Bauers Depeschen


Freitag, 16. November 2018, 2032. Depesche


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Es gibt noch Karten:

FLANEURSALON IM SCHLESINGER

Der traditionelle Dezember-Flaneursalon: Stefan Hiss, Eva Leticia Padilla und ihr Gitarrist spielen/singen ihre Lieder - und auch hinreißende Duette. Unsereins liest kleine Geschichten. Durch den Abend führt der Wortartist Timo Brunke. Am Dienstag, 11. 12., im schönen Gasthaus Schlesinger Int. Ein paar Exemplare von „Im Staub von Stuttgart“ liegen auch bereit - und werden signiert. Einlass 18 Uhr. Essen bis 19.30 Uhr. Beginn 20 Uhr. (Reservierungen im Lokal Mo - Sa ab 18 Uhr)



Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



StN-Kolumne vom 10. November:

SCHWARZER MAGIER

Ich nahm den Roman „Die Freiheit oder Liebe“ zur Hand. Sein Autor Robert Desnos kämpfte in der Résistance gegen die deutschen Besatzer und starb 1945, wenige Wochen nach der Befreiung, typhuskrank mit 24 Jahren im KZ Theresienstadt. Das Buch beginnt mit dem Satz: „Als ich auf die Straße kam, fielen die Blätter von den Bäumen.“ Ich legte den Roman wieder weg, weil es nicht gut wäre für die Psyche, im November ein Buch zu lesen, das mit fallenden Blättern beginnt.

Neulich machte ich mit meinem Taschentelefon ein Foto von gefallenem Laub in der Jakobstraße. Die Blätter zogen sich wie in einem von Menschenhand gestalteten Bild durch die braun gefärbte Häuserkulisse der Altstadt. Als ich das Bild auf Facebook ­stellte, erntete ich umgehend diese immer wiederkehrenden Kommentare zur ach so lustigen Kehrwoche. Seit jeher ist es ein ­Irrtum, das Kehrwochendenken nur auf den Sauberkeitswahn zurückzuführen. In Wahrheit steht die Kehrwoche für die schwäbische Politik, Unliebsames unter den Teppich oder in den Gully zu kehren.

Auf der Flucht vor Gedanken an gefallene Blätter blätterte ich im Internet, wirbelte allerdings schnell Staub und Schmutz auf. Das elektronische Gedächtnis kannst du nicht wegfegen wie Straßenlaub. Ich stieß auf einen „Spiegel“-Artikel von 1995 mit der ermunternden Überschrift: „Tritt sie in den Arsch“. Der Text handelt von der juristischen Aufarbeitung eines Skandals im Stuttgarter Eiskunstlaufmilieu auf der Waldau. Es geht um einen Trainer, der sehr junge Sportlerinnen abscheulich behan­delte. Und es geht um den angeklagten Bankkaufmann und Vereinsfunktionär Michael Föll. Der wurde später, das ist bis heute bei Wikipedia zu lesen, wegen Beihilfe zur Misshandlung Schutzbefohlener zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen, 9000 Euro, verurteilt. So etwas gilt heute unter Politikern selbstverständlich als Jugendsünde: Föll war schließlich erst 30 Jahre alt und damit zwei Jahre jünger als Österreichs heutiger Kanzler Kurz.

Acht Jahre nach dem Urteil hat man auf Antrag der CDU die Gemeindeordnung geändert, damit Herr Föll als gelernter Kaufmann Stuttgarter Finanzbürgermeister werden konnte. Zuvor waren dafür eine Qualifikation als Fachbeamter für Finanzwesen oder eine wirtschaftswissenschaft­liche Ausbildung erforderlich. 2004 wurde er Erster Bürgermeister und duldete später als mächtigster Mann im Rathaus sogar den ­grünen Oberbürgermeister Fritz Kuhn unter sich.

Der schwarze Finanzmagier gilt heute, da viele in der Stadt unter Mietwahnsinn und Wohnungsnot leiden, als gerissener Immobilienjongleur. Insiderkenntnisse hat er sich am Rand seiner politischen Karriere als Unternehmensberater und Duzfreund von Investoren erworben. Und als ehemaliger Eiskunstläufer weiß er, wie man eine gute Figur abgibt: Er zieht auch in der Kulturszene seine Kreise und fördert millionenschwere Projekte. Geld besorgte er etwa für die Sanierung der Wagenhallen, wo schon vor dem Umbau Banker und Immobilienhaie ihre Partys feierten. In der Kulisse des Verfalls am Nordbahnhof hält man in typischer Provinzmanier bis heute jede künstlerische Abkehr von der Kehrwochennorm für coole „Subkultur“.

Etliche Institutionen, die mit Unterstützung aus dem Hause Föll rechnen, darunter auch das Theaterhaus, haben jetzt die Nachricht mit Schrecken vernommen: Der gottesfürchtige Finanzchef im Rathaus, laut Wikipedia Mitglied der erzkonservativen Freikirche Gospel Forum, hat seinen ­Abgang angekündigt. Künftig will er auf Landesebene als Amtschef im Rang eines Ministerialdirektors für die Kultusministerin Susanne Eisenmann arbeiten. Die wiederum ist seit jeher dafür bekannt, reichlich Staub in ihrer Umgebung aufzuwirbeln. Zurzeit bewegt sich die CDU-Politikerin zwischen zwei Männern, die sich im Kampf um die Macht in ihrer Partei leicht gegenseitig vom Eis schießen könnten. Da ist zum einen der CDU-Fraktionschef ­Wolfgang Reinhart, der keine Gelegenheit auslässt, den grünen Koalitionspartner mit hinterhältigen Finten aufzumischen. Und da gibt es den CDU-Landeschef und Innenminister Thomas Strobl, der sich gegenüber dem grünen Landesgottvater Winfried Kretschmann eher loyal zeigt, mit seinen rhetorischen Möglichkeiten aber nicht unbedingt als Volkstribun gesehen wird.

Mit Logenblick auf den Leithammelkrieg der CDU-Herrschaften könnte Frau Eisenmann schon demnächst allen zeigen, wo der Hammer hängt. Gut denkbar, dass sie sich bis zur Landtagswahl 2021 als Kandidatin für das Amt des Ministerpräsidenten durchboxt. Denkbar auch, dass nach erfolgreicher Thronbesteigung Föll ihr Staatsministerium leitet. Als mit allen Wassern gewaschener Strippenzieher im Milieu der Macht wäre er dafür noch besser geeignet als für den Posten des Finanzministers.

Noch aber sind in dieser Stadt weder Kuh noch Bulle vom Eis. Vorsorglich hab ich etwas Herbstlaub aufgewirbelt. Schon im kommenden Frühjahr sind Kommunal­wahlen, ein Jahr später OB-Wahlen. Dann steht zu befürchten, dass nach dem Postengerangel in der Provinzpolitik die Rechtsnationalisten und Völkischen die großen Gewinner im Rathaus sind.



WAS TUN!?

OFFENES FORUM GEGEN RECHTS

Unser 2. Offenes Forum in Stuttgart findet statt am Samstag, 1. Dezember 2018, von 14 Uhr bis ca 17 Uhr im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz. In drei Räumen geht es um die Themen "Umgang, Konfrontation mit Rechten im Alltag", "Protestformen", "Strategien gegen Rechts“. Referate halten u. a. Jonas Weber von der Initiative Stammtischkämpfer*innen, der Arzt und Aktivist Dr. Michael Wilk, der Schriftsteller Wolfgang Schorlau und eine Aktivistin von Stuttgart gegen Rechts. - Unterstützt von Rosa-Luxemburg-Stiftung, Die Anstifter, Aktionsbündnis Stuttgart gegen Rechts, ver.di u. a.

>> Und hier kann man sich ANMELDEN: (für den besseren Überblick): offenesforum@posteo.de

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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