Bauers Depeschen


Samstag, 09. Januar 2016, 1575. Depesche



 



Der ersten FLANEURSALON im neuen Jahr geht am Mittwoch, 20. Januar, im Stadtarchiv Stuttgart in Cannstatt über die Bühne. Diese Institution zog vor fünf Jahren in ihr heutiges Gebäude im Bellingweg 21 im Neckarpark ein - und feiert jetzt mit uns ihr kleines Jubiläum. Flaneursalon-Gäste sind Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Eva Letica Padilla und Roland Baisch & Frank Wekenmann. Vorverkauf: KARTEN FÜR CANNSTATT. Telefon: 01805/700 733.



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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



ABOMINABEL

Seltsam. Immer wenn etwas geschieht, dem ich mich nur durch Flucht in die Einsamkeit entziehen könnte, fällt mir der 11. September 2001 ein. Nach den Fernsehbildern über den Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center nahm ich einige Tage lang jedes Flugzeuggeräusch am Himmel wahr, und war der Himmel klar, auch die Kondensstreifen.

Seit 2001 hat sich das Leben extrem verändert, weil viele von uns inzwischen einen Teil ihres Lebens im Internet verbringen, vorwiegend in den sozialen Medien. Nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln, Hamburg, Stuttgart und anderswo ist dadurch die mediale Konfrontation mit den Vorfällen härter als 9/11.

Selbstverständlich kann es sich um eine Privatmacke handeln, denn ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: In den vergangenen Tagen habe ich mich öfter dabei ertappt, wie ich bei Begegnungen mit „Ausländern“ (weiß nicht mal, ob es welche waren) und mir ebenso fremden Frauen (meist leichter zu identifizieren) ein Gefühl der Verunsicherung spürte. Dieses unterschwellige Gefühl war nicht etwa deswegen stärker als 2001, weil einem Köln und Stuttgart näher sind als New York. Ich denke, mein täglich oft stundenlanges Leben im Internet verändert die Wahrnehmung, auch wenn ich bemüht bin, als halbwegs eifriger Stadtspaziergänger die Dinge auch auf natürliche Art zu sehen und zu riechen.

Es hat Einfluss auf die Psyche, sich immer wieder, fast süchtig, im Internet dem grenzenlosen Wortmüll auszusetzen, leider auch von Leuten, die man bisher für ganz vernünftig hielt. Es wäre allerdings läppisch, immer noch die ganz normalen Auswüchse im Netz zu beklagen, zumal ich mithilfe von Taschentelefon, Tablet oder Laptop auch aufklärerische und hoffnungsvolle Gedanken entdecke, die ich so niemals selbst entwickeln und formulieren könnte.

Oft wird ja gesagt, Facebook oder Twitter seien die zeitgenössischen Stammtische. Der Vergleich hinkt. Ein Stammtisch war (oder ist) dazu da, seinem Ärger buchstäblich „Luft zu machen“. Seinen Unmut, seine Dummheit und Gehässigkeit loszuwerden – den Druck durch eine Körperöffnung namens Mund entweichen zu lassen (es gibt ja auch Körperöffnungen, wo diese Übung ohne Worte gelingt).

Wer an irgendeiner Art von Computer hockt und – ohne Rücksicht auf Rechtschreibung und Grammatik – seine Wut in die Tasten hackt, hat nicht die Möglichkeit, seinen Hirnüberdruck durch eine Körperöffnung abzusondern. Man muss vielmehr annehmen, durch Meinungen, die ihm im Netz entgegengesetzt werden oder die seine Gehässigkeiten unterstützen, erhöhe sich die körpereigene Explosionsgefahr enorm. Die Internet-Terroristen unterzieht sich ja nicht der Therapie, wie am Stammtisch etwas Befreiendes hinauszuschreien, bis ihm der Wirt Lokalverbot gibt. Mit ihrer oft miserablen Sprache besitzen sie auch nicht die Fähigkeit, sich wie ein Schriftsteller in einem Text befriedigend zu verwirklichen. Wobei es zu bedenken gilt, dass selbst schon großartige Schriftsteller verzweifelt sind, weil ihre Gedanken keine Folgen hatten oder sie selbst nicht in der Lage waren, dem Unrecht mehr als Worte entgegenzusetzen.

Seit den Kölner Übergriffen beherrschen zwei floskelhaft und inflationär gebrauchte Begriffe die Internetkommentare: „entsetzlich“ und „furchtbar“. Da ist es fast schade, dass das schöne Adjektiv „abominabel“ als veraltet gilt. In der jetzigen Situation wäre es ­hilfreich bei der Wortfindung für das komplette Gefühlsspektrum von links bis rechts: Laut Duden steht abominabel gleichzeitig für ­„abscheulich, abstoßend, ekelhaft, entsetzlich, fies, furchtbar, garstig, gemein,  grässlich, infernalisch, schauderhaft, scheußlich, schlimm, widerlich“.

Beim Blick aus der Ferne auf die Vorfälle weiß ich beim besten Willen nicht, wie ich zu einer „Meinung“ kommen soll. Die sozialen Medien waren schon übervoll von „Meinungen“, bevor man irgendwas Konkretes über die Kölner Vorfälle wusste. Ich habe keine Ahnung, wie ein Staat ­Diebe und ­ sexuelle Gewalttäter für immer ausschalten kann. Wenig erfolgsversprechend, sie – frei nach einer Idee der Kölner Bürgermeisterin – am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen.

Eine Meinung kann ich mir nicht im Supermarkt oder online kaufen. Ich muss sie mir irgendwie erarbeiten. Und das gelingt mir nicht, weil ich über die Vorfälle, ihre Hintergründe, über die Täter, über die Opfer, über die Polizei zu wenig weiß. Eine Meinung habe ich dagegen zu den vielen abominablen Meinungen, die im Netz abgesondert werden. Viele Männeridioten missachten in ihrem Recht auf Meinungsfreiheit sämtliche Menschenrechte und klagen gleichzeitig (deutsche) Frauenrechte ein.

Sexuelle Übergriffe auf Frauen und deren Schutz bei Massenveranstaltungen (wie Volksfest, Fischmarkt oder Weindorf) waren bisher ja höchst selten ein Thema, und wenn, dann hat man die Frauen, die sich dazu geäußert haben, belächelt und verspottet. Die jetzt allenthalben auf Verdacht gestellte Forderung nach schnellerer Abschiebung von Asylanten ist im Übrigen so alt wie der Asylant. Und wer nicht der Meinung ist, durch schnellere Abschiebungen ließen sich die herrschenden Verhältnisse in diesem Land ändern und die Entwicklungen dieser Welt stoppen, gilt für arrogante Meinungs- und Rechtsträger seit jeher als „Gutmensch“ oder neuerdings als „Flüchtlingseuphoriker“. Zum Glück fordern CDU-Politiker jetzt härtere Strafen gegen „respektloses Verhalten“. Ein guter Vorschlag, sofern der lange Frauenarm des Gesetzes auch die Politiker erreicht.



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