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2602. Depesche
17. Juli 2026

2603. Depesche

Willkommen!

Liebe Besucherin, lieber Besucher, Zeit für eine neue Homepage-Kolumne:

Meine kleine Website Story
ÜBERHAUPT NICHTS

Vor zehn Jahren hat Lauren Elkin ihr Buch „Flâneuse. Frauen erobern die Stadt“ veröffentlicht. Die in New York geborene Essayistin, lese ich, sei „immer ausgestattet mit Papier und Stift“.
Das bin ich auch, seit einiger Zeit allerdings sind die Blätter meines kleinen Notizbuchs immer leer, und der Stift taugt nur noch dazu, darauf herumzukauen.

Wenn ich durch die Stadt gehe, wird daraus nicht wie einst ein Beutezug, sieht man davon ab, dass ich unterwegs oft überflüssigen Kram einkaufe, der hier nicht näher beleuchtet werden soll. Ich gehöre zu den Menschen, die immer einen Haufen Socken und Unterhosen zu viel im Schrank haben, immerhin frische. Jetzt also Homepage-Skizzen aus der Leere eines Mannes, der nichts auf dem Zettel hat.

Lauren Elkin notierte in Paris: „Was sieht man von einer Revolution, nachdem sie vorbei ist? Vielleicht eine bessere Welt. Ein paar Veränderungen in der Gesellschaftsstruktur. Aber nicht immer – manchmal verändert sich überhaupt nichts.“

Beruhigend. So muss ich kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich zurzeit keine Revolution plane, auch wenn sie dringend nötig wäre.

„Uns ist jedes gesetzliche Mittel recht, den Zustand von heute zu revolutionieren“, hat Goebbels 1928 gesagt, vier Jahre vor der Machtübergabe an die Nazis.

98 Jahre später, im Sommer 2026, sieht es endgültig so aus, als ob nur noch ein Verbot des parlamentarischen Arms der Rechtsextremen in der Bundesrepublik die faschistisch beeinflusste Revolutionierung des Zustands von heute verhindern könne. Dummerweise aber sieht es überhaupt nicht so aus, als sei die herrschende Politik zurzeit gewillt, diese Partei mit einem juristischen Prüfverfahren gegen die Verfassungsfeindlichkeit an der Machtübernahme zu hindern.

Bundesweit gibt es seit Ende vergangenen Jahres die sogenannten Prüf-Demos mit der Forderung an die Landesregierungen, im Bundesrat ihre Stimmen für entsprechende Maßnahmen abzugeben. Bisher hat das noch keine Landesregierung gemacht. Und die Prüf-Veranstaltungen, vom Hamburger Satiriker Nico Semsrott initiiert, werden bisher nicht massenhaft besucht, was allerdings nicht viel bedeutet: Soziale Bewegungen sind immer Phänomene, unberechenbar.

Bis vor Kurzem habe ich mich in Stuttgart, wo mein Notizbuch seit einiger Zeit leer bleibt, daran beteiligt, diese Art Kundgebungen mit ihrer Feelgood-Stimmung in Gang zu bringen und zu etablieren. Dass ich seit Jahren bei politischen Aktionen mitmache, hat dazu beigetragen, Papier und Stift zu oft im Sack zu lassen. Zum Schreiben braucht man gelegentlich einen freien Kopf, erst recht auf der eher finalen Strecke eines alternden Spaziergängers. Organisationskram gepaart mit inhaltlichen Überlegungen nimmt einem Schreiber-Hirn die Bewegungsfreiheit.

Lauren Elkins Erkenntnis „… manchmal verändert sich überhaupt nichts“ zerstört aber keineswegs die Hoffnung. Das Umstandswort „manchmal“ lässt Spielraum. Und manchmal läuft es auch anders, sofern man etwas tut: sich zusammen mit andern engagiert. Hoffnung ist nur dann naiv, wenn du nicht handelst. Handeln ohne Hoffnung wiederum mag zynisch sein, ist mir aber sympathischer als das modische Worthülsen-Geplapper, das der liebliche Aktivismus der Zuversicht den gewinnorientierten Motivationsabteilungen der Wirtschaft entlehnt.

Wer als Greenhorn im richtigen Kino saß, hat gelernt: Ein Mann reitet in die Stadt, und dann tut sich was. Das steht auf einer vergilbten Seite meines Notizbuchs.

Die Aufforderung „etwas tun“ lässt sich leicht hinschreiben. Niemand weiß, welches Tun in diesen Tagen tatsächlich etwas verändern könnte – außer einem Parteiverbot. Von der Bundesregierung können wir nicht erwarten, dass sie irgendwann doch noch eine Politik macht, die nicht der Partei zugute kommt, die verboten werden müsste. Ich muss hier nicht die Scherben des Sozialstaats zusammenkehren, es reicht ein Satz des Armutsforschers Christoph Butterwegge: „Die Politik tut so, als ginge es den Armen zu gut und den Reichen zu schlecht.“ Und über die brandgefährliche Militarisierung mit ihren Wahnsinnskosten hierzulande wird in weiten Kreisen der Bevölkerung erst gar nicht gesprochen. Überhaupt nicht. Der Russe ist gesetzt.

Neulich war ich ein paar Tage am Schluchsee im Schwarzwald. Die Anfahrt mit der Bahn wäre für einige sicherlich Grund genug gewesen, die rechtsextreme Partei zu wählen. Ich wunderte mich dagegen, wie es nach zwei schicksalhaften Vorfällen (Entgleisung eines Güterzugs auf der Strecke vor uns, später nicht befahrbare Gleise wegen Geröllschlags) per Ersatzbahn und Bus erstaunlich zügig weiterging. Und die Wettervorhersagen auf meiner Taschentelefon-App, am Schluchsee würde es pissen, blitzen und donnern, waren falsch. Ich hatte schöne Tage, der See war warm und klar.

Verlockend an diesem kurzen Ausflug war der Gedanke, den Rest meines Lebens auf Ausflügen zu verbringen: Raus aus der Stadt, die sich nicht verändert, solange die Revolution nicht begonnen hat. Und die Stadt ist noch lange nicht das größte Problem. In Gegenden, die noch mehr dem „ländlichen Raum“ zugerechnet werden als Stuttgart selbst, sind mehr Rechtsextreme unterwegs als vor der Haustür.

Bevor ich diese Zeilen aufgeschrieben hab, hörte ich mir am frühen Morgen eine Seite von Ringo Starrs neuem Album „Long Long Road“ an. An dieser Platte mit Country-Songs war maßgeblich T. Bone Burnett beteiligt, schon deshalb kann daran nichts falsch sein. Im ersten Song, „Returning Without Tears“, singt der Trommler:

Tell me a story. / And I don’t care if it’s true. / Just tell me everything I want to hear.

Damit lässt sich gut leben, solange das Notizbuch leer ist. Und keine Angst: Ringo Starr gibt mir mehr Kampfkraft als Danger Dan.

Lauren Elkin schreibt in ihrem Buch „Flâneuse“: „Wenn ich in den Straßen von Paris nach Spuren der Zeit suche, nach Narben von Revolutionen und Umbrüchen, suche ich nach Beweisen dafür, dass die Pariser gegen das angekämpft haben, was ihnen aufgezwungen wurde, und nicht nur versuchten, ein möglichst ungestörtes Leben zu führen. Zwischen 1789 und 1871 erlebten diese Menschen etwa alle zwanzig Jahr einen Aufstand.“

Anscheinend schon eine ganze Weile her, aber nicht mehr als heutzutage zwei übliche Menschenleben. Jetzt lege ich noch die zweite Seite von „Long Long Road“ auf und denke darüber nach, wie ich mein scheinbar ungestörtes Leben stören kann. Wenn ich dann aufstehe, ist das noch kein Aufstand. Womöglich aber Zeit, meinen Arsch zu bewegen. Auf der Straße sind die Spuren. Und wie vor hundert Jahren riechen sie nach einem kotzüblen Gemisch aus Bösartigkeit und Dummheit..

NETZWERK Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie

EIN TREFFEN ALS GROßER RATSCHLAG.

Zurzeit bereiten wir, mit Unterstützung der Initiative Die AnStifter und der Kontext:Wochenzeitung, ein Netzwerk-Treffen für demokratisch Engagierte und all jene vor, die es werden wollen. Der Termin steht bereits fest, über den Ort sind wir uns noch nicht ganz schlüssig. Sicher ist, dass am Sonntag, 27. September, ab 17 Uhr in größerem Kreis über dieses Thema gesprochen, diskutiert und beraten wird:

WAS KÖNNEN WIR – noch – TUN GEGEN RECHTS?

Inzwischen dürfte es nicht mehr nötig sein, ständig zu erklären, wer mit „rechts“ gemeint ist. Unsere Veranstaltung wird voraussichtlich in zwei Teilen über die Bühne gehen:

In der ersten Hälfte wird eine Referentin über die aktuelle politische Situation und Entwicklung berichten und Fragen beantworten. Im Gespräch sind wir bereits mit Katja Sternberger, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Rechtsextremismus mit den Schwerpunkten Politische und kulturelle Bildung am Institut für Rechtsextremismusforschung (IRex), Universität Tübingen.

Die Besetzung für den zweiten Teil steht unterdessen weitgehend fest: Der in Berlin lebende Theaterregisseur und Aktivist Volker Lösch sowie der junge Autor und Aktivist Jakob Springfeld aus Sachsen informieren uns über Erfahrungen im Einsatz gegen Rechtsextreme. Volker Lösch ist vielen von uns aus seiner Stuttgarter Theaterzeit und von seinem Engagement gegen das Immobilienprojekt-Desaster Stuttgart 21 bekannt. Jakob Springfeld, 2002 in Zwickau geboren und dort aufgewachsen, hat unter anderem die Bestseller „Unter Nazis“ und „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert“ geschrieben. In Stuttgart erhielt er die Theodor-Heuss-Medaille für besonderes Engagement für Demokratie und Bürgerrechte.

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