Bauers DepeschenMittwoch, 08. September 2010, 574. Depesche![]() FLANEURSALON am Dienstag, 14. September, 20 Uhr: Im Schlesinger sind noch Plätze und Gedanken frei. Schnitzel-Einlass: 18 Uhr. Karten am Tresen! NEU: LIVE SALON ![]() ![]() ![]() TIPP: Heute mal ins Feuilleton der "Zeit" schauen, Stuttgarter über Stuttgart 21 - Peter Kümmel berichtet... ![]() ![]() Hier die aktuelle StN-Kolumne, Donnerstagausgabe (irgendwann auch StN online): ![]() ![]() DER WOLKENSCHIEBER ![]() ![]() Einhundertsiebenundvierzig Meter über dem Erdboden habe ich beschlossen, ins Wolkenschieber-Geschäft einzusteigen. Immer wenn ich zur Kanzel des Fernsehturms hinauffahre und zum Fenster hinausschaue, habe ich eine Scheißaussicht. Das kommt vom Scheibenkleister. ![]() Als Wolkenschieber im Fernsehturm werde ich nie arbeitslos, so wenig wie Sisyphos, wenn er seinen Felsblock den Berg hochrollt, bevor der Felsblock wieder hinunterrollt. Diese Art von Arbeit ist in Stuttgart sehr beliebt. Man sieht es der Landschaft an. Wir sind die größten Rauf- und Runterroller der Welt. ![]() Ein Fernsehturm, das muss ich mal festhalten, ist was anderes als ein Baumhaus. Den Fernsehturm sollen sie erst mal stürmen. Nicht mit mir. Als ich an der Ruhbank aus der Linie 15 stieg, hätte die Polizei den Fernsehturm nicht einmal aus der Nähe gesehen. Ich habe ihn auch nicht gesehen. Als ich eine Weile durch den Wald stolperte und schon nass und dreckig war, sah ich einen Ballon über mir aufsteigen. Die Polizei. Die suchten mich. Freunde, rief ich, ihr wisst nicht, wo mein Baumhaus wohnt. Aber es war nicht der Polizeiballon, es war die Fernsehturmkanzel. Sie schwebte im Nebel über dem Kickersplatz und ließ eine Träne fallen. Sah aus, als hätte man ihr das Schussbein amputiert. ![]() Ich kaufte mir für einen Fünfer eine Eintrittskarte und fuhr mit dem Fahrstuhlführer hinauf zum Panoramacafé. Das Café war da, das Panorama hatte sich frei genommen. Vor dem Fenster Wolken. Nichts als Suppe. Macht nichts, dachte ich, lieber einhundertsiebenundvierzig Meter über der Erde als sechs Fuß unter der Erde. ![]() Neulich war ich sechs Fuß unter der Erde. Ich traf Typen mit langen, roten Bärten. Sie krochen gerade aus ihren Särgen, waren hilf- und orientierungslos. Einige liefen rechts im Kreis herum, andere links. In der Mitte tanzte einer auf einem Bein und sang: Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelschmidchen heiß. – Guten Tag, wir sind die Zombies vom Stamme der Schmiedel-Wutz, die Wähler haben uns begraben, sagte einer. Ja, sagte ich, das war der Volksentscheid. Das Volk hat gesagt: Die mit den langen, roten Bärten könnt ihr tiefer legen, die passen in jeden Sarg, Flügel haben sie sowieso nicht mehr. ![]() Oben auf dem Fernsehturm, das ist was anderes als sechs Fuß unter der Erde. Ich schob drei, vier Wolken zur Seite, schaute hinunter auf die Stadt, und nach einer Weile wusste ich, wie Gott sie gebaut hat. Er hat tausend Kilometer Autobahn geteert, und erst als er merkte, wie scheibenkleistermäßig das aussah, hat er etwas Wald drumherum gestellt. Am Ende hat er ein paar SPD-Bärte auf die Bäume gesetzt und gesagt: Vorwärts, ihr komischen Vögel, singt etwas, das den Wäldern gefällt. Die SPD-Bärte verstanden: Singt etwas, was den Wählern gefällt. So entstand das Pfeifen im Walde. Heute ist das Pfeifenlied unter dem Titel „Volksentscheid“ ein Hit. ![]() Der schlimmste Feind in meinem Job als Wolkenschieber ist der Wolkenbruch. Es gibt viele Wolken, aus denen man fallen kann. Die Federwolke, die Schäfchenwolke, die Schleierwolke, die Haufenwolke, die Staubwolke. Bei Wolkenbruch siehst du die Staubwolken am Bahnhof nicht mehr. Man kann sie sehen, wenn der Bagger auf den Nordflügel einschlägt. Als ich auf dem Fernsehturm war, flog eine riesige Staubwolke vor dem Fenster auf und ab. Ich rief: Hey, Staubwolke, ich bin der Wolkenschieber, wo kommst du denn her? Mann, sagte die Staubwolke, unten am Bahnhof ist alles voller Staubwolken, die Wähler haben einen von der SPD gesichtet. ![]() Ein Ausflug auf den Fernsehturm hat Klasse. Ich schaue zu, wie King Kong auf dem Geländer steht und Polizeihubschrauber aus den Wolken pflückt. Sie wollten King Kongs Baumhaus angreifen. Nicht mit mir. Ich bin der Wolkenschieber. ![]() Leider sind inzwischen harte Fälle von Wolkenschieberei bekannt geworden. Das geht in die Milliarden. Die Wolkenschieberei ist kaum noch auszuhalten. Als ich aus dem Fernsehturm sah, zogen sie vorbei: Herr Schuster auf seiner Schleierwolke, Herr Mappus auf seiner Haufenwolke, die SPD auf einer rosa Puderwolke. Sie roch. ![]() Mein lieber Wolkenschieber, das war ein Wetter. Ein Tag für Niederschläge. ![]() ![]() SOUNDTRACK DES TAGES ![]() ![]() KOMMENTARE SCHREIBEN: LESERSALON ![]() ![]() DIE STN-KOLUMNEN ![]() E-Mail-„Kontakt“ ![]() ![]() FRIENDLY FIRE: ![]() UNSERE STADT ![]() www.kessel.tv ![]() www.edition-tiamat.de (Hier gibt es mein aktuelles Buch "Schwaben, Schwafler Ehrenmänner - Spazieren und vor die Hunde gehen in Stuttgart") ![]() www.bittermann.edition-tiamat.de (mit der Fußball-Kolumne "Blutgrätsche") ![]() GLANZ & ELEND ![]() ![]() ![]() ![]() |
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