Willkommen!
Liebe Besucherin, lieber Besucher, nach meinem gesundheitlichen Hänger bin ich mit gutem Gewissen in den Alltagsrhythmus zurückgekehrt: die ersten Kieser-Trainings nach sechs Wochen absolviert, an diesem Sonntag gehe ich nach der Pause joggen, und bald stehen wieder Schwitzen und Schwimmen im Mineralbad Berg auf dem Programm. Diese Übungen sind notwendig, um einen alten Körper halbwegs aufrecht zu halten. Dass am Dienstag, 4. Februar, der Flaneursalon in der Rosenau ist, habe ich hier schon unzählige Male kundgetan – man kommt sich vor wie ein digitalisierter Marktschreier, der seinen faulen Fisch loswerden will. Sei’s drum.
Zurzeit finden anlässlich der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 viele Gedenkveranstaltