Willkommen!
Liebe Treue, vierzehn Tage sind vergangen, Zeit für eine neue Homepage-Kolumne. In der vorherigen Depesche, die nach einem eleganten Klick auf den Pfeil links auftaucht, erfährt man alles über den bevorstehenden Flaneursalon am Sonntag, 8. November, im Tangoloft – und noch etwas mehr. Aber jetzt Schnitt:
Meine kleine Website Story
DAS RASIERMESSER
Habe versucht, mich mit einem Rasiermesser zu rasieren. Es ist keines wie in den Filmen, in denen der Barbier das Messer an einem Lederriemen wetzt, bevor er seinem Kunden die Kehle durchschneidet. In David Cronenbergs Film „Tödliche Versprechen – Eastern Promises“ stirbt einer gleich anfangs mit aufgeschlitztem Hals. Diese Szene regt nicht unbedingt zum Lachen an, oder doch. Fiel mir ein, als ich mit meinem Rasiermesser für Amateure von dm in meinem Gesicht herumkratzte.
Das Ding sieht ähnlich aus wie ein tödliches Rasiermesser, hat aber keine eigenständige scharfe Klinge. Man muss eine konventionelle Rasierklinge der Länge nach in der Mitte durchschneiden, sie zwischen zwei Bügel legen und dann mit diesem Instrument zwischen den Fingern seine Bartstoppeln im 30-Grad-Winkel bearbeiten. Damit habe ich mir in meinem Drang, die Zeit vor dem Tod mit unsinnigen Ritualen totzuschlagen, viel Frust eingehandelt. Außer ein paar kleinen Schnittwunden, die ich mit Zinksalbe behandelte, sah ich keinerlei Belohnung für die Mühe, meine Gesichtshaut so zu glätten, damit ich nicht daherkomme wie ein geistig verwahrloster Möchtegern-Cooler mit Mehrtagebar.
Andrerseits ist es ein erbauliches Gefühl, seine Visage gründlich mit Seife und Pinsel einzuschäumen. Doch selbst diese Wellness-Übung bescherte mir am Ende eine Niederlage: Ich bin ein Schaumschläger, zu doof, mir ein paar dünne Haare aus dem Gesicht zu säbeln. Einer, der beim Ritt auf dem Rasiermesser in die Peinlichkeit abgeworfen wird.
Für die neue Prozedur hatte ich mir sogar ein Video auf YouTube angeschaut, die Vorführung anscheinend aber nicht begriffen. Womöglich taugt mein Rasiermesser nur dafür, jemandem an die Gurgel zu gehen. Kandidaten und Anlässe gäbe es genug. Vielleicht aber finden sich, wenigstens vorerst, einige minder sadistische Methoden, als seine Feinde mit einem Classic Straight Edge von Wilkinson für Vierzehnfünfundneunzig zu eliminieren.
Seinen Gegnern zu sagen, dass der Bart ab ist, dass sie sich geschnitten haben, funktioniert bekanntlich auch mit einer scharfen Waffe namens Humor. Die professionellen Spielarten dieses Metiers haben sich überall krebsartig ausgebreitet; inzwischen gibt es sogar in der Humorwüste Stuttgart einen Comedy-Club, in einem Keller an der Königstraße. Habe mir sagen lassen, wer deshalb die Bemerkung witzig finde, in Stuttgart gehe man zum Lachen in den Keller, bekäme eine Glattrasur verpasst.
Mir wurde übrigens schon oft der Tatvorwurf des Lachens im Keller unterstellt. Könnte damit zu tun haben, dass ich Lachen oft nicht als Reaktion auf eine lustige Erfahrung, sondern als Geste der Verlegenheit und Hilflosigkeit empfinde. Oder als einen Akt des Ranwanzens, höflicher ausgedrückt: die Absicht, einen Kontakt herzustellen. Sich im Land des Lächelns einzurichten, während wir längst im Land des Röchelns leben. Humor ist in meinen Augen nicht für Lacher zuständig, sondern für Lebenshilfe: Er verhindert, vollends den Verstand zu verlieren. Sofern man noch ein wenig davon hat.
Jetzt will ich hier um Gottes willen keinen Vortrag über Humor halten, bloß weil ich einen Lachdefekt habe. Einigen wir uns auf die kurze Interpretation des Schweizer Philosophen Yves Bossart aus seinem Buch „Trotzdem lachen“: „Humor hilft uns … beim Denken, beim Leben und beim Sterben.“ So gesehen ist es durchaus möglich, sein Rasiermesser mit Humor an der eigenen Gurgel anzusetzen und erhaben abzugehen.
Gute Comedians, wissen wir, packen auf der Bühne Intimstes aus, um glaubwürdig zu wirken. In solchen Fällen ist es von Vorteil, wenn der Künstler/die Künstlerin einer Gruppe angehört, die unter der Diskriminierung durch die Dummen und Bösartigen Erfahrungen gesammelt hat. Etwa Menschen mit schwarzer Hautfarbe, Schwule, Lesben, Trans-Personen, Behinderte. Deren Vorteil auf der Bühne ist es, sich ungestraft über ihresgleichen lustig machen zu dürfen. Mit Schadenfreude, Beleidigungen, Erniedrigungen. Wenn du dagegen einen CDU-Politiker beleidigst, kannst du das jederzeit guten Gewissens machen, ohne CDU-Mitglied zu sein. Passt immer.
