Bauers Depeschen


Donnerstag, 07. Oktober 2010, 592. Depesche



Und wieder haben wir die Ehre bekanntzugeben:

FLANEURSALON am Sonntag, 7. NOVEMBER (19.30 Uhr), im THEATERHAUS mit:

HÄUPTLING SITTING KÜCHENBULL - Außerdem im Aufgebot: Eric Gauthier Trio, Dacia Bridges Duo, Michael Gaedt solo als The Master Of The Universe...

Raging Bull: VINCENT KLINK



Und dann wurde aus ein paar Zeilen vom Vortag eine StN-Kolumne:

DIE BEWEGER

Wenn mir, wie in diesen Tagen, das Gefühl für die Zeit verloren geht, unterscheide ich nur noch zwischen Tag und Nacht. Nicht mehr zwischen April und August. Es muss im frühen Frühjahr gewesen sein oder im kalten Mai, vermutlich in diesem Jahr, als ich mit zwei Autoren der Ludwigsburger Filmakademie im Café Grand Planie saß. Wir redeten über Stuttgart. Die Männer suchten Stoff für Dokumentarfilme. Ach, sagte ich, es ist langweilig geworden in der Stadt, sie steht still. Alles geht seinen Gang, auch Stuttgart 21, Sie wissen schon.

Als am vergangenen Sonntag der 20. Jahrestag der deutschen Einheit gefeiert wurde, las ich einen Aufsatz des amerikanischen Schriftstellers Richard Ford. Ich war neugierig. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich anlässlich seines Besuchs im Stuttgarter Literaturhaus mit ihm reden dürfen, und die Bescheidenheit dieses berühmten Mannes hat mich so beeindruckt, dass ich mir später, was ich zuvor nie tat, ein Foto mit Autogramm besorgt habe.

In dem Aufsatz zur deutschen Einheit beschreibt Richard Ford seine frühere Arroganz gegenüber allem Nicht-Amerikanischen. Eines Tages kam er nach Deutschland, und ein junger Mann sagte ihm, er verstehe seine Geschichten nicht: Ihre Figuren, sagte er, ziehen von Ort zu Ort, das ist etwas Amerikanisches, ein Deutscher würde so etwas nie tun. Das war im Herbst 1989. Richard Ford antwortete dem jungen Mann, so schreibt er, „in der perfekten, naiven Gewissheit“, die Welt zu kennen: „Warten Sie nur ab. Es wird nicht lange dauern. Bald werden die Leute in Deutschland auf eine Weise in Bewegung geraten, die Sie sich nie hätten vorstellen können. Wahrscheinlich tun sie es schon. Sie haben es nur nicht bemerkt. Manchen Kräften kann man einfach nicht widerstehen.“

Wenige Wochen später fiel die Mauer. Richard Ford löst seine Geschichte auf mit dem Zitat eines Dichters, wonach ein Narr die Wirklichkeit beeinflusst – verharrt er nur lange genug in seiner Narrheit.

Seit ich den Aufsatz (in der „FAS“) gelesen habe, lässt mich eine Bemerkung nicht mehr los: Leute geraten „in Bewegung“, weil sie „manchen Kräften“ einfach „nicht widerstehen“ können. Dieser Gedanke erscheint mir wichtiger als die Frage, ob der Justizminister Goll durchs Visier seiner Smith & Wesson „verwöhnte Demonstranten“ erkennen kann (ohnehin kommt Goll mit Kanone und Ferrari daher, als wollte er dreißig Jahre zu spät in einer „Miami Vice“-Version für Arme mitspielen).

Es geht schon lange nicht mehr um den Rennautofahrer Goll. Die Leute von Stuttgart sind „auf eine Weise in Bewegung“ geraten, wie es nur der Narr des Dichters hätte wissen können. Um sie zu stoppen, lässt man die Polizei Zäune aufstellen. Manchen Kräften aber sind auch Gitter nicht gewachsen. Im Zweifelsfall macht man, wie am Bahnhof, eine Wandzeitung daraus.

Die Stadt, so scheint mir, hat eine ganze Weile in der Bewegungslosigkeit verharrt. Das Machtgepolter des Mappus’schen Dilettantenstadls ist so originell wie die Aussicht auf die Kreisstadt-Partys in der Theodor-Heuss-Straße, die Ballermann-Rituale auf dem Weindorf und Schusters Holzhammer-Humor auf dem Volksfest. Die Politik hat den Kessel so lange gedeckelt, bis die Menschen pfiffen – und spielend und singend durch ihre Parks und Straßen zogen. Ihren Kräften haben sie nicht freien Lauf gelassen, sondern Energie mit Fantasie vermischt – und ihr eigenes Ding gemacht.

Diese kreative Bewegung gegen die Politik der Ignoranz hat die Macht ins Wanken gebracht. Der Versuch, diese Kraft mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Pfefferspray lahmzulegen, war erbärmlich. „Stuttgart 21 verändert Deutschland“, schreibt diese Woche „Der Spiegel“. Man muss nicht unbedingt ein Narr sein, um daran zu glauben: Es bewegt sich was.

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