Bauers DepeschenFreitag, 30. Mai 2008, 157. DepescheAUS DEM LEBEN DES HERRN X![]() ![]() Ich hatte immer geglaubt, Herrn X gut zu kennen, auch wenn ich mich gelegentlich in ihm getäuscht hatte. Lange hielt ich ihn für einen Ehrenmann, der seinem Alter entsprechend noch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte war. ![]() Bis zu jenem Tag, an dem mir Herr X erzählte, wie er die Straßen von Stuttgart entlang ging und vor sich hin fluchte, weil immer noch die alten verblichenen Fahnen an den Häusern hingen, obwohl das nächste Fußballturnier bald beginnen würde. Mittlerweile waren ein Dauerregen und die Depression über die Stadt gekommen. ![]() Das war es aber nicht, was Herrn X beschäftigte. Am Morgen war Herr X zum Arzt gegangen, weshalb er sein Mobiltelefon ausgeschaltet hatte. Als er es wieder einschalten wollte, um Kontakt mit der Welt aufzunehmen, fühlte er sich gut. Er konnte sich an die Ziffern 2, 5, 8 und 6 seiner Geheimzahl erinnern. Weil aber Vergesslichkeit damals noch kein Thema war und Herrn X die Welt gehörte, tippte er siegessicher dreimal hintereinander verschiedene Pin-Kombinationen ein. Alle waren falsch. Das Telefon streikte. ![]() „So weit musste es ja kommen", sagte mir Herr X, "daran ist die Entwicklung dieses gottverdamten Landes schuld. Die Bauern züchten Bio-Kühe, aber eine Bäuerin finden sie nur noch bei RTL." ![]() Ich sagte nichts. Die Geschichte des Herrn X ging weiter. Nachdem sein Telefon ausgefallen war, fiel ihm ein, dass er Geld brauchte. Herr X ging in die nächste Bank und tippte seine Geheimzahl in den Geldautomaten. Herr X war sich sicher: Seine Geheimzahl bestand aus den Ziffern 6, 3, 0 und 2. Der Automat meldete, die Zahl sei falsch. Während Herr X erneut tippte, begann er zu schwitzen. Nach dem Ausfall seines Handys, das wusste er, würde er einen zweiten Tiefschlag nicht verkraften. Er tippte eine zweite Zahlenfolge ein - und eine dritte. Alle falsch. Der Automat streikte. ![]() Jetzt schwitzte Her X so sehr, dass er sich die Stirn wischte. "Verstehst du", sagte mir Herr X, "an diesen Ausfällen sind der kulturelle Verfall der Gesellschaft und die SPD schuld. Es gibt keine gültigen Werte mehr.“ ![]() Ich sagte nichts. Die Geschichte des Herrn X ging weiter. Nachdem er ohne Telefonkontakt und Bargeld nach Hause gekommen war, beschloss er, seinen Hänger mit einem Dauerlauf an der frischen Luft zu behandeln. Als Herr X acht Minuten gelaufen war, überfiel ihn ein Wolkenbruch. Herr X flüchtete unter ein Baugerüst. Nach zwei Minuten platzte über ihm ein Zementsack. Es war entsetzlich. Herr X wäre um ein Haar erstickt. "Ich habe es gewusst", sagte Herr X, "diese Stadt ist auf Scheiße gebaut." ![]() Ich sagte nichts. Die Geschichte des Herrn X ging weiter. Nachdem er frisch betoniert seine Wohnung erreicht hatte, ließ er Wasser in seine Wanne laufen. Er badete ausgiebig in Heublumenöl, wusch sich die Haare und drehte die Dusche auf. In diesem Moment flog ihm der Duschkopf um die Ohren. Nachdem er fast ertrunken wäre, stellte Herr X fest, dass der Duschkopf aus dem Hause Tchibo direkt am Schlauch abgebrochen war. "So weit musste es ja kommen", sagte Herr X, "daran sind die deutschen Kapitalisten schuld. Sie lassen unsere Duschschläuche von Kinderprostituierten in Thailand nähen." ![]() Als Herr X sich später ein Spiegelei braten wollte, roch es auf einmal seltsam, geradezu ätzend. Er schaute in die Pfanne und stellte fest, dass er nicht Öl, sondern Balsamico-Essig in die Pfanne geschüttet hatte. "Schuld daran", sagte Herr X, "ist die Austauschbarkeit der globalen Supermarktware. Überall verschiedene Etiketten drauf, aber überall der gleiche Scheiß drin wie bei Lidl." ![]() Als ich mir alle Geschichten angehört hatte, ging ich in mich. Dies war ein weiter Weg, aber nach einer Weile begann ich Herrn X zu glauben - und mir wurde schlecht. Ich rief bei meinem Arzt an. Seine Frau meldete sich. "Der Doktor wird Sie nicht mehr behandeln", sagte sie. "Ein verwirrter Patient hat ihn heute Morgen erschlagen." "Das ist dumm", sagte ich. "Nein", sagte sie. "Er war ein gottverdammter Pfuscher, das dürfen Sie mir glauben, Herr X." ![]() ![]() !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! ![]() ![]() STARS SPREADING THE BLUES ![]() Achtung, Sondermeldung: Das Stuttgarter Wirtshaus Schlesinger, Schlossstraße, hat an diesem Samstag zur Live-Übertragung der Regionalliga-Spiele via SWR-Fernsehen ausnahmsweise ab 12.30 Uhr geöffnet. Wirt Nolde sei Dank! Spielbeginn 13.30 Uhr. ![]() Großleinwand & Gegrillte Stadionwurst, Getränke & Fachpublikum gewährleistet. ![]() Stuttgarter Kickers in Lebensgefahr. Alle Menschen mit Ehre antreten. Die Stimmung in Kneipen kann Spiele auf dem Platz beeinflussen. ![]() Bitte weitersagen. ![]() ![]() „Kontakt“ ![]() ![]() |
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