Willkommen!
Liebe Besucherin, lieber Besucher, bei der 3. Stuttgarter PRÜF-Kundgebung am Samstag, 9. Mai, im Schlossgarten habe ich diesen Text vorgetragen:
Schönen guten Tag bei den dritten Prüf-Festspielen im Stuttgarter Schlossgarten.
Wer schon mal bei uns war, weiß, was gleich kommen wir, denn Rituale müssen wir pflegen, so wahr wir jetzt unsere ABC-Kenntnisse prüfen:
Gebt mir ein P
Gebt mir ein R
Gebt mir ein Ü
Gebt mir ein F
Das war fast schon gut. P wie Power, R wie rastlos, Ü wie überragend und F wie viel Vergnügen.
Liebe Freundinnen & Freunde,
gut dass ihr heute dabei seid, bei unserer Mai-Ausgabe des Prüf-Jahres 2026.
Dieser Monat hat es in sich: Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit, er geht zurück auf einen Generalstreik im Jahr 1886 in den USA – im Kampf um den Acht-Stunden-Tag. Heute, 140 Jahre später, gibt es Politiker und Unternehmer, die am liebsten die Zeit zurückdrehen und den Acht-Stunden-Tag wieder abschaffen würden.
Gestern war der 8. Mai, der Jahrestag der Kapitulation von Hitlers Wehrmacht 1945. Wenn heute von der Befreiung vom Faschismus geredet wird, dannviel zu wenig darüber, wie sich überlebende Nazis nach dem Kriegs sehr schnell wieder organisieren konnten und kontinuierlich an ihrem Wiederaufstieg gearbeitet haben. Die rechtsextreme Bedrohung in unserer Gegenwart ist kein Phänomen, das vom Himmel fiel, sie hat eine Geschichte.
Am 8. Mai 1949 wiederum wurde vom Parlamentarischen Rat in Bonn das Grundgesetz für die Bundesrepublik beschlossen und am 23. Mai 1949 verkündet. Wir können also hier und jetzt den 77. Geburtstag unseres Grundgesetzes feiern.
Heute ist der9. Mai, und das ist der Europatag. Am 9. Mai 1950 hat Frankreichs Außenminister Robert Schuman mit seinem Plan zur Kooperation der Nationen die spätere EU auf den Weg gebracht. Blicken wir heute auf Europa, haben wir wenig Grund, Schillers Ode an die Freude zu singen.
Wir, liebe Freundinnen und Freunde, sind heute, am 9. Mai 2026, im Schlossgarten, um uns für die Einhaltung und Verteidigung unserer im Grundgesetz verankerten Rechte einzusetzen. Gegen rechtsextreme Angriffe. Und damit für den Rechtsstaat.
So, das war die kleine Mai-Andacht. Ich habe mir angewöhnt, die Gegenwart immer im Zusammenhang mit der Geschichte zu betrachten, auch mit der vor unserer Haustür. Es ist die unmittelbare Konfrontation mit den Verbrechen der Vergangenheit, es ist der verstörende Blick auf die Tatorte, die mich motivieren, Aktionen gegen die rechtsextreme Bedrohung zu unterstützen. Zu diesen Tatorten zählt auch da drüben der Landtag, wo Rechtsextreme seit zehn Jahren ihr Unwesen treiben – und ihren Kader immer stärker ausbauen.
Heute sind wir zum zweiten Mal vor den Staatstheatern. Im April habe ich erzählt, wie Nazi-Truppen 1930 in Stuttgart die Vorstellung eines antirassistischen Stücks gestürmt haben. Diesmal habe ich eine andere Geschichte. Viele von euch kennen den international berühmten Theater- und Filmschauspieler Armin Mueller-Stahl. Er ist 95 Jahre alt und sagte einmal: Alles, was ich als Schauspieler gelernt habe, habe ich Fritz Wisten zu verdanken.
Dieser Fritz Wisten spielte ab 1919 auf Stuttgarter Bühnen. Im Württembergischen Landestheater stieg er zum gefeierten Publikumsliebling auf und wurde 1928 zum Staatsschauspieler gekürt. Er wohnte in der Reinsburgstraße. 1933 warfen ihn die Nazis vor die Tür, weil er Jude war. Mit viel Glück überlebte er die Diktatur und machte nach dem Krieg eine einzigartige Karriere als Bühnenintendant und Regisseur in Berlin.
Solche Geschichten fallen mir ein, wenn ich vor dem Theater stehe. Ich stelle mir vor, was passieren wird, wenn morgen in einem Bundesland die Rechtsextremen die Macht übernehmen. Wie sie unsere Kultur, unsere Lebensweise zerstören werden. Der mächtige parlamentarische Arm der Rechtsextremen in Sachsen-Anhalt hat bereits die „patriotische Wende“ anusgerufen. Theater sollen dann nur noch deutsche Stücke spielen, kritische Töne auf den Bühnen verstummen. Gegen diesen nationalistisch-völkischen Wahnsinn müssen wir etwas tun. Geschichte ist Gegenwart. Und Meinungsfreiheit hört da auf, wo der Rechtsstaat propagandistisch angegriffen wird mit dem eindeutigen Ziel, ihn zu zerlegen.
