Bauers DepeschenSamstag, 04. September 2010, 572. Depesche![]() STUTTGART-AUFRUHR auf dem Höhepunkt: Kickers kassieren am Samstag drei Platzverweise und zwei Foulelfemeter beim 1:2 gegen den 1. FC Nürnberg II auf der schönen Waldau. Ich schwöre: Es war ein insgesamt friedliches Spiel bei herrlichem Wetter. Anscheinend wurde der Schiedsrichter von einem Feuerzeug getroffen - es sei, so heißt es, von der Haupttribüne der Blauen geworfen worden. Der Schiri lebt. Der neue Werbeslogan der Blauen lautet: "Wo Fußball noch rockt". Der DFB erwägt, zum Schutz seiner Pfeifen einen Bauzaun auf der Waldau zu errichten. ![]() ![]() 2. LADUNG: Flaneursalon am 14. September im Schlesinger. ![]() ![]() TIPP ![]() Den Aufsatz im Berliner "Tagesspiegel" über Stuttgart 21 finden Sie in der 571. Depesche. Hier die StN-Kolumne von diesem Samstag (aus technischen Gründen nicht StN online): ![]() ![]() MEINE MEINUNG ![]() Das Wetter ist nach Meinung der Ökos besser geworden, seit ich meine Heizung aufgedreht habe. Morgens riecht es frisch in der Stadt. An der Mehrzweckhalle Häussler-City-Plaza, dem Sinnbild sensibler Stuttgarter Stadtplanung am Rotebühlplatz, hat man das Niveau der Marienstraße erreicht. Es stinkt nach der fortschrittlichen Städtebau-Kategorie „Dienstleistung“, auch Imbissfett genannt. ![]() Ich will mir nicht schon am Morgen die Schnüfflernase ruinieren und gehe zum Bahnhof, neue Druckerzeugnisse kaufen. Noch besitze ich kein iPad, um meine Lieblingsheftchen im Bett zu lesen. Über den Charlottenplatz erreiche ich den Bahnhof, Nordausgang. Der Bauzaun ist inzwischen so hoch, dass die vielen internationalen Zaungäste kaum noch sehen können, wie es aussieht, wenn man einem Bahnhof den Flügel ab- und die Eingeweide herausreißt. ![]() Es gibt Leute, die sagen, es sei richtig, die Bahnhofsflügel zu amputieren. Die sähen scheiße aus. Das ist ein fortschrittlicher Standpunkt. Man sollte alle Dinge wegreißen, die nicht dem eigenen Geschmack entsprechen. Der Geschmack hat immer recht. Geschmack haben Leute, die wissen, dass ihr Geschmack der richtige Geschmack ist. Leute, die für den Abriss der Flügel sind, haben einen fortschrittlichen Geschmack. Sie lieben fortschrittliche Kunst, fortschrittliche Literatur, fortschrittliche Musik, fortschrittliches Essen. Sie würden jederzeit einen Häusslerimbiss bauen. Aber nie dort essen. Sie schauen Fernsehshows mit fortschrittlichen Köchen und wählen fortschrittliche Parteien. ![]() Die Kulturbürgermeistern Frau Eisenmann von der CDU sagt, man müsse über einen Baustopp im Fall Stuttgart 21 nachdenken. Das ist eine fortschrittliche Idee, ein Zukunftsprojekt: Der Oberbürgermeister-Wahlkampf für Arme hat begonnen. ![]() Ich bin gegen Fortschritt und gegen Meinungsfreiheit. Denn Meinungsfreiheit ist eine fortschrittliche Errungenschaft. Das Recht auf Meinungsfreiheit tritt in Kraft, wenn einer die richtige Meinung hat. Die richtige Meinung hat einer, wenn er nach dem Geschmack des Meinungsfreiheitsrichters nicht die falsche hat. ![]() Der Meinungsfreiheitsrichter kommt und sagt: Das darf man so meinen. Aber nicht sooo sagen. Der Thilo Sarrazin darf das sooo nicht sagen. Und der Walter Sittler auch nicht sooo. Meinungsfreiheit ist, wenn Leute die Freiheit haben, einem zu sagen, was man sooo nicht sagen darf – und schon gar nicht sooo machen. ![]() Der Stadtrat Hannes Rockenbauch darf nach Meinung des Meinungsfreiheitsrichters nicht über den Bauzaun vor dem Bahnhof klettern. Rockenbauch hat die falsche Meinung darüber, was er macht. Falsch ist in unserem Land der Meinungsfreiheit die amerikanische Freiheitsmeinung (die Walter Sittler, geboren in Chicago, kennt): Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss – dafür trägt er die Konsequenzen. ![]() So geht das nicht. Seit Jahr und Tag sagt man beispielsweise unsereins die Meinung darüber, was Humor ist und was nicht: Mit Humor, Satire und Ironie hat das, was Sie meinen, nichts zu tun! Zwar wissen die Meinungsfreiheitsrichter nach Meinung meines Humorlehrers nicht, was Humor, was Ironie und was Satire ist. Sie wissen aber, was Humor, Ironie und was Satire nicht ist. ![]() Meinungsfreiheit könnte meiner Meinung nach sein, dass man die Freiheit hat, die falsche Meinung zu haben, solange sie keinen umbringt. Das wäre demokratische Freiheit. Wo aber kämen wir da hin? Sarrazin darf nicht das Falsche sagen, selbst dann nicht, wenn es für den Meinungsfreiheitsrichter nichts Größeres gibt, als Sarrazin zu sagen, dass er das Falsche sagt. ![]() Es herrscht ein irres Verständnis von dem, was man in einer Demokratie sagen darf und was nicht. Ich halte die Schnauze und sage: Freies Wochenende! ![]() ![]() SOUNDTRACK DES TAGES ![]() ![]() KOMMENTARE SCHREIBEN: LESERSALON ![]() ![]() DIE STN-KOLUMNEN ![]() E-Mail-„Kontakt“ ![]() ![]() FRIENDLY FIRE: ![]() UNSERE STADT ![]() www.kessel.tv ![]() www.edition-tiamat.de (Hier gibt es mein aktuelles Buch "Schwaben, Schwafler Ehrenmänner - Spazieren und vor die Hunde gehen in Stuttgart") ![]() www.bittermann.edition-tiamat.de (mit der Fußball-Kolumne "Blutgrätsche") ![]() GLANZ & ELEND ![]() ![]() ![]() ![]() |
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