Bauers Depeschen


Donnerstag, 25. August 2016, 1668. Depesche


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LIED DES TAGES



Die aktuelle StN-Kolumne:



STIEFEL FÜR PUTIN

Die Ziellosigkeit meiner Lebensplanung hängt sicher auch mit meiner öfter erwähnten, neurologisch bedingten, Orientierungslosigkeit zusammen. Beim Herumgehen in der Stadt verwechsle ich pausenlos rinks und lechts, Est und Wost.

Neulich, nach vielen Fehltritten auf dem Weg zur Galerie Stihl im schönen Waiblingen, kaufte ich mir beim Besuch der Ausstellung „Collage! Décollage!!“ ein blaues Notizbuch mit der Aufschrift: „Ich denke niemals an die Zukunft. Sie kommt früh genug.“ Dieser Satz von Albert Einstein, gelesen ausgerechnet bei Stihl, spornte mich an, weiterhin lustig in den Tag hinein und von der Hand in den Mund zu leben: So oder so werden es die Motorsägen aus Waiblingen richten.

Nichtsdestotrotz kämpfen Bürgerinnen und Bürger in vielen Ecken der Stadt um eine menschenwürdige Zukunft ihrer Quartiere. Um ihr Recht auf Wohnen. Das machen sie tapfer am Bismarckplatz und in Ostheim, in Zuffenhausen und im Hallschlag, in der Altstadt und anderswo.

Daran wird nicht einmal das gerade veröffentlichte „Konzept für die Zivilverteidigung“ etwas ändern. Die Aufforderung der Bundesregierung, Lebensmittel für den Kriegsfall zu bunkern, wird viele Menschen in unserer Stadt ohnehin vor unlösbare Probleme stellen. In welche Wohnungen, bitte, soll denn mitten im Abriss- und Mietwahnsinn noch Platz finden, was wir laut Bundesamt für ­Bevölkerungsschutz horten müssen? Das wären: 28 Liter Getränke, 4,9 Kilo Getreideprodukte, Brot, Kartoffeln, Nudeln und Reis; 5,6 Kilo Gemüse und Hülsenfrüchte, 3,6 Kilo Obst und Nüsse, 3,7 Kilo Milchprodukte, 0,5 Kilo Fette und Öle – sowie 2,1 Kilo Fleisch, Fisch und Eier.

Für letztgenannten Proviant hat die Regierung übrigen keinerlei Ersatzstoffe zur Rettung unserer Fleischlosen im Angebot: Viele unserer vegetarischen und veganen Mitmenschen werden deshalb schon kurz nach dem ersten Angriff des Russen verhungern. Denn der Russe kommt so sicher wie die Zukunft: Seit meiner Kindheit steht er vor der Tür. Ein paar Mal habe ich durchs Schlüsselloch Putin ins Weiße des Auges gesehen. Vermutlich wartet er darauf, dass der Krieg wie gewohnt von deutschem Boden ausgeht. Aber ich werde nicht mitmachen. „Putin“, werde ich sagen, „komm rein, ich habe gerade 4,9 Kilo Getreideprodukte in Wodkaflaschen abgefüllt. Normalerweise mache ich mit diesem Stoff das noch etwas harte Leder meiner neuen Cowboystiefel weich. Jetzt aber naht das Ende.“ „Geil, Amigo“, wird Putin sagen, „lass uns den Wodka aus Cowboystiefeln trinken.“ Und dann werden wir anstoßen auf Verdun, Stalingrad und Gevatter Hein.

Sie sagen uns, Krieg ist möglich. Aber das Leben muss vorerst weitergehen, zumal eine Menge Typen mit apokalyptischer Geldgier fortwährend auf ihre großartigen Leistungen im Dienste unserer „Zukunft“ hinweisen. Unablässig kleistern sie die Stadt mit ihren depperten „Zukunft“-Parolen voll: Jedes verfluchte Loch, das sie in der Stadt graben, jedes erhaltenswerte Haus, das sie plattmachen, opfern diese Priester des Profits mit nervenden Marketing-Litaneien auf ihrem Altar der „Zukunft“ – als ob die nicht früh genug käme. Ganz von allein.

Mit meinem von Einstein gesegneten Notizbüchlein sitze ich an einem heißen Augusttag auf dem Hospitalhofplatz und schaue gen Himmel und in die Welt. Dieser Ort – offiziell im Stadtteil Neue Vorstadt, Bezirk Mitte – ist noch jung. Ein paar Lokale mit Freiluftmobiliar auf dem Platz versorgen die Leute zurzeit noch mit Friedensrationen aus dem Inland, aus Italien und Mexiko. Schon im Oktober, hat man mir erzählt, soll auf dem Gelände eine zweitägige Aktion unter dem Motto „Platz da?!“ stattfinden.

Ja, Platz ist da in der Stadt. Aber wem gehört er?

Der Hospitalhofplatz grenzt an die Büchsenstraße, wo im 16. Jahrhundert das Büchsenhaus der Büchsenschützengesellschaft stand. Diese Tatsache erinnert mich wieder an den Krieg, obwohl doch heute in dieser Büchsenstraße fortwährend versucht wird, die Menschen mit aufklärerischen Pointen zu befeuern. Was könnte dem Frieden mehr dienen als satirische Rohrkrepierer im Renitenztheater?

Die Hospitalhof-Hausherren haben auf ihrem neuen Platz blaue Plastikstühle für das Publikum bereitgestellt. Einige davon sind zwar aneinandergefesselt wie ­Sträflinge, um sie vor Dieben zu schützen. Gleichzeitig aber macht uns eine Tafel auf den „Nutzungsbereich Wanderstuhl“ aufmerksam – wir dürfen die Stühle nach persönlicher Vorliebe bewegen.

Das Knickerbocker-Wort „Nutzungsbereich Wanderstuhl“ klingt für mein Gefühl etwas proktologisch-aufgebläht. Der „Wanderstuhl“ könnte gar auf ein Dixi-Klo hinweisen. Dennoch ist es ehrbar, den Platz auch mit nicht kommerziellen Sitzmöglichkeiten zu bespielen. Mein müder Po dankt schon mal in Demut. Es gibt ja nicht mehr viele zentral gelegene Pausenhöfe ohne Kaufzwang in dieser an schweren Einkaufskomplexen erkrankten Stadt.

Was für ein Geschrei wird gerade um einen „verkaufsoffenen Sonntag“ gemacht. Die Gewerkschaft Verdi ist dagegen und gilt deshalb den Großkrämern und Marketing-Dealern wie üblich als Fortschrittsbremse. Shopping-Touren gelten heute als unsere wichtigste Entertainment-Errungenschaft nach Helene Fischer. Gleichzeitig ist daraus eine Religion geworden. Vor einer Treppe der U-Bahnstation Stadtmitte hängt das Werbeplakat eines Einkaufszentrums. Aufschrift: „Stairway to Shopping-Heaven“. Diese peinliche Verhunzung hat nicht einmal Led Zeppelins seifige Rockschnulze verdient.

Auf den letzte Sprossen meiner Himmelsleiter brauche ich keinen verkaufsoffenen Sonntag. Meine Unterhosen, Kriegsvorräte und Motorsägen kaufe ich werktags, damit ich mir sonntags auf meinem Wanderstuhl mit weit geschlossenen Augen ausmalen kann, wann das letzte Kapitel unserer Zukunft beginnt. Ich denke, früh genug.



 

Buchtitel: »Joe Bauer - In Stiefeln  durch Stuttgart«
 

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