Also müssen wir dringend unsere Handlungsmöglichkeiten prüfen. Uns organisieren, vernetzen. Stark sind wir nur, wenn wir über parteipolitische Grenzen und kontroverse Meinungen hinweg gegen die Feinde der Demokratie zusammenarbeiten. Es gibt nicht nur Parteisoldaten und Vereinsmeier, sondern in allen Organisationen auch Menschen ohne Scheuklappen und Berührungsängste. Die bereit sind, sich gegen die rechtsextreme Bedrohung zu engagieren. Und wenn wir hier heute gemeinsam singen, dann sollten wir daran denken: In jedem Chor gibt es grundverschiedene Stimmen. Aber in diesen Unterschieden erkennen wir das Gemeinsame. Die Kraft des Miteinanders.
Und wir müssen prüfen, welche Art Demokratie wir wollen.
Zurzeit werden demokratische Werte nicht nur von den Rechtsextremen angegriffen, sondern auch von Verantwortlichen der herrschenden Politik. Sie scheuen sich, den Wohlstand endlich gerechter zu verteilen. Stattdessen werden Bildungs-Institutionen, zivilgesellschaftliche Initiativen und Aktivist:innen als zu grün, als zu links oder sonst was verdächtig. Die Förderung demokratischer Projekte wird gestrichen. Immer wieder mithilfe des Verfassungsschutzes. Das sogenannte Haber-Verfahren erlaubt es staatlichen Instanzen, Betroffene nicht einmal über den Grund der Schikanen zu informieren. Und nicht selten stecken als Anstifter Medien aus dem stramm rechten Milieu dahinter.
Dies alles öffnet Rechtsextremen Tür und Tor. Die Demokratiefeinde müssen mit ihren autoritären Forderungen nicht einmal mehr offene Türen bei Regierenden einrennen. Sie können in aller Ruhe auf dem Sofa sitzen und zuschauen, wie ihnen der Teppich ausgerollt wird, und der ist nicht rot, sondern blau und braun. Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, Meron Mendel, hat neulich gesagt: „Wir sehen gerade eine Kultur des Misstrauens, das geschürt wird. Es werden Überprüfungen gemacht, schriftliche Bewilligungen zurückgenommen. Ich frage mich, was dahintersteckt. Ist die Zivilgesellschaft der Feind der Regierung?“
Anlass für diese Aussage ist der miese Umgang der Vielfalt-feindlichen Bundesbildungsministerin mit dem Förderprogramm Demokratie leben. Verdammt noch mal, wenn wir Demokratie leben wollen, dürfen nicht deren Grundlagen zerstört werden. Zu diesen Grundlagen gehören die Bildung ebenso wie Versammlungsfreiheit, die Kunstfreiheit, die Meinungsfreiheit.
Die Rechtsextremen werden auch profitieren, wenn durch die Kürzungen kommunaler Mittel, wie auch in Stuttgart, die Arbeit im sozialen Bereich, in der Bildung, in der Kultur enorm erschwert wird. Parteipolitiker:innen beschwören zwar gern die Brandmauer. Ihr Verhalten erinnert aber nicht selten an den Brandbeschleuniger.
Liebe Freundinnen und Freunde, wir sind Teil der Zivilgesellschaft, ohne die es keine Demokratie gibt. Wir wollen zum Erhalt und zur Verbesserung demokratischer Errungenschaften beitragen. Und da stellen sich uns Fragen: Warum wirft ein Bundeskanzler ihm unbekannten Menschen vor, sie würden nicht genügend arbeiten? Warum werden Menschen als Schmarotzer unter Generalverdacht gestellt, wenn sie finanziell vom Rechtsstaat unterstützt werden? Und wieso eigentlich verbreitet der Kanzler nicht mal diese Botschaft: 37 Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik engagieren sich zurzeit ehrenamtlich, das sind mehr als 27 Millionen Menschen.
Es gibt also ein solidarisches, demokratisches Denken und Handeln.
Wir alle haben beim Blick auf unsere demokratischen Rechte viele wichtiger Dinge zu prüfen. Wir wollen das weiterhin mit Freude, Humor und guter Stimmung tun. Und weil Rituale gepflegt werden müssen, auch heute der Hinweis:
Wir erwähnen hier nie das A-Wort. Aber nur dieses eine A-Wort haben wir auf den Abfallhaufen befördert. Allenthalben gibt es absolut angenehme Ausdrücke mit A, sogar ohne abwertende Anspielungen auf armselige Antidemokraten und andere A-Geigen. Und so sagen wir: Alle Achtung vor allen, die in Anbetracht der allseits anfallenden antifaschistischen Arbeit für eine anständige Lebensart aktiv sind und es auch bleiben.
Allseits Respekt vor allen, die unsere dritten Stuttgarter Prüf-Festspiele zu einer allmächtig guten Sache machen. Organisiert euch, vernetzt euch – prüfen wir Tag für Tag, was wir tun können, um die demokratische Lebensweise zu verteidigen.
Und auch heute, wo wir den 77. Geburtstag unseres Grundgesetzes und auch den 75. Geburtstag unseres Bundesverfassungsgerichts feiern können, schließe ich mit meinem Motto:
Wir haben Grund zur Hoffnung, solange wir handeln.
FLANEURSALON LIVE:
Open Air am Freitag, 12. Juni,
im Wirtshausgarten der Ratze
Eric Gauthier & Friend und Cemre Yilmaz & Friends machen in diesem Sommer Musik bei unserem Flaneursalon am Freitag, 12. Juni, im Garten der Ratze am Raichberg. Außerdem auf der Bühne: Kabarettist Jess Jochimsen aus Freiburg. Beginn 19 Uhr. Essen: 16.30 Uhr bis 18 Uhr. Buchen kann man per Mail: ratzestr@gmail.com