Bauers DepeschenDonnerstag, 14. Mai 2009, 325. Depesche![]() Alle, wirklich alle wollen die Depesche vom 12. Mai mit dem Gedicht über die Stuttgarter Kickers lesen. Absoluter Klick-Rekord auf der Homepage. Ich habe die Schnauze erstmal voll von Absteigern. Hier ist: ![]() ![]() JONNY, DER BARMANN ![]() Eine so wahre wie fast unbekannte Geschichte ![]() ![]() ![]() Über der Stadt kreisten Luftschiffe, es war der Sommer 2008. Die Menschen feierten ein Fest zu Ehren des Flugpioniers Ferdinand Graf von Zeppelin. Sein Luftschiff LZ 4 war vor hundert Jahren erstmals auf festem Boden gelandet, in Echterdingen. ![]() Das Unternehmen ging schief. Die LZ 4 löste sich nach der Ankunft aus ihrer Verankerung, fing Feuer und brannte aus. Dennoch gilt der 5. August 1908 bis heute als Geburtsstunde der Luftschifffahrt. Und das Wort Luftschiffahrt erinnert mich an eine Geschichte, deren Spuren man noch heute in Stuttgart findet. In der Bar des Intercity-Hotels im Hauptbahnhof sind Unterschriften hinter Glas zusehen. Bei näherem Hinsehen entdeckt man inder Vitrine die Autogramme der Hollywood-Legenden Gary Cooper, Kirk Douglas, Errol Flynn. Die Namen der Jazz- und Showgrößen Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Josephine Baker. Die Signaturen der Sporthelden Jesse Owens, Max Schmeling. ![]() Berühmtheiten dieses Kalibers waren in den fünfziger und frühen sechziger Jahren Gäste einer winzigen Bar im Bahnhofshotel. Sie haben wie viele andere Stars - Zarah Leander, Marika Rökk - an der Wand und auf Tierhäuten über den Leuchten des Lokals ihr Zeichen hinterlassen. ![]() Die kleine Bar existierte bis zur Jahrtausendwende, zuletzt war sie meist leer, dann fiel sie den Umbauarbeiten des Hotels zum Opfer. Und nur noch wenige kennen die Geschichte von Jonny, dem größten Stuttgarter Barmann aller Zeiten. 1986 habe ich ihn getroffen. Er war 76 Jahre alt und lebte als Rentner im Rheinland. Das Intercity-Hotel hatte ihn auf meine Bitte noch einmal nach Stuttgart eingeladen, damit er uns in der kleinen Bar seine Geschichte erzählt. ![]() Jonny kommt in den dreißiger Jahren nach Stuttgart, er arbeitet im Cabaret Excelsior und im Friedrichsbau Varieté; sein Chef ist zeitweise der Humorist und Schauspieler Willy Reichert. 1936 startet in Friedrichshafen das Luftschiff Hindenburg zu einer sensationellen Rundreise über Deutschland: vier Tage nonstop in der Luft. An Bord Kabinen mit fließend Wasser und Duschen, ein Konzertflügel, Journalisten aus aller Welt - und Jonny, der Barmann. Er mixt die Drinks. Ein New Yorker Reporter widmet ihm die Schlagzeile: "Jonny, der fliegende Barmann". "Ein Luftschiff", wird er mir fünfzig Jahre später sagen, "fliegt nicht. Ein Luftschiff fährt." ![]() 1937 fährt die Hindenburg in den Tod. Auf ihrem Flug nach New York geht sie bei der Landung in Lakehurst sie in Flammen auf. ![]() Jetzt ist mir Jonnys Geschichte wieder eingefallen, "die Geschichte vom kleinen zum großen Bahnhof", wie er gesagt hat. Jonny wird 1910 in der Bahnstation von Kalkar an der deutsch-holländischen Grenze geboren und auf den Namen Fritz Wirth getauft. Er lernt Koch, wird Barkeeper. Barkeeper heißen nicht Fritz. Sie nennen ihn Jonny. ![]() In den fünfziger Jahren feiert man in Stuttgart nicht nur große Filmpremieren und Gala-Abende. Es warten auch gute Autos von Mercedes auf die Stars. Die Herrschaften landen regelmäßig in der Bar des Reichsbahn-Hotels. Am 31. Dezember 1949 um Mitternacht, Jonny hat den Laden gerade übernommen, hebt die Schauspielerin Camilla Horn ihr Glas, nimmt einen Schluck und kritzelt "Prost Neujahr!" an die Wand. Darunter setzt sie ihr Autogramm. Jahre später zieren Hunderte von Unterschriften die Bar. ![]() Jonny hält Nachtwache. Einmal kommt der Filmstar Errol Flynn morgens um drei aus der Bar Balzac in der Hirschstraße; heute befindet sich dort der Rotlichtclub Champain. Der Schauspieler klagt über Hunger. Jonny schenkt ihm sein "Nachtbrot", wie er es nennt. Mr. Flynn bedankt sich: "Jonny, du bist mein Freund." ![]() Er hat viele Freunde, und die Autogramm-Sammlung an der Barwand spricht sich herum. Prominenz taucht auch noch auf, als es längst neue, feinere Hotels gibt. An der Wand stehen später die Namen von Rockstars der siebziger Jahre, von Uriah Heep. ![]() Nach Jonnys Abschied gerät die Bar in Vergessenheit. Von den Signaturen an der Wand weiß kaum noch jemand. Das Hotel macht die Geschichte nicht publik. ![]() Vor zehn Jahren saß ich das letzte Mal in der Mini-Bar im Bahnhof. Irgendwann später hat man mir erzählt, Jonny sei gestorben. Seinen wichtigsten Satz habe ich nicht vergessen. "An der Bar", hat er gesagt, "darf keine Flasche stehen." ![]() ![]() REKLAME ![]() DIE ENTDECKUNG DES NECKARS: ![]() Joe Bauers Flaneursalon im Fluss - die Lieder- und Geschichtenshow am Donnerstag, 25. Juni 2009, erstmals auf dem fahrenden Neckar-Käpt'n-Schiff "Wilhelma". 230 Passagiere haben Platz. Bordbegehung an der Anlegestelle gegenüber der Wilhelma ab 18.30 Uhr. Mit den Musikern Los Santos (Stefan Hiss), Michael Gaedt, Dacia Bridges, Anja Binder. (Siehe Depesche vom 29. 4.) Karten: T: 0711 / 2 555 555 und www.easyticket.de ![]() ![]() Kolumnen in den Stuttgarter Nachrichten: ![]() www.stuttgarter-nachrichten.de/joebauer ![]() ![]() „Kontakt“ ![]() ![]() ![]() |
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