Zum Glück bin ich kein Comedian, ich hätte nicht viel vorzuweisen. Bin weiß, eine Kartoffel und noch nicht mal schwul. Bliebe letztendlich nur ein einziger Angriffspunkt, um gesellschaftlich geächtet zu werden: Ich bin alt, ein Altsack, ein Greis, ein Gestriger, der die Gegenwart versaut. Einer, der nicht mehr zwingend infrage kommt für die neue Frühstartrente, dafür den Staat seit seinem 64. Lebensjahr als Frührentenbezieher ruiniert. Obwohl ich mich jederzeit für solidarisches soziales Verhalten entscheiden könnte: Nur ein einziges Mal müsste ich mein lausiges Rasiermesser so gekonnt ansetzen, dass sich jede weitere Rasur in meiner Altknacker-Fratze erübrigt.
Meine Fresse, sage ich mir, wäre ich ein Comedy-Mensch, wäre ich jetzt legitimiert, die übelsten Verletzungen auf alle Betagten und Gekrümmten abzusondern, immer mit der Rechtfertigung, ich diagnostizierte ja nur meine eigene Leiden und Gebrechen. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich damit etwa in einem meiner Flaneursalons durchkäme. Im Publikum sitzen garantiert Leute, die nicht besser gealtert sind als ich und meine angebliche Selbstverarschung mit messerscharfem Verstand als Herabwürdigung ihrer selbst verstehen. Ich könnte sagen: Nehmt es nicht persönlich. Aber das wäre gelogen, so wie heutzutage alles nur noch gelogen ist, und zwar so sehr, dass all die Lügen den Glauben an die Lügen schüren. In Wahrheit sind meine Beleidigungen schon deshalb persönlich gemeint, weil ich nicht allein als minderwertiger Altsack dastehen will. Gruppenzugehörigkeit erleichtert einem das Leben, sie macht es einem einfach, seinen Hass auf andere und seine Blödigkeit gegenüber allem im Rudel auszuleben, wie es beispielsweise die rechtsextreme Bewegung betreibt.
Bei meinem Spott und Hohn auf die Alten und Bleichen in direkter Konfrontation wäre womöglich schnell Schluss mit lustig, ich müsste in den Keller flüchten, und diesmal nicht zum Lachen. Vorher aber würde ich allen im Saal noch warmen Trost spenden mit einem vielzitierten Satz aus Philipp Roths Roman „Jedermann“: „Altern ist keine Schlacht, Altern ist ein Massaker.“ Denkt daran, wenn ihr in den Spiegel schaut, völlig wurscht, ob zum Rasieren, zum Augenbrauenzupfen oder einfach nur, um angesichts eures durch und durch humorvollen Lebens das Gesicht zu einem letzten Lacher zu verziehen. Dann seht ihr aus wie Donald Duck, Alice Weidel oder Friedrich Merz und brüllt in der Schlacht eures finalen Lebens wie ein streikender Schüler: Leck Eier. Das ist tragisch, das ist komisch. Da hilft keine Anti-Aging-Creme.
Machen wir das Messer zu. In dieser kleinen Homepage-Kolumne habe ich bisher auf Schilderungen meiner üblichen Stadtspaziergänge verzichtet. Auf meinem jüngsten Fußtrip durch die Straßen genoss ich noch einmal die schöne Oktobersonne über der Stadt. In den Abenddämmerung schien der Goldene Hirsch auf der Kuppel des Kunstgebäudes mit einem Lächeln unterm Geweih zu tanzen, ich stiefelte ziellos herum, und weiter östlich sah ich im Schlossgarten jungen Menschen beim Spike-Ball-Spielen zu.
Es gibt diese wenigen Stunden beim Herumgehen, in denen ich denke, es gäbe ein schönes Leben. Aber ich traue der Sache nicht, und dann stehe ich in Bahnhofsnähe am Gebhardt-Müller-Platz, dem hässlichsten und fußgängerfeindlichsten Platz der Welt. Gegenüber an der Ampel steht eine junge Frau und starrt gähnend auf ihr Mobiltelefon. Sie hat den Mund so weit geöffnet, dass ich glaube, ein dröhnendes Gähnen zu hören. Und als die Ampel grün wird, geht sie nicht los, sie gähnt weiterhin ihr Mobiltelefon an, bis die Ampel wieder auf Rot springt. Ihr Gesicht sieht aus wie meins, wenn ich versuche, mit idiotischen Grimassen die Haut so straff zu spannen, damit ich mit dem Rasiermesser ein paar Bartstoppeln erwische. Jetzt muss ich lachen, und es wird Zeit, in den Keller zu gehen, wo die Leichen liegen. Mein Rasiermesser nehme ich mit. Das wird lustig.