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2604. Depeche
3. August 2026

2605. Depesche

Willkommen!

Liebe alle und wenige, in der Trägheit der Monsterhitze eine kurze Homepage-Kolumne:

Meine kleine Website Story
AM MEER

Aus der Straßenbahn stieg ein Mann mit Wanderhut und Spazierstock. Der Stock hatte eine Metallspitze, die der Mann bei jedem Schritt so heftig auf den steinernen Boden stieß, dass es lauter und gefährlicher klackte, als es Nordic Walker hinbekommen. Mir schien, als wollte der Mann gehört oder erhört werden, bevor er die Welt mit dem Spazierstock angreifen wird. Auf seinem T-Shirt prangten die Buchstaben „Es ist vollbracht“. Dieses Zitat aus dem Johannesevangelium, sagt mir Gooogle, handelt von dem Moment, in dem Jesus sein Werk auf Erden vollendet.

An diesem Tag war es wie sehr oft in diesem Sommer so heiß, dass ich die Botschaft „Es ist vollbracht“ persönlich nehmen musste. Es roch nach Ende. Es ist nicht mehr der Winter, der vom Finale des Lebens erzählt. Es ist der Sommer, und die Klimaleugner und Umweltsäue können die Hitzetoten zählen und auf ihr T-Shirt schmieren: „Es ist vollbracht“. Bald wird uns nur noch die Nachricht trösten, dass die Menschheit untergeht. Es könnte ja schlimmer kommen.

Ich war nie ein Freund des Sommers, auch nicht, als ich den Begriff Klimakatastrophe noch nicht gekannt habe und noch nicht so viele Wälder brannten. Schon immer war ich ein Freund des Herbsts. Er ist ein Harlekin, ein Kerl im Flickengewand auf Tour. Und schon der Gedanke an den nächsten Sommer ist heute blanker Horror.

Vor dem Stadtpalais, dem „Museum für Stuttgart“, haben sie sie ein ziemlich großes Planschbecken für Kinder aufgebaut und ein Schild daneben gestellt: „Stuttgart am Meer“. Die örtlichen Zeitungen meldete umgehend „Mittelmeer-Feeling“. Was für ein berauschendes Gefühl. Laut dem EU-Klimadienst Copernicus heizen sich zurzeit die Weltmeere auf Rekordniveau auf. Am Strand von Mallorca kannst du dir heiße Würstchen im Salzwasser zubereiten. In Zukunft werden wir also noch viel mehr Typen begegnen, die zu heiß gebadet haben. Auch die sind wahlberechtigt.

Dass bei uns mit Blick auf ein Wasserbecken „Mittelmeer-Feeling“ ausgerufen wird, entspricht dem Geist der Stadt. Da erzählt der Oberbürgermeister auf dem CDU-Parteitag, Stuttgart sei das „deutsche San Francisco“. Wenn sich irgendwo ein Haus ein paar Meter über den Keller erhebt, verstrahlt es das Lebensgefühl New Yorks. Und wenn zwei Kneipen in einer Straße nebeneinander geöffnet haben, ist das wie in Berlin. Und so wähnt man sich beim Blick auf eine Pfütze am Mittelmeer.

Über das Verhältnis der städtischen Politik zu ihrem Wasser habe ich mich oft genug ausgelassen. Stuttgart am Meer ist seit Jahrzehnten zu dumm und zu ignorant, den Menschen den Neckar vor ihrer Haustür zugänglich zu machen. Stuttgart hat auch drei große Mineralbäder mit Wasser aus zahlreichen fantastischen Quellen und müsste eigentlich Bad Stuttgart heißen. Als während der Corona-Pandemie der Lockdown herrschte und der Kulturbetrieb ruhte, wurde mir klar, was ich einzig und allein vermisste in der Stadt: das Mineralbad, in meinem Fall das Bad Berg. Sich zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter in die Sauna zu setzen, um dann als Glühwurm ins kaltes Mineralwasser zu tauchen und alles hinter sich zu lassen, ist das Beste, was diese Stadt zu bieten hat. Aber die weiß mit ihren einzigartigen Ressourcen nicht viel anzufangen.

Das Bad Berg ist nach einem Rohrbruch und der Überschwemmung der Technik seit Mitte Mai geschlossen. Wie lange noch, weiß niemand genau. Kann passieren in einem Bad, das zwischen 2016 und 2020 für 35 Millionen Euro umgebaut und saniert wurde. Wie damals gehe ich jetzt ins Ausweichquartier Solebad Cannstatt, eine ebenfalls schöne Anstalt, mir angenehmer als die Nummer drei, das große Leuze mit seinen labyrinthischen Wegen und seiner Hajek-Kunst. Allerdings wird die komplette Saunalandschaft des Solebads im zweiten Obergeschoss zum Jahresende aus Spargründen an das Reha-Unternehmen Nanz medico vermietet werden. Damit ist die lebenswichtige Kombination Heiß & Kalt zerstört und das Bad für unsereinen nichts mehr wert.

