diese Geschichte gefallen: Nie zuvor in der Kunstgeschichte hat ein Fälscher so oft als Original gedient. "Champagner-Conny", wie er im Rotlichtmilieu hieß, war als Typ ein Unikat, schlau und gerissen. "Gutmütig und launisch", sagt Gabriele Sauler, "aber ich habe ihn erst nach dem ,Stern'-Skandal kennengelernt."

Der Fall Kujau, bis heute einer der größten Medienskandale der Republik, machte vor 25 Jahren Schlagzeilen. Am 25. April 1983 verkündeten "Stern"-Manager mit einer Mischung aus Hakenkreuz- und Dollarblick im Gesicht, die Geschichte des Dritten Reiches müsse nach dem Fund der "Hitler-Tagebücher" neu geschrieben werden.

Keine drei Wochen später, am 13. Mai, war in den Stuttgarter Nachrichten zu lesen: "Kujau hat die ,Hitler-Tagebücher' verfasst". Schon am Abend zuvor hatte der junge Stuttgarter Reporter Hariolf "Harry" Reitmaier in der ZDF-Nachrichtensendung "heute" mit Bildern aus der Stuttgarter Altstadt auf Kujaus Spuren verwiesen. Die Geschichte beschäftigt Reitmaier, in Fellbach auch als Kneipenwirt bekannt, bis heute. Demnächst will er in seinem geplanten Buch "Geheime Schwaben" die Rolle von Stasi-Agenten als wahre Drahtzieher des "Tagebücher"-Bluffs aufarbeiten. Vermutlich hatte die DDR vor, die Bundesrepublik als "braunen Sumpf" bloßzustellen. So ließe sich erklären, wo die neun Millionen Mark geblieben sind, die der "Stern" angeblich kofferweise für Kujaus Kladden nach Stuttgart transferierte. Kujau war zwar nach drei Jahren Gefängnis ein gemachter Mann. Sein Partner Gerd Heidemann aber - der als "Spürhund" bekannte ehemalige "Stern"- Reporter mit seinem Nazi-Tick - lebt heute von Sozialgeldern; zu seinen Glanzzeiten schipperte er auf der ehemaligen Yacht des Nazi-Kriegsverbrechers Hermann Göring.

Wenn Heidemann und Kujau von Journalisten nach dem großen Coup befragt wurden, wünschten sie sich gegenseitig die Pest an den Hals und vertraten völlig konträre Versionen des Falls. Nutznießer des Banditenstücks war Kujau: Nach drei Jahren Gefängnis eröffnete er als berühmter Mann im Stuttgarter Süden seine Galerie der Fälschungen und die Kneipe Alt-Heslach. Als ihm der Regisseur Helmut Dietl mit der Kinokomödie "Schtonk" ein Denkmal setzte, sächselte der selbstbewusste Gauner: "Mozart musste 200 Jahre warten, bis sein Leben verfilmt wurde."

Warum der gebürtige Sachse, ein untersetzter, beleibter Mann mit Schnauzer und Schelmenblick, nicht viel früher aufflog, ist heute ein Rätsel. In der Dachkammer eines Ditzinger Reihenhauses, wo er vor seinem Umzug nach Bietigheim mit seiner Partnerin Edith Lieblang lebte, füllte seine gefälschte Handschrift minderwertiges DDR-Papier mit Comedy-reifen Anekdoten über Hitlers Blähungen. Die Blätter röstete Kujau im Backofen - braun genug für die Gier der "Stern"-Deuter. Doch schon damals vertraute Kujau Fremden an, er habe an seinem Schreibtisch viel Kohle gemacht. Bei Taxifahrten aus der Stuttgarter Altstadt spendierte er regelmäßig brandneue Hunderter als Trinkgeld. Nachbarn sagten aus, "Herr Kujau" habe oft Post vom "Stern" erhalten. Damit ist die Mär widerlegt, der fingerfertige Täuscher sei nur unter falschen Namen bekannt gewesen. In einschlägigen Rotlichtläden am Leonhardsplatz schäumte der Schampus, wenn "Conny" die Puppen tanzen ließ. Er hatte auch keine Skrupel, Visitenkarten von "Dr. Kujau, Professor für Geschichte, Tübingen" zu verteilen. Zuvor war der windige Militariahändler als kleine Nummer durchs Milieu gegeistert, wohl wissend, dass man auf dem Kiez zwar stets nach Geld, nie aber nach dessen Herkunft fragt.

Sein Talent zu Auftritten - zuweilen filmreif mit Kanone im Hosenbund - machte ihn zum Medienstar. Nach dem "Stern"-Skandal nahm er Platten auf, war Talkshow-Gast und Liebling vieler Politiker. Der ehemalige Oberbürgermeister Manfred Rommel erlaubte ihm 1992, in der städtischen Galerie unterm Turm Fälschungen auszustellen. Es gab Proteste: Die Räume hatten zuvor der Schau "Stuttgart im Dritten Reich" gedient.

Konrad Kujau ist mit 62 Jahren im September 2000 in Stuttgart an Krebs gestorben. Begraben wurde er in seinem Geburtsort Löbau in Sachsen. Seine Gebeine sind vermutlich echt. Seine Geheimnisse noch nicht alle gelüftet.



©2008 Stuttgarter Nachrichten

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