Bauers Depeschen


Montag, 14. Mai 2018, 1950. Depesche


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DER STUTTGARTER HAFEN RUFT, ein Tag am Neckar: Am Samstag, 16. Juni, feiern wir den Flaneursalon am Fluss. Zum 20-jährigen Bestehen meiner Lieder- und Geschichtenshow ein besonderes Programm: Eric Gauthier & Jens-Peter Abele, Dietrich Krauß, Rolf Miller, Hajnal & Friends, Toba Borke & Pheel, Chor rahmenlos & frei.

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LIEBE GÄSTE,

meine StN-Beiträge erscheinen jetzt im StN-Plus-Angebot und sind deshalb auf der Flaneursalon-Homepage erst mit Zeitverzögerung zu lesen.



Die StN-Kolumne vom 4. Mai:

SO BENIMMT SICH NIEMAND

Wenn ich das Gefühl habe, ins Schwimmen zu geraten, wie etwa die Stuttgarter Kickers, ist ein Ausflug ans Wasser das Beste. Und das Allerbeste ist Mineralwasser, wovon wir in der Stadt zum Glück reichlich haben. Ich denke dennoch, ich sollte ein paar Tage Ferien an einem fremden Wasser machen, einer großen Pfütze. Dort träume ich, wie die Welt an mir vorbeischwimmt und die Sintflut in der Ferne unseren Kessel überschwemmt.

Die Ansicht, wonach der Kessel kein Kessel, sondern eine Wanne ist, deren Abfluss wir verstopfen sollten, um ein wenig Spaß zu haben, hat uns so ähnlich der Schriftsteller Helmut Heißenbüttel hinterlassen. Von oben betrachtet, ist diese Wanne ein ergreifender Anblick. Kein Mensch stellt sich dabei vor, dass es unten staubt und stinkt.

Am 1. Mai habe ich vom wiedereröffneten Waldheim Gaisburg in den Talkessel geschaut und nach Ausgängen gesucht. Das Waldheim Gaisburg, 1911 gegründet und heute einer der schönsten Biergärten der Stadt, hat einen neuen Namen. Es wurde auf seinen geistigen Vater Friedrich Westmeyer getauft. 1873 in Osnabrück geboren, kam der Schornsteinfeger und spätere Redakteur1905 nach Stuttgart, wo er sich dem Kreis um Clara Zetkin anschloss und für die „Schwäbische Tagwacht“ arbeitete. Er hatte die Waldheim-Idee. 1909 entstanden die bis heute beliebten Anlagen in Heslach und Sillenbuch. Seinen Leitspruch hatte er Goethes „Faust“ entlehnt: „Hier bin ich Mensch, hier kann ich’s sein.“

Das Leben des Antimilitaristen Friedrich Westmeyers, der 1917 an der Westfront in einem Kriegslazarett starb, könnte viele Kolumnen füllen. Am 1. Mai beschäftigte mich weniger die Waldheim-Bewegung als ein anderes Engagement des Politikers und Gewerkschafters: In Stuttgart kämpfte er vor allem gegen das Wohnungselend. Von1906 an war er Chef des Heslacher Bezirks der Sozialdemokratischen Partei.

Als ich vom Waldheim ins Tal hinabschaue, denke ich mir: Mensch, Friedrich, gerade wurden in deinem Bezirk zwei leer stehende Wohnungen besetzt, in der Heslacher Wilhelm-Raabe-Straße 4, einer Querstraße der Karl-Kloß-Straße, benannt nach deinem großen Genossen aus Heslach.

Mehr als hundert Jahre nach Westmeyers Tod ist es für mich müßig, über Recht und Unrecht einer Hausbesetzung zu streiten, in einer Stadt, in der die Mietpreise explodieren und bezahlbare Wohnungen für Normalverdiener nur noch selten und nur mit großem Glück zu finden sind. Am Tag der Besetzung, als die Sonne sommerlich schien und es sich die Menschen am Straßenrand auf rasch herbeigeschafften Bierbänken gemütlich machten, stand ich vor dem besetzten Haus und beobachtete die Ankunft der Polizei. Eine Frau sagte zu den Beamten: „Polizisten können sich in Stuttgart doch auch keine Wohnung mehr leisten.“ Einer von ihnen, mittleren Alters, drehte sich um und antwortete: „Ja, das stimmt.“

Polizisten kennen den Tatbestand der Notwehr besser als Hardliner, die jetzt nach Recht und Ordnung schreien, wo doch die jahrzehntelange Immobilienpolitik zugunsten profitorientierter Investoren alles andere als in Ordnung ist. Vom Recht der Menschen auf ihre Stadt zu schweigen.

In solchen Fällen hilft es nicht, gegensätzliche Meinungen „auszutauschen“. Meinungen sind keine Türschlösser. Die Heslacher Besetzung ist ein Akt, der ein Elend ins ­öffentliche Bewusstsein rückt.

Mich freut ein wenig, dass die Wilhelm-Raabe-Straße in diesen Tagen zu einer gewissen Berühmtheit gelangt. Im vergangenen Jahr habe ich mich mit ihrem Namensgeber beschäftigt, nachdem ich in Braunschweig ein paar Tage neben dem Wilhelm-Raabe-Haus, dem Literaturzentrum der Stadt, genächtigt hatte. Der Schriftsteller wohnte und arbeitete von 1862 bis 1870 mit seiner Familie in Stuttgart, erst in der Gymnasiumstraße, von 1864 an in der Hermannstraße 11 im Westen beim Feuersee.

Sein 1884 veröffentlichtes Werk „Pfisters Mühle“ gilt heute als einer der ersten großen Umweltromane und verarbeitet Raabes Stuttgarter Erfahrungen. In dem Buch verschmutzt eine Zuckerfabrik einen Bach und zerstört die Existenz des Gastwirts Pfister. Der Blick des Dichters auf die Industrialisierung. Raabe war ein sehr früher Grüner, und der dreckige Bach in „Pfisters Mühle“ erinnert mich an einen lebenden Provinzstar dieser Partei, der immer wieder durch seine Urteile über Ausländer auffällig wird.

Neulich posaunte er herum, er habe einen ihm unbekannten Zeitgenossen als „Asylbewerber“ identifiziert, weil der mit nacktem Oberkörper auf dem Fahrrad durch die Stadt gefahren sei: „So benimmt sich niemand, der hier aufgewachsen ist mit schwarzer Hautfarbe. Das wäre völlig missglückte Integration.“

Palmers krude Menschenkunde fand wie so oft auf Facebook statt. Unter einer dort von der „Frankfurter Rundschau“ verlinkten kritischen Betrachtung seiner Hautfarbenstudie erntete er einen denkwürdigen Kommentar, bei dessen Lektüre mir speiübel wurde. Der Absender reagierte auf Palmers Aussage „So benimmt sich niemand . . .“ mit der Schilderung eines Vorfalls, der den mediengeilen Grünen für alle Zeiten als selbst ernannten Benimmlehrer diskreditiert. „Herr Palmer“, schreibt der Kommentator, „hat in der Sauna in Tübingen zweimal ungeduscht das Abkühlbecken benutzt. Als ich ihn beim zweiten Mal darauf angesprochen und darauf hingewiesen habe, dass es üblich ist, sich vorher abzuduschen, hat er geantwortet, er müsse dies nicht und ich möge mich doch beim Bademeister beschweren.“

Nach dem Schwitzen ungeduscht ins Abkühlbecken zu steigen, ist für mich als Saunagänger die größte denkbare Schweinerei der Badekultur. Ein hygienischer GAU. Palmer darf nicht länger nur als geistiger Brunnenvergifter an den Pranger gestellt werden. Er ist ein Täter. Ungewaschen. Er hat heiliges Wasser beschmutzt. Darauf stand früher die Todesstrafe. Seien wir aber humaner als der Tübinger OB. Die richtige Antwort auf seine unappetlitliche Schandtat wäre ein wenig Waterboarding alter Schule: simuliertes Ertränken im eiskalten Abkühlbecken. Palmer soll zappeln!



 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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