Bauers Depeschen


Samstag, 13. Januar 2018, 1904. Depesche


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MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

SCHMIERE

Der Arzt und Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon bleibt trotz seiner antisemitischen Äußerungen Mitglied der AfD. Die rechtsnationale Partei mit ihren völkischen Anleihen will es so. Seine judenfeindlichen Behauptungen erinnerten stark an die Schriften des NS-Ideologen Alfred Rosenberg, sagen Antisemitismusforscher. Rosenberg war in der Nazi-Diktatur Leiter des deutschen Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete und mitverantwortlich für die systematische Vernichtung der Juden. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde er zum Tod verurteilt und 1946 hingerichtet.

Beim Blick auf die Verbrechen der Vergangenheit reden wir oft von Erinnerungskultur, wie wir überhaupt gern den Begriff Kultur mit allen möglichen Wörtern kombinieren: Willkommenskultur, Trinkkultur, Ameisenkultur. Inzwischen bin ich misstrauisch gegenüber der Erinnerungskultur. Ähnlich wie ein Denk- oder Mahnmal erzeugt dieser Begriff den Eindruck, etwas sei von gestern. Vorbei. Erledigt.

Neulich, es war schon dunkel, wartete ich am Ostendplatz auf den Bus. Vor mir sah ich das Schild Jakob-Holzinger-Gasse. Jakob Holzinger war ein jüdischer Arzt aus dem Fränkischen, verheiratet mit Selma Holzinger, geborene Oettinger, aus Riedlingen, verwandt mit der Familie Landauer, die ein Textilhaus am Marktplatz führte. Die Nazis haben getan, was Nazis tun. Heute heißt das Geschäft Breitling.

Die Erinnerung an die Geschichte der Holzingers habe ich auf meiner Busfahrt von Ost nach West mithilfe des Taschentelefons aufgefrischt.

In seiner Praxis am Ostendplatz, wo die Familie wohnt, behandelt der angesehene Arzt Patienten auch ohne Bezahlung. Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wird er vorübergehend ins KZ Dachau gesperrt. Wieder frei, schafft er seine Ersparnisse ins Ausland, damit seine Kinder fliehen können. Er und seine Frau wollen oder können Stuttgart nicht mehr verlassen. Um der Deportation ins KZ zu entgehen, bringen sie sich im November 1940 um.

Der Gewerkschafter und Antifaschist Eugen Eberle, von 1948 bis 1984 unbeugsamer Einzelkämpfer im Stuttgarter Gemeinderat, hat über das Schicksal der Holzingers in seinem mit Peter Grohmann herausgegebenen Buch „Die schlaflosen Nächte des Eugen E.“ einen bewegenden Aufsatz geschrieben – ein präziser Blick auf das Leiden der Menschen unter dem Nazi-Terror. 1996 ist Eberle gestorben. Am 1. September dieses Jahres, auch dies zur Erinnerung, steht sein 110. Geburtstag an.

Kurz nach meiner Ost-Tour, es ist wieder dunkel, gehe ich nach einer Stärkung im Imbiss Anatolien Gourmet durchs Hospitalviertel. Vor der Synagoge bleibe ich stehen, um mir ein Bild von den Renovierungsarbeiten zu machen. Das heutige Haus wurde 1952 eingeweiht. Auch die erste Stuttgarter Synagoge, 1861 eröffnet, stand an der Hospitalstraße. Bei den Novemberpogromen 1938 brannte der Nazi-Mob das Gebäude unter dem Beifall Schaulustiger nieder.

Meine Begleiterin auf dem Weg durchs Hospitalviertel rät mir, noch einmal zurückzugehen in die Büchsenstraße, um mir auch das Mahnmal für das ehemalige Polizeigefängnis anzuschauen. Leider ist die Schrift auf der Tafel an der Ecke Büchsenstraße/Leonhard-Lechner-Weg im Dunkeln nicht lesbar und selbst bei Tageslicht wegen ihrer engen Großbuchstaben nur mühsam zu entziffern. Schade, denn der Text der 1994 auf Initiative des Verbands Deutscher Sinti und Roma angebrachten Gedenktafel klärt uns vergleichsweise gründlich auf: „In der Zeit des Nationalsozialismus wurden hier Menschen gequält und gedemütigt. Im Gedenken an die Sinti und Roma, Mitbürgerinnen und Mitbürger, die dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer fielen. Zum Gedenken an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die entrechtet, deportiert und ermordet wurden. Im Gedenken an alle, die aus politischen und religiösen Gründen verfolgt wurden.“

Die Zeitschrift des Deutschen Ärzteverbandes hatte 1938 aufgefordert, „Juden und Zigeuner“ wie „Ratten, Wanzen und Flöhe“ und „alle diese Schädlinge biologisch allmählich auszumerzen . . .“

Das Gefängnis in der Büchsenstraße war berüchtigt und gefürchtet als Büchsenschmiere; viele wurden von hier aus in den Tod geschickt. Das Wort Schmiere deutete nicht nur, wie oft vermutet, auf den verdreckten Gestapo-Kerker hin. Das Wort Schmiere kommt aus dem Jiddischen und bedeutet Wache, im weitesten Sinn auch Polizei. Noch lange nach dem Krieg wurde die Stuttgarter Polizei im einschlägigen Milieu nur "Schmier" genannt; vielen Einheimischen ist diese Bezeichnung bis heute geläufig, ohne ihre Herkunft zu kennen.

Am Tag nach dem Spaziergang durchs Hospitalviertel fahre ich nach Cannstatt, König-Karl-Straße 47. Hier haben, ebenfalls am 9. November 1938, Nazis unter Mithilfe der örtlichen Feuerwehr die Synagoge zerstört. Sie wurde nach dem Krieg nicht mehr aufgebaut. Der heutige Gedenkort besteht aus einer Wiese und einem Parkplatz. Mit Schülern wurde 2004 das Konzept „Denkmal erfahren“ realisiert. Es soll Irritationen auslösen. Mir erscheinen diese Bilder eher bemüht, unscharf, harmlos:

Neben dem 1961 von der Stadt gesetzten, ebenfalls nur mühsam lesbaren Gedenkstein, wurden Verkehrswarnschilder aufgestellt mit Hinweisen auf historische Daten: „Anlieger frei bis 9. 11. 1938“ und „politische Führung am 30. 1. 1933 geändert“. Auf dem Parkplatz findet man auch Tafeln zur Erinnerung an heimische Widerstandskämpfer. Vielleicht habe ich etwas übersehen, aber falls ja, dann nicht viel: Nirgendwo auf dem Gelände entdeckte ich die Begriffe Nationalsozialisten oder Nazis. Auf dem Gedenkstein der Stadt von 1961 ist von „der Zeit einer gottlosen ­Gewaltherrschaft“ und vom „Ungeist des Hasses und der Verfolgung“ die Rede. Wer diesen Hass verbreitet, wer Millionen Menschen ermordet hat, wird nicht gesagt.

Eines der wichtigsten Mahnmale der Stadt für meine Orientierung steht heute mitten im Schlossgarten. Der Landtagsbau. Zur Erinnerung: Im Stuttgarter Landtag, wo die Politik der Gegenwart verhandelt wird, stellt die AfD heute mehr Abgeordnete als die SPD. Und mittendrin im Parlament der antisemitische Arzt Gedeon.

 

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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