Inzwischen gibt es Pläne, in Cannstatt einen neuen Saunabereich neben dem Innenbecken zu bauen. Laut Bäderamt soll dort eine sogenannte Textilsauna eingerichtet werden. Man darf dann nur noch in Badekleidung schwitzen. Textilsaunen liegen bei uns im Trend. Anscheinend wäre eine solche Einrichtung in Cannstatt am einfachsten zu betreuen: für alle offen, ohne elektronische Schranke, freier Blick aufs Mittelmeer.

Kaum hatte ich im Bad beiläufig davon erzählt, gab es schon die ersten Schreie der Entrüstung: Alles nur wegen der Muslime! Deutschland wird endgültig islamisiert! Ich habe keine Zweifel, dass die Hetze richtig losgehen wird, wenn unsere Kartoffeln nicht mehr mit nacktem Arsch und bloßen Eiern auf ihrem Frottélappen sitzen dürfen. Und wieder haben sie einen Grund, die Rechtsextremen zu wählen.

Nebenbei: Bedeckungspflicht für primäre/sekundäre Geschlechtsmerkmale in Saunen gibt es traditionell in typisch islamischen und muslimischen Saaten wie Frankreich, Italien, Dänemark, Spanien, Großbritannien, USA. Bei uns wünschen sich vor allem junge Besucherinnen und Besucher und Neulinge im Schwitzkasten Badeklamotten in der Sauna. Ein Grund dafür sind auch Gaffer. Sei’s drum. Ein Tigertanga in der Sauna wird mich nicht umbringen, zweifellos aber der Verzicht auf den Aufguss.

Allerdings muss ich damit rechnen, dass irgendwann einer mit Wanderhut in die Sauna kommt, den Erstbesten in Badehose mit seinem Spazierstock aufspießt und weit hinaus aufs Mittelmeer brüllt: Es ist vollbracht.

PRÜF-Demo-Bewegung

Entgegen der ursprünglichen Planungen des Stuttgarter Teams wird jetzt doch für Samstag, 12. September, eine PRÜF-Kundgebung für Baden-Württemberg im Stuttgarter Schlossgarten oragnisiert. Achtung, Beginn: 14 Uhr. Bühne wie gewohnt vor dem Schauspielhaus. Im September finden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern statt. Da kann man nicht einfach nichts machen. Bei den bundesweiten Prüf-Veranstaltungen werden die Landesregierungen aufgefordert, ihre Stimmen im Bundesrat dafür abzugeben, den parlamentarischen Arm der Rechtsextremen endlich vom Bundesverfassungsgericht prüfen zu lassen. Bei der vergleichswiese etwas kleineren September-Kundgebung spricht u. a. der Schriftsteller Wolfgang Schorlau. Musik macht die Maslband. Es gibt Gründe, zahlreich zu kommen!

NETZWERK Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie

EIN TREFFEN ALS GROßER RATSCHLAG.

Zurzeit bereiten wir, mit Unterstützung der Initiative Die AnStifter und der Kontext:Wochenzeitung, ein Netzwerk-Treffen für demokratisch Engagierte und all jene vor, die es werden wollen. Der Termin steht bereits fest, über den Ort sind wir uns noch nicht ganz schlüssig. Sicher ist, dass am Sonntag, 27. September, ab 17 Uhr in größerem Kreis über dieses Thema gesprochen, diskutiert und beraten wird:

WAS KÖNNEN WIR – noch – TUN GEGEN RECHTS?

Inzwischen dürfte es nicht mehr nötig sein, ständig zu erklären, wer mit „rechts“ gemeint ist. Unsere Veranstaltung wird voraussichtlich in zwei Teilen über die Bühne gehen:

In der ersten Hälfte wird eine Referentin über die aktuelle politische Situation und Entwicklung berichten und Fragen beantworten. Im Gespräch sind wir bereits mit Katja Sternberger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Rechtsextremismus mit den Schwerpunkten Politische und kulturelle Bildung am Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex), Universität Tübingen.

Die Besetzung für den zweiten Teil steht unterdessen weitgehend fest: Der in Berlin lebende Theaterregisseur und Aktivist Volker Lösch sowie der junge Autor und Aktivist Jakob Springfeld aus Sachsen informieren uns über Erfahrungen im Einsatz gegen Rechtsextreme. Volker Lösch ist vielen von uns aus seiner Stuttgarter Theaterzeit und von seinem Engagement gegen das Immobilienprojekt-Desaster Stuttgart 21 bekannt. Jakob Springfeld, 2002 in Zwickau geboren und dort aufgewachsen, hat unter anderem die Bestseller „Unter Nazis“ und „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert“ geschrieben. In Stuttgart erhielt er die Theodor-Heuss-Medaille für besonderes Engagement für Demokratie und Bürgerrechte.

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