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Flaneursalon: Vorverkauf hat begonnen
Liebe Treue, der nächste und letzte Flaneursalon in diesem Jahr ist unter Dach und Fach: Sonntag, 8. November, Tangoloft, 19.30 Uhr. Der Veranstaltungsort in der Hackstraße, direkt an der Stadtbahnhaltestelle, bietet eine außergewöhnlich schöne Atmosphäre – wie geschaffen für die intime Lieder- und Geschichtenshow. Musik machen diesmal Eric Gauthier und Cemre Yilmaz, die Schauspielerin Charis Hager vom Theater der Altstadt wird erstmals als gewitzte Lyrik-Interpretin im Flaneursalon auftreten. Hier geht’s zum Vorverkauf
Und dann war da noch der Feiertag:
Meine kleine Website Story
DER SMOMBIE
Ein komisches Gefühl, auf einem Bürostuhl zu sitzen und aufzuschreiben, was mir draußen auf der Straße beim Gehen durch den Kopf gegangen ist. Gehen, habe ich mal gelesen, sollte ein produktiver Akt der Zerstreuung sein. Und dann gehst du nach Hause, ziehst deine Schuhe aus, schaltest deinen Computer an und versuchst, die Überbleibsel deiner Zerstreuung zu sortieren.
Für mich längst ein Ritual. Bin mir todsicher, dass es beim Aufschreiben darauf ankommt, die richtige Mütze und die richtige Halskette zu tragen, vor allem aber unverhältnismäßig dicke Socken, um das Hirn von den Füßen her zu wärmen. Es macht nun mal einen mentalen Unterschied, ob man am Bildschirm eine Baseballkappe oder eine Pudelmütze trägt, ein Lederband mit Totenkopf oder eine Silberkette mit Anker. Von den Weihnachtsstrümpfen zu schweigen. Du brauchst die richtige Montur. Keine Frage, dass ich mich selbst zum Narren machen muss, wenn ich noch ernsthaft was zustande bringen will im Angesicht der herrschenden Absurditäten.
Heute, da ich diese Zeilen in meinen Rechner tippe, ist der 3. Oktober 2026, der sogenannte Tag der deutschen Einheit. 1990 wurde er als Feiertag eingeführt. Man spricht von der deutschen Wiedervereinigung oder gar vom „Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland“. Das klingt lustig: Schönen guten Tag, hier spricht die Deutsche Demokratische Republik, wir würden gern der Bundesrepublik Deutschland beitreten, Wie hoch ist denn die monatliche Beitragsgebühr?
Einigkeit und Recht und Freibier.
Fraglos kann man heute, 36 Jahre und etwa eine Generation später, wenigstens in einem Fall von deutscher Einheit reden: 90 Prozent der Bevölkerung im vereinten Land beurteilen ihren gemeinsamen Kanzler ziemlich gleich. Hundert Prozent dieser neunzig Prozent sind der Meinung, dass er nichts taugt. Doch trotz dieser überwältigenden Übereinstimmung denken viele Menschen in Ost und West grundverschieden. Kein Wunder: Ihre unterschiedliche Geschichte reicht weit hinter die Existenz zweier unterschiedlicher deutscher Staaten zurück.
Als im November 1989 die Berliner Mauer fiel und die Trabis aus dem Osten zwecks BRD-Beitritt Richtung Westen tuckerten, war ich als Journalist noch kein berufsmäßiger Stadtspaziergänger. Doch immerhin zu Fuß am Tatort. Am 10. November, am Morgen nach der eher versehentlichen Öffnung der DDR-Grenzen, war ich kurzentschlossen per Flugzeug nach Berlin gereist. Westberlin. Am Abend zuvor hatte ich mir im Stuttgarter Neckarstadion das DFB-Pokalspiel zwischen dem VfB und Bayern München angeschaut und mich wie alle andern gewundert, warum die Partie mit reichlich Verspätung angepfiffen wurde. Irgendwann sprach sich herum, dass die „Tagesschau“ ihre übliche Sendezeit überzogen habe, weil irgendwas mit der Berliner Mauer nicht stimme – und deshalb die Übertragung des Spiels nicht beginnen könne. Davon habe ich früher schon erzählt und inzwischen einiges vergessen. Nicht allerdings, dass der VfB gegen Bayern 3:1 gewonnen hat, was mir wurscht sein kann, weil ich Anhänger der Stuttgarter Kickers bin.
Im Gedächtnis habe ich auch noch, wie die Menschenmasse aus der DDR jenseits der Jubelfeiern an der Mauer schweigend, wie paralysiert über den Kurfürstendamm zog. Da wussten sie noch nicht, welche blühenden Landschaften ihnen im Kapitalismus blühten. Ich erinnere mich an bedrückende Bilder, an ein Szenario der Depression im Glanz der Schaufenster. Und ich ahnte seinerzeit, dass da gerade was zusammenkommt, was nicht zusammengehört. Ein paar Monate später fiel mir das wieder auf, als ich während der Berliner Filmfestspiele mit einem Kollegen versehentlich in einen falschen Bus stieg und statt zum Zoo in den Osten der Stadt fuhr. Die Gesichter der Leute im Bus waren anders als gewohnt, und ich bin keiner, der sich leicht irritieren lässt von seltsamen Dingen in einer Stadt. Als ich in den Achtzigern erstmals als Touri nach New York kam, sagte mir ein Einheimischer: Wir gehen jetzt in eine Bar, und wenn du dort einen siehst mit einer Lanze im Arsch, dann wundere dich nicht. Tu so, als ob du es nicht siehst. Das ist hier eben so. Dieser Hinweis war symbolisch gemeint, und ich habe ihn mir gemerkt. Heute spüre ich hin und wieder selbst die Lanze im Hinterbacken. Aber das ist nur ein entzündeter Nerv.
Neben der Lanze im Po hatte ich auch schon früh von der „Mauer im Kopf“ gehört. Dieses Bild stammt aus Peter Schneiders 1982 erschienenem Buch „Der Mauerspringer“; mit diesem Berliner Schriftsteller habe ich mich ein paar Mal unterhalten, und ich erwähne ihn, weil mich die aberwitzige Geschichte des Mauerspringers, diesem Hüpfer von Ost nach West und umgekehrt, dazu gebracht hat, mich immer wieder mit dem abstrusen Berliner Stadtmöbel zu beschäftigen.
Diese Mauer war für mich immer ein geheimnisvolles Ding, mehr als nur ein obskures, verstörendes, faszinierendes Grenzmonster voller Graffiti zwischen etwas, was sie Sozialismus nannten, und etwas, das sie Demokratie nennen, von der aber viele in der Demokratie bis heute nicht wissen, was genau das sein soll. Dass nur halbwegs aufrecht gehen kann, wer seine Rechte kennt und sie verteidigt.
1997 habe ich begonnen, die eigene Stadt als Fußgänger zu erkunden, sie mit gutem Recht heimzusuchen. Die Stadt gehört dir und mir, und ihre Erforschung ist auch in einer nicht gerade urban geprägten Gemeinde wie Stuttgart eine interessante, manchmal im Wortsinn spannende Sache. Je tiefer du in die Stadt eindringst, desto weiter führt sie dich aus ihr heraus. Wie schnell bist du bei dem Nachfahren eines vor den Nazis geflüchteten Juden in den USA. Und erfährst: Dieser Mann hat heute etwas zu sagen über soziale Ungerechtigkeit und die fatale Steuerpolitik gegenüber den Reichen, zu denen er selbst gehört. Sein Großvater betrieb eine Bettfedernfabrik in Cannstatt. Den Enkel sehe ich manchmal auf Facebook. Er heißt Nick Hanauer.
Und am Rand der Stadt, in einem Flecken namens Muckensturm, findest du einen kleinen Weg, der nach dem Großvater benannt ist und liest irgendwo, dass dieser Mann ein Förderer der Stuttgarter Kickers war. Dann wird deine kleine Welt auf einmal groß, es sind nur noch ein paar Meter über den Atlantik. Und als ich diese Zeilen über Dinge aus der Vergangenheit tippe, weil ich sie gern im Flaneursalon vorlesen würde, haben die Stuttgarter Kickers gerade im Spitzenspiel der vierten Liga die Offenbacher Kickers zweinull besiegt. Auch diese Nachricht muss hinaus in die Welt.
Viele Dinge haben sich geändert in meinem Leben als Stadtspaziergänger. Wenn ich heute durch die Straßen spaziere, kann Zerstreuung zur Zerstörung führen. Das beginnt schon, wenn ich das Haus verlasse. Wenn du dir nicht eingeprägt hast, dich vor dem ersten Schritt auf den Bordstein umzuschauen, wird dich ein lautloser E-Scooter rammen. Oder ein Fahrrad. Oder ein Hund. Manche Leute führen Hunde durch die Stadt, die du nur deshalb nicht von einem Rennpferd unterscheiden kannst, weil sie nicht wiehern. Und die schönste intensivste Erfahrung des Spaziergängers, die Gedankenverlorenheit, kann tödlich sein. Aber ich will es nicht übertreiben: Man muss halt aufpassen, wo man hintritt. In Hundekacke, in Pferdeäpfel oder ins Leben.
Im Buch eines britischen Literaturwissenschaftlers, das darf ich nicht vergessen, habe ich vor Jahren von den „Smombies“ gelesen. Dieses Kofferwort steht für Smartphone-Zombies, die in ihr Telefon versunken durch die Stadt stolpern. Und nicht nur im Kopf gegen Mauern prallen. Einige sterben. Der Gang eines Menschen, lehrt uns die Wissenschaft des Gehens, verrät mehr über ihn als ein Gesicht. Den Gang über den Ku’damm hab ich noch vor Augen. Und würde ich mich nicht ab und zu auf meinen Bürostuhl setzen und aufschreiben, wie es mir mit dem Gehen geht, wäre mir womöglich nicht bewusst, dass ich oft genug selbst einer dieser Taschentelefontrottel bin. Jawohl, ich bin ein Smombie. Auf der Flucht. Da gehe ich mit mir einig.