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2590. Depesche
9. Mai 2026

2591. Depesche

Willkommen!

Liebe Besucherin, lieber Besucher, ich hab wieder eine Homepage-Kolumne fabriziert und wünsche guten Appetit:

Meine kleine Website Story
WAS AUF DIE BREZEL

Die Stadt Stuttgart steckt zurzeit in ihrer größten finanziellen Krise seit langem, weil die Profite der Fossilien-treuen Autoindustrie schrumpfen. Viele fragen sich, wo und wie sie in Zukunft noch ihre Brötchen verdienen sollen, und ob es nicht am besten wäre, die Rechtsextremen mit ihrer Stimme zu füttern.

Im städtischen Haushalt werden Mittel zusammengestrichen, vor allem dort, wo es dem gesellschaftlichen Klima am meisten schadet. Etwa im sozialen Bereich, in der Kunst und im bürgerlichen Engagement. Dinge, die unsere Kultur, unsere demokratische Lebensweise entscheidend beeinflussen.

In einer solchen Situation ist es beruhigend, wenn ein Oberbürgermeister als Chef eines großstädtischen Verwaltungsapparats Ideen hat und Überlebensstrategien entwickelt. Bei uns in Stuttgart ist diese Position perfekt besetzt. Da sitzt einer mit Gefühl für die elementaren Probleme des Lebens. Mitten im Wonnemonat Mai hat der wichtigste Rathäusler des Landes mit der ihm eigenen Triebkraft nicht nur die frohe Botschaft verbreitet, dass das kostenlose Kurzzeitparken für den motorisierten Teil der Bevölkerung erhalten bleibt. Er verkündete auch, dass man es in seinen Kreisen „für charmanter und regionaltypischer“ halte, wenn man die dafür eingerichtete Brötchentaste „zukünftig in Stuttgart Brezeltaste“ nenne.

Das bedeutet nicht, dass beim Drücken der bisherigen Brötchentaste an Parkuhren neuerdings eine Brezel ausgespuckt wird. Vielmehr geht es darum, dem Kurzzeitparken im Sinne des amtierenden Oberbrezelmeisters einen „echt schwäbischen Namen“ zu geben. Hoch lebe die deutsche Heimatseligkeit!

Die Brötchentasten weisen seit je darauf hin, dass man sich gratis die Parkzeit für eine kleine Besorgung, etwa ein Laugen-, ein Mohn- oder Fischbrötchen, nehmen darf. Oder auch für die Entsorgung bereits vertilgter Brezel in einer öffentlichen Toilette. Ehrlich gesagt, wusste ich zunächst gar nicht, was eine Brötchentaste ist. Dachte, so etwas gibt es nur in automatisierten Fast-Food-Buden. Man könnte auch wie im Englischen Brezel-Taste lesen, wir haben ja Geschmack. Und sagen: voll läcker.

Was an dem Wort Brezel „echt“ schwäbisch sein soll, erschließt sich mir nicht, so wahr ich schon die eine oder andere gegessen und verdaut habe. Zwar bin ich kein Laugenteig-Ingenieur und an diesem Thema auch nicht sonderlich interessiert, habe aber gelesen, dass das Wort wahrscheinlich vom lateinischen brachium (zu Deutsch: der Arm) abstammt. Über altdeutsche Wörter wie brezitella oder brezin ergab sich der Name Brezel. Womöglich spielte auch die Pratze eine Rolle. Die Brezel-Form, eine virtuose Verschlungenheit, symbolisiert verschränkte Arme vor der Brust, was einer alten Gebetsgeste entspricht. Deshalb wird vermutet, dass ein Gebäck dieser Art in mittelalterlichen Klöstern entstanden ist. Und zwar als Fastenspeise. Dies wiederum nährt den Verdacht, dass allenfalls die halbe Butterbrezel, wie sie bei großen Feierlichkeiten in schwäbischen Rathäusern gereicht wird, von ausschweifenden Luxusschwaben erfunden wurde. Um keine Verluste zu erleiden, haben sie zuvor denen, die eh nichts haben, die Butter vom Brot genommen.

Und wenn ihr schon dabei sind: Auch Schimpansen und Gorillas verschränken ihre Arme vor der Brust. Anders als bei Politikern dient diese Haltung bei Affen ihrer Sicherheit und Ruhe. Und falls da jemand stört, gibt’s was auf die Brezel.

Über die Entstehung der Brezel kursieren etliche Legenden. Mal wird das Elsass, mal Bayern, mal Schwaben als Ursprungsregion genannt. Im Schwäbischen hält sich die Geschichte, wonach ein Bäcker aus Bad Urach, der seinen König beleidigt hatte, hingerichtet werden sollte – wenn er nicht in drei Tagen ein Gebäck zustande bringe, durch das dreimal gleichzeitig die Sonne scheine. Als er für die Herstellung nur noch einen Tag hatte, verschränkte seine Frau zornig ihre Arme vor dem mächtigen Busen und gab ihm Saures. Da sah er, wie das Licht dreimal durch ihre Arme schien und knetete seinen salzigen Hefeteig nach ihrem Vorbild. Das Ding fiel ihm zwar in die Seifenlauge, er buk es aber trotzdem, und dem König schmeckte dieses Zeug. Weil Königen halt so manches schmeckt.

Diese Anekdote ist zwar mit einiger Sicherheit purer Fake, erinnert aber daran, dass der heutige König von Baden-Württemberg wie der geplagte Bäcker aus Bad Urach stammt: Er trägt eine wichtig wirkende Gesichtsbrezel auf der Nase und heißt Cem Özdemir. Seifenlauge auf der Basis von Schmierseife und als Grundstoff für Seifenblasen wiederum erzählt uns etwas über die herrschend Politik.

Und jetzt zum Fachlichen:
Typisch für die schwäbische Brezel sind ihre dünnen, knusprigen Ärmchen und ihr dicker, eher weicher Bauch. Ähnlichkeiten mit schwäbischen Biertrinkern sind rein zufällig.
Bei den Bayern sind die Teile der Brezel alle gleich dick. Entspricht in etwa der Physiognomie des Bazis an sich.
Die badische Brezel wiederum bewegt sich irgendwo zwischen dem schwäbischen und dem bayerischen Modell. Mal dick, mal dünn. Da muss man durch.

Pretzeln mit P und tz gibt es im Übrigen in den USA. Die Firma Prezel Pete beispielsweise behauptet, Pretzel-Snacks aus Hatboro bei Philadelphia verkörperten „echten amerikanischen Knabbergenuss mit Wow-Effekt“. Da die Brezel längst weltweit als Industriefraß mit gummihartem oder pappig-knatschigem Wow-Effekt verhunzt wurde, ist es ratsam, alle Beschreibungen und Deutungen des Klosterprodukts auch bei uns mit Vorsicht zu genießen. Sonst knabberst du unter Umständen auf dem letzten Loch.

Jetzt könnte ich ein paar Bäckereien in Stuttgart nennen, in denen es noch gute Brezeln gibt, bevor diese ehrenwerten Läden aussterben. Aber deren finanziellen Angebote für meine Schleichwerbung waren so schwäbisch, dass ich aus reiner Willkür nur Weible in der Heusteig-Gegend, den Königsbäck in der Gablenberger Hauptstraße und Voß in Ostheim empfehlen will.

Ungeachtet aller historischen Tatsachen hat der Stuttgarter Oberschultes die Brezeltaste an der Parkuhr als schwäbische Identitätsstifterin entdeckt. Er sollte diese geniale Idee zur patriotischen Pflege des heimischen Kesselhorizonts ausbauen. Am besten die ganze Stadt in seinem Geist aufbrezeln. Gemeinschaftsfördernd wäre es, das Großunternehmen Stadtverwaltung wäre fortan nicht mehr Brötchengeber, sondern Brezelgeber. Gemanagt vom großen Erbsenzähler.

Was den echt schwäbischen Namen an den Parkuhren betrifft, muss allerdings neu verhandelt werden. Da kannst du das Wort Brezel vergessen. Sprachwissenschaftlich korrekt wäre allein die Bräzg. Entsprechend also die Bräzgataste. Damit würde angesichts der Stuttgarter Weltläufigkeit auch die weitere Backnangisierung der Stadt ungebremst voranschreiten. Angesichts dieser kulturellen Entwicklung hat das charmante Kompliment „dumm wie Brot“ ausgedient. Es heißt jetzt regionaltypischer „blöd wie Brezel“.
Zu Ehren des OB könnte man den Knopf des Kurzzeitparkers auch Nopper-Gedächtnis-Taste nennen. Jeder Brezel, was ihr gebührt.

FLANEURSALON LIVE
Open Air am Freitag, 12. Juni,
im Wirtshausgarten der Ratze

Eric Gauthier & Nadia Krasnovid und Cemre Yilmaz & Friends machen in diesem Sommer Musik bei unserem Flaneursalon am Freitag, 12. Juni, im Garten der Ratze am Raichberg. Außerdem auf der Bühne: Kabarettist Jess Jochimsen aus Freiburg. Beginn 19 Uhr. Essen: 16.30 Uhr bis 18 Uhr. Reservieren kann man per Mail: ratzestr@gmail.com

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