Bauers Depeschen


Samstag, 19. Oktober 2019, 2140. Depesche


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Hört die Signale!

Ein Lied zum Tag



Neue StN-Kolumne:

DIE ALLESESSER

Mit meiner Art, sich durchs Leben zu bewegen, lerne ich womöglich nicht die Welt kennen. Dafür die Welt, in der ich lebe.

Gelegentlich habe ich in dieser Kolumne einen „Männerverein“ erwähnt, mit dem ich immer dienstags zwischen 12.30 Uhr und 14 Uhr die Mittagsküchen in der Stadt erkunde. Wir besuchen Lokale, die wir nie zuvor oder schon lange nicht mehr gesehen haben. Fünf Typen, ein loser Haufen, der keinerlei Vereinskriterien erfüllt. Dachte ich.

Dann stellte sich heraus, dass wir einen sehr gewissenhaften Chronisten in unserer Mannschaft haben, wobei „Mannschaft“ nicht in allen Fällen richtig ist, weil wir gelegentlich die eine oder andere Frau einladen. Die Mitglieder des Vereins sind neben mir Martin, Wirt der Kneipe Schlesinger; Chrische, Chef eines Kiosks; Hubert, Spezialist für Digitalprobleme – und Thomas, unser Gedächtnis; er arbeitet als Cross-Mediaproduktioner in einem Verlag und hat all die Jahre stillschweigend unsere Kladde geführt, bis er sie uns neulich, frisch ausgedruckt, auf den Mittagstisch legte.

Es stellte sich heraus, dass wir seit Juli 2015 mehr als 160 Lokale zum Mittagsmahl besucht haben. Nicht alle von uns waren jedes Mal dabei, aber beispielsweise ich so oft, dass ich mich an etliche Gaststätten auf der Liste nicht mehr erinnern kann, obwohl ich laut Thomas‘ penibel geführter Akte anwesend gewesen sein muss.

Die Idee für das Unternehmen stammt nicht von mir, ich hatte nur das Glück und die Ehre, in den mobilen Verköstigungsklub aufgenommen zu werden. Unsere Lokale wählen wir meist zufällig, oft spontan, irgendwer hat einen Vorschlag. Es gibt keine Qualitätsmaßstäbe für unsere Stationen. Wo es mittags was zu essen gibt, gehen wir hin. Mit und ohne Reservierung. Vom Stehimbiss und die Werkskantine über das Supermarkt-Bistro bis zum Sternelokal. Unsere Visiten dauern nicht länger als die Mittagspause an einem halbwegs flexiblen Arbeitsplatz.

Im Rückblick auf die vier Jahre unserer Tour darf ich behaupten, dass wir nahezu jede Kneipe, jedes Restaurant unvoreingenommen betreten haben. Selbst wenn hie und da ein paar Herrenwitze fallen, trüben sie nicht unseren Standpunkt der Selbstverständlichkeit: In jedem Haus sind wir nichts als neugierige Gäste. Wir richten uns nach den Gegebenheiten, nicht nach Ansprüchen. Falafel für ein paar Euro schmeckt uns in freundlicher Umgebung besser als teurer Seehecht in aufgesetzter Atmosphäre.

Grenzen kennen wir nicht. Stuttgart international. Gegessen wird alles, was auf den Tisch kommt. Keiner von uns lebt vegetarisch oder vegan. Aber wir essen auch vegetarisch und vegan. Ich glaube, es war der Dichter Wiglaf Droste, der das Wort „Fressgeneralist“ verwendet hat. Droste war Kenner der Materie, er hat lange gemeinsam mit dem Küchenmeister Vincent Klink das Magazin „Häuptling eigener Herd“ herausgegeben und auch mal mit Freude Sauerbraten im Brunnenwirt am Leonhardsplatz und eine Wurst im Fußballstadion verspeist. So viel zum besseren Verständnis unserer Ernährungsphilosophie.

Mit den kulinarischen Unternehmungen unseres Männervereins bezwecken wir nichts Verwertbares. Käme einem von uns der Gedanke, ein Buch mit dem Titel „Die 111 geilsten Stuttgarter Futtertröge“ ­herauszubringen, würden die andern seinen Kopf in Päckchensoße tunken und ihn mit Maggi übergießen. Wir gehen wohin, und wir gehen weg. Wir wechseln ein paar Sätze und verabschieden uns in aller Regel in der Gewissheit, dass unser Essen in Ordnung war. Mehr steht nicht auf unserer Karte, und in Stuttgart kannst du überleben.

Wir haben im Reiterstüble in Botnang Maultaschen gegessen und nebenbei durch eine Glasscheibe der Pferdedressur zugeschaut. Wir haben im China-Restaurant Sichuan in der Bebelstraße kalte Hühnerfüße und warmen Schweinedarm genossen und im Brett im Bohnenviertel Königsberger Klopse. Wir haben im portugiesischen Lusitania an der östlichen Rotenbergstraße Bacalhau zu uns genommen und viel Spaß gehabt, weil wir kein Portugiesisch und unsere Gastgeber kein Deutsch konnten. Dass es mal einen englischen Dampfer namens Lusitania gab, den 1915 eine deutsche U-Boot-Besatzung versenkt und hunderte Passagiere ins Jenseits befördert hat, stellte ich bei der Nachbearbeitung fest. Diese Geschichte hat mit dem portugiesischen Stockfisch nicht das Geringste zu tun, ist nur ein Beispiel, womit uns Stadtausflüge konfrontieren.

Einmal kehrten wir im Restaurant Teamim mit koscherer Küche in der Synagoge an der Hospitalstraße ein. Das hebräische Wort „Teamim“ bedeutet so viel wie „verschiedene Geschmäcker“. Wir hatten uns angemeldet und mussten im jüdischen Gotteshaus routinemäßig unsere Ausweise vorzeigen. Als ich vor wenigen Wochen das Jüdische Museum in Berlin besuchte, kaufte ich mir ein Büchlein des israelischen Schriftstellers Amos Oz mit dem Titel „Deutschland und Israel“. Auf einer Parkbank las ich es in einem Zug durch. An einer Stelle schildert der 2018 verstorbene Autor, wie er jedes Mal kurz erstarrt, wenn er in Deutschland im Restaurant auf Englisch um Mineralwasser bittet und ihn der Kellner unschuldig-höflich fragt, ob er Wasser „with gas“ oder „without gas“ bevorzuge.

An diese Zeilen denke ich zurzeit, wenn ich in einem Lokal Wasser mit Kohlensäure bestelle. Die kleine Welt erzählt immer von der großen.



FLANEURSALON MIT

OLIVER MARIA SCHMITT

UND VINCENT KLINK

Den nächsten und letzten Stuttgarter Flaneursalon in diesem Jahr machen wir am Montag, 25. November, im Theaterhaus. Eigentlich ein Zufallsprodukt: Der bei uns weltberühmte Satiriker und Schriftsteller Oliver Maria Schmitt, mit Martin Sonneborn und Thomas Gsella in der Titanic BoyGroup unterwegs, hatte mir mal angeboten, im Flaneursalon mitzumachen. Irgendwann wurde die Sache dann ernst, und wie‘s der Teufel will, schwirrte auf einmal auch der Name Vincent Klink herum, weil Herr Schmitt gerade bei ihm eingekehrt war. Auch Herr Klink - als Koch, Musiker und Autor Im Dauereinsatz - hatte zufällig Zeit, und so waren wir schon zu dritt. Ergänzt wird dieser Flaneursalon im Theaterhaus mit der tollen Sängerin Eva Leticia Padilla und ihrer Begleitung sowie vom famosen Rapper/Beatboxer-Duo Toba & Pheel. Der Vorverkauf läuft, und ich freue mich auf einen Abend voller kontroverser Wort- und Musik-Beiträge. Womöglich wird’s lustig. Hier gibt es online Karten: VORVERKAUF - Telefonisch: 0711/4020720









 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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