Bauers Depeschen


Mittwoch, 07. September 2022, 2320. Depesche


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LIEBE SALON-GEMEINDE,

es gibt eine neue Kontext-KOLUMNE: Warum Stuttgart Schuld hat am Karl-May-Getöse: FÜR EIN PAAR DUMME MEHR



KULTUR IN NOT

Zurzeit haben es Kulturveranstaltungen im kleineren und mittleren Bereich sehr schwer: Das Publikum bleibt weg oder kommt nur noch zögerlich. Deshalb bin ich für Unterstützung sehr dankbar:



TERMINE:

> Am Montag, 19. September, stellt Heinrich Steinfest im Stuttgarter Literaturhaus seinen neuen Roman „Der betrunkene Berg“ vor (unsereiner moderiert). KARTEN, INFOS: LITERATURHAUS



> Am Donnerstag, 20.Oktober, ist der Flaneursalon im Bürgerhaus Möhringen. Gäste: Eva Leticia Padilla, Loisach Marci und Timo Brunke. (Vorverkauf erst im Oktober)



> Am Samstag, 29. Oktober, tritt der Flaneursalon auf Einladung im Laboratorium auf - Stuttgarts ältester Live-Club feiert seinen 50. Geburtstag. Mit Katalin Horvath, Eva Leticia Padilla, Jess Jochimsen. Karten: KARTEN, INFOS: LABORATORIUM



> Am 20./21. Dezember gibt es wieder Die Nacht der Lieder, die große Benefiz-Show im Theaterhaus. Karten online: THEATERHAUS – und telefonisch: 0711/4020720



KÜNSTLER:INNENSOFORTHILFE STUTTGART

Anfang Juni haben wir unsere Arbeit eingestellt, weil formale Fragen mit den Behörden zu klären waren. Inzwischen haben wir alles erledigt und wieder grünes Licht. Ab sofort sind wir wieder aktiv. Seit Mitte März 2020 haben wir mehr als 1,5 Millionen Euro gesammelt und an Pandemie-Betroffene in der regionalen Kulturarbeit weitergeleitet. Für weitere Spenden sind wir sehr dankbar. Vor Anfragen bitte unsere Webseite beachten: KÜNSTLER*INNENSOFORTHILFE STUTTGART



NOTIZEN

Sonntagnachmittag, Sitzbank im Kernerviertel. Ich komme gerade von einem kurzen Ausflug zurück. Mit der Straßenbahn ging’s am Neckar entlang, auf dem Rückweg Proviant-Stopp in einem mir zuvor unbekannten Café namens Tratsch in der Cannstatter Altstadt. Die meiste Zeit war ich dort im Freien mit der Abwehr hungriger, relativ träger Wespen beschäftigt, nahm aber dennoch im Café einiges zu mir, beispielsweise Pancakes mit Ahornsirup, beides ziemlich geschmacksneutral.

Auf Ausflügen, die man allein unternimmt, vor allem in sonntags eher verlassenen Straßenbahnen, lauert immer die Gefahr, etwas sentimental zu werden. Liegt an meiner Erinnerung, lange Zeit nicht allein herumgefahren zu sein. Bei Solo-Touren bleibt der Humor gern auf der Strecke. Man kann ja nicht dauernd über sich selbst lachen, bloß weil man nichts tut, außer in der leeren Straßenbahn herumzufahren.

In jüngster Zeit, die anscheinend doch nicht die letzte war, hatte ich oft einen Laptop in einem Turnbeutel oder Minirucksack bei mir. Irgendwo, auf einer Open-Air-Sitzbank, hole ich ihn raus und tippe was rein, das so bedeutungsvoll ist, wie mit der Straßenbahn herumzufahren. Die Tauben vor meiner Bank kommen mir so nahe, dass ich fürchte, sie könnten meine Schuhe anfressen. Hab ich Schnabelschuhe?

Auf der Hinfahrt, die kein Ziel hat, schaue ich aus dem Fenster, und auf der Rückfahrt lese ich in einem Buch, weil ich ja schon alles da draußen gesehen habe, wenn auch auf der anderen Seite. Manchmal weiß man nicht, auf welcher Seite man ist. Ich weiß auch nicht, ob man auf diese Art zu reisen etwas von der Welt erfährt. Die Welt aber ist mir nicht mehr so wichtig, seit ich immer öfter erfahre, dass sie bald untergeht. Das stimmt so vielleicht nicht, aber ich bin jetzt 68, und dann ist es egal, ob bald schon die Welt oder man selber untergeht.

Ach so, sagst du, das sei ein verantwortungsloser, ein egoistischer Gedanke. Das ist wahr, aber all die Superverantwortlichen tun auch nicht gerade viel, damit die Welt nicht untergeht. Ich habe heute übrigens keine Wespe erschlagen, weil ich vor einiger Zeit gehört habe, Wespen seien nützlich fürs Überleben der Welt. Im Zirkus hab ich mal einen Clown gesehen, der mit ausgebreiteten Armen in der Manege herumgehopst ist und eine Biene gespielt hat. Am Ende sagte er, „ich bin eine Vespa“, und alle haben gelacht.

Das Buch, in dem ich vor dieser Niederschrift gelesen hab, ist von Paul Mason und heißt „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“. Habe es schon mal erwähnt. Auf Seite 314 steht: Reich und Fromm „waren die ersten Marxisten, die erklärten, was Gramsci nicht hatte erklären können: Sexualität, sexuelle Unterdrückung, Familie und Macht sind die ‚Elementarkräfte‘, die den Faschismus antreiben. Und der antifaschistische Kampf muss mit einer lebhaften Bildersprache, mit Emotionen und Instinkt geführt werden. Das wird immer ein Auswärtsspiel sein, aber es ist unvermeidlich.“

Erinnert mich daran, wie ich mich unbeliebt mache, wenn ich bei antifaschistischen Aktionen hin und wieder sage, ich könne die ewig gleichen Satzbausteine nicht mehr hören. Auch fände ich Konservenmusik falsch, weil sie emotional zu wenig bewirke. Lebhaft heißt live. Noch schlimmer ist, wenn Gewerkschaften bei Kundgebungen meinen, sie müssten zwischen ihre politischen Botschaften Interpreten alter, tausendmal gehörter und verhunzter Arbeiterlieder zwängen. Es ist falsch, Musik bei Aktionen nach ihren textlichen Inhalten auszuwählen. Aktionen brauchen Kontroverses. Das Laute und Leise, das Aufrüttelnde und Berührende. Sonst erzeugt man keine Emotionen. Richtig ist ein Zusammenspiel von Kopf und Bauch. Vielleicht aber habe ich die falschen Sensoren.

Die Frage, wie man faschistische Prozesse stoppen kann, ist angesichts der drohenden existenziellen Krisen die vermutlich wichtigste überhaupt. Rechtspopulisten, Nazis und Konservative tun sich zusammen – und nicht wenige Linke sind für deren Bildersprache und Emotionen anfällig. Keine Ahnung, wie groß (außerhalb der Antifa-Bündnisse) die Bereitschaft ist, gegen die Rechten etwas in der Praxis zu tun. Mit einem Laptop auf einer Bank zu sitzen, um ein paar Gedanken loszuwerden, ist auch keine Praxis. Also stelle ich den Text jetzt auf meine Homepage, klappe das Ding zu und rufe jemanden an, ob es was zu tun gibt. Das ist das Schwierigste: Herauszufinden, was man wie tun kann.







 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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