Bauers Depeschen


Samstag, 25. Januar 2014, 1236. Depesche



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AUSWÄRTSPUNKT: Holstein Kiel - Stuttgarter Kickers 0:0



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BETR.: S-21-GEGNER, SOLIDARITÄT

Der Berliner Kabarettist Arnulf Rating ist am 19. Oktober 2013 bei der Kundgebung gegen Stuttgart 21 ("Der Protest geht weiter") ohne einen Cent Spesen auf dem Schlossplatz aufgetreten. Er war aus Köln gekommen und hatte am selben Abend noch eine Vorstellung in Bad Mergentheim. Diese Woche habe ich über mehrere Kanäle dazu aufgerufen, ihm für sein Engagement mit dem Besuch seines Gastspiels am Freitag im Renitenztheater zu danken. Gestern war ich dort - von den S-21-Gegnern bis auf wenige Ausnahmen keine Spur. Diese Ignoranz finde ich erbärmlich.



BRIEF

Herr H. Bauch aus Stuttgart-Möhringen schreibt mir:

"Guten Tag Herr Bauer,

Ihre geistigen Steinwürfe gegen S 21 tragen Früchte - die Saat geht auf. Ihre tapferen Helden randalieren auf verbotenen Straßen, zünden Rohre an und beschmieren Wände - weiter so!"

Genau.



TIPP: STEVE GUNN, großartiger Singer/Songwriter aus Brooklyn, gastiert am Montag, 27. Januar, im Tonstudio Stuttgart. Theodor-Heuss-Straße/Lange Straße. 20.30 Uhr.



BRAVO und Glückwunsch: ROLAND BAISCH erhält den Baden-Württembergischen Kleinkunstpreis 2014!



FLANEURSALON IN DER ROSENAU

Mittwoch, 19. Februar 2014, ROSENAU: Der FLANEURSALON versammelt immer mehrere Generationen auf der Bühne, und nach unserem Familienbande-Gastspiel im Theater Rampe 2103 treten wir auf vielfachen Wunsch noch einmal in dieser Besetzung an. Mit Zam Helga & Tochter Ella Estrella Tischa, mit Roland Baisch & Sohn Sam sowie Toba Borke & Pheel. Andere Geschichten, andere Songs. 20 Uhr. Telefon: 01805 700 733.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



HELDEN

Rechtzeitig zum ersten Schneefall in diesem Jahr rollt endlich wieder der Fußball. Es wird gemütlich. Die Fans der Stuttgarter Kickers fahren am Samstagmorgen um fünf mit dem Zug nach Hamburg, um mit der nächsten Eisenbahn die Partie bei Holstein Kiel ­anzusteuern. Nach dem Abpfiff reisen sie sofort zurück nach Stuttgart, ohne für diese Heldentat auf dem Feld der Völker­verständigung je mit dem Bundesverdienstkreuz rechnen zu können. Das muss einfach mal gesagt werden.

Von einem gewissen Alter an ist es erlaubt zurückzuschauen, was man geleistet hat im Leben. Unsereins zum Beispiel hat es nie bis Kiel geschafft. Wenn ich ehrlich bin, war ich auch nie in Kemnat. Wahrscheinlich bin ich zu einem Dasein im Kessel verdammt.

Früher habe ich oft von den Eltern gehört, sie würden alles tun, damit wir es einmal besser hätten als sie. Kaum aber konnte ich es mir leisten, die Spiele der Kickers zu ­besuchen, musste ich mir sagen lassen: „So gut wie du möchte ich es auch mal haben.“

Hinter dieser Art Neid steckt die blanke ­Ahnungslosigkeit. Leute, die regelmäßig zu den Spielen desselben Clubs gehen, haben kein schönes Leben. Nicht einmal die Adabeis von Bayern München. Was gibt es für einen Menschen Deprimierenderes, als ­pausenlos zu gewinnen. Das ist psychisch verheerender als die krankhafte Liebe zum VfB oder zu Angela Merkel.

Als Kickers-Mann bin ich besser bedient. Unser Sportplatz, die Waldau, ist die große Bühne ewiger Hoffnung. So viel Luft nach oben wie wir hat kein anderer Club. Und seit der Fernsehturm geschlossen ist, schaut auch keiner mehr auf uns herab. Ich muss diese Dinge heute loswerden, damit die Wallfahrt der Aufrechten ans Ende der Welt nicht untergeht in den politischen Wirren, nur hundert Jahre nach Beginn des Ersten ­Weltkriegs. Selbstverständlich könnte ich statt der Kickers-Tortur ein anderes großes Kapitel der Heimatgeschichte behandeln. Beispielsweise die Schandtat des württembergischen Herzogs Ulrich: Vor 500 Jahren ließ er auf dem heutigen Wilhelmsplatz dem Legelin-Jörg aus Stuttgart und dessen Freunden den Kopf abhacken. Die Männer hatten geplant, den Aufständischen vom Armen Konrad die Stadttore zu öffnen. Den Kampf der schwäbischen ­Rebellen gegen die bis heute andauernde Ausbeutung des Volkes und die ­Willkür der Macht werde ich allerdings erst ausgiebig rühmen, wenn unsere Helden aus ­Holstein zurückgekehrt sind.

An dieser Stelle wird sich jetzt wieder der eine oder die andere fragen: Was haben die ­Kickers-Fans um Himmels willen mit dem Armen Konrad zu tun? Auf den ersten Blick nichts, rein gar nichts. Auf den zweiten sehr wohl. Die Fahne der Remstal-Revolutio­näre, die unter dem Namen Armer Konrad gegen die Obrigkeit kämpften, war blau. Blau wie die Fahne der Kickers-Fans. Und nicht etwa grün, wie es uns heute die ­Geschichtsfälscher in Stuttgart und im Remstal weismachen wollen. Auf der blauen ­Fahne waren auch keine zwei gekreuzten Schwerter zu sehen wie auf der für Marketing-Zwecke gestalteten grünen Fahne. Auf der blauen Fahne waren ein Kruzifix und ein kniender Bauer abgebildet. Und weithin leuchtete der Schriftzug des Armen Konrad. Mit K wie Kickers. So sieht‘s aus.

Ich selbst war vor 500 Jahren nicht dabei. Der Heimatforscher Günter Rand­ecker aus Dettingen an der Erms hat mir alles brühwarm im Wirtshaus berichtet, ganz in der Nähe der Gedenktafel, die man neulich zu Ehren des Historikers ­Wilhelm Zimmermann an seinem Geburtshaus in der Jakob­straße 6 im Leonhardsviertel angebracht hat. Wenn man dem Randecker aus dem Ermstal zuhört, gibt es keine Zweifel: Er hat das Heldenunglück miterlebt. Gut, dass er seinen Kopf behalten hat. Und so verabschiede ich mich heute im Namen aller ­Armen, Geknechteten und Aufständischen mit dem K-Gruß: Kämpfen und siegen!



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