Bauers Depeschen


Montag, 06. Januar 2020, 2167. Depesche


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Hört die Signale!

DIE MUSIK ZUM TAG



LIEBE GÄSTE,

wenn die Heiligen drei Könige aus dem Kalender und damit die Stallgerüche der FDP aus dem Stuttgarter Opernhaus verschwunden sind, darf man die „Gutts Neuss“-Wünsche einstellen. Die können ohnehin nur zynisch klingen, wenn man die Meldungen über Trump/Iran/Irak verfolgt.

Mein nicht näher definiertes Geschäft ist ja eher der Blick vor die eigene Haustür. Eine Aussicht, die schnell hinausführt aus dem eigenen Stall, sofern man die Verbindungen zwischen hier und dort halbwegs präzise betrachtet.

Direkt in meiner Stuttgarter Nachbarschaft im Stuttgarter Süden ist der Eagle, ein 30 Jahre alter, diskret geführter Schwulenclub am sog. Mozartplätzle. Weil zum Jahreswechsel ein Pächterwechsel ansteht, hat irgendeine Leuchte der städtischen Gaststättenbehörde den Betreibern mitgeteilt, ihr Laden sei eine „Gefahr für die Sittlichkeit“. Zu Wiederherstellung teutscher Ordnung und Moral will er nicht nur das „Abspielen von Musik“ verbieten, sondern auch untersagen, dass sich in dem (nicht öffentlich zugänglichen) Laden Menschen unbekleidet bewegen. Könnte ja einem verirrten Rathaus-Beamten im Darkroom ein nackter Arsch ins Gesicht springen.

Es gab deshalb viel Aufregung und Solidarität in den asozialen Medien, weshalb die Stadtverwaltung auf ihrer Webseite zügig verlautbarte, man werde sich so schnell wie möglich um die Sache kümmern und eine Lösung finden. Wie erwartet, wurden vornehmlich die Grünen im grün geführten Rathaus angegriffen. Nun bin ich kein Anwalt der Grünen, weiß nur, dass die Gaststättenbehörde dem Ordnungsbürgermeister von der CDU unterstellt ist. Was wiederum Wurscht ist, weil grundsätzlich klar sein muss: Die vielen politischen Bekenntnisse zur „weltoffenen“ Gesellschaft und das Gefasel über die „bunte Stadtgesellschaft“ sind nicht viel wert, zumal die gesellschaftlichen Verhältnisse und Stimmungen immer stärker von rechten Gesinnungen beeinflusst werden.

Klar ist auch: Liberalere Gesetze, die z. B. nicht mehr nur Ehen zwischen Männern und Frauen erlauben, ändern nicht gleichzeitig das gesellschaftliche Klima. Wir dürfen uns nichts vormachen. Schwulenhass existiert bei uns weiterhin wie der Rassismus/Antisemitismus mit all seinen Auswüchsen. Daran ändert auch das Outing einiger Politiker nichts, zumal die ja nicht reaktionäre Positionen auf anderen Gebieten aufgeben. Für viele in der Politik und unter uns gilt nach wie vor der alte Kabarett-Spruch: „Wir haben nichts gegen Schwule. Aber normal ist das nicht.“

Für unsereins lehrreich sind solche Vorfälle, weil sie von den meisten, die sich dazu äußern, isoliert (und parteibezogen) betrachtet werden – und nicht als Symptom der Zustände, in denen wir leben.

Damit komme ich zum Thema „Stuttgart 21“, das seit jeher von einer kurzsichtigen Mehrheit unter der Rubrik „Bahnhof“ abgehakt wird. Am 3. Februar findet die 500. Montagsdemo statt, diesmal wieder vor dem Hbf. Bei der Kundgebung, moderiert von der Linken-Bundestagsabgeordneten Sabine Leidig, sprechen die Verkehrswissenschaftler Hermann Knoflacher (Wien) und Heiner Monheim (Trier), zwei Kapazitäten ersten Ranges. Daneben wurde auch ich als Redner eingeladen; angesichts der akademischen Kompetenz darf ich, wie immer bei solchen Gelegenheiten, mit gutem Gewissen etwas abschweifen und den Blick auf andere gefährlichen Gleise und Tunnel unserer politischen Landschaft lenken. Der Lenkungskreis Jazz, eine sehr gute Band, spielt uns den Soundtrack.

Dass der Protest gegen S 21 auch von etlichen Linken belächelt und verspottet wird, ist mir bekannt. In diesen Zeiten halte ich es dennoch für richtig, die Gelegenheit zu nutzen, um einen Haufen Menschen auf der Straße anzusprechen. Nicht alle verstehen nur Bahnhof. Und viele der Spötter rühren auch für andere politische Aktionen keinen Finger.

Dringend muss ich noch auf die anstehenden Dinge im erweiterten Unterhaltungsbereich hinweisen, z. B. auf unseren Flaneursalon am Samstag, 7. März, im Stuttgarter Stadtarchiv, einem wirklich schönen Backstein-Ort. Gast im Flaneursalon ist zum zweiten Mal Dr. Dietrich Krauß, seines Zeichens hauptamtlicher Autor der Satireshow „Die Anstalt“. Anlässlich einer Ausstellung im Stadtarchiv werden wir an diesem Abend auch das Thema „Fußball“ streifen: als Teil der historischen Arbeiterbewegung. Herr Krauß ist an der Arbeit. Hier der Link zum Vorverkauf: KARTEN FLANEURSALON



TERMINE AUF EINEN BLICK

FREITAG, 10. JANUAR: Die Poetin/Liedermacherin/Kabarettistin Uta Köbernick gastiert in der Rosenau. 20 Uhr.

SAMSTAG, 11. JANUAR: Um 18 Uhr liest die Kulturwissenschaftlerin Karoline Walter im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz aus ihrem Buch "Guten Abend, gute Nacht". Thema: Wie der Schlaf instrumentalisiert wird - siehe Kolumne "Erwachet" vom 26. 10. 2019.

Ebenfalls am 11. JANUAR ist der Berliner Kabarettist ARNULF RATING im Stuttgarter Renitenztheater. 20 Uhr.

SONNTAG, 12. Januar: Benefiz-Konzert für die Beerdigung des verstorbenen Jazzmusikers und Grafikers Herbert Joos im Theaterhaus. 18 Uhr.

DONNERSTAG, 16. JANUAR: Julia Fritzsche liest im Stuttgarter Welthaus aus ihrem Buch „Tiefrot und radikal bunt - Für eine neue linke Erzählung“. Moderation: Dietrich Krauß. 19 Uhr, Eintritt frei.

SAMSTAG, 7. MÄRZ: Flaneursalon im Stuttgarter Stadtarchiv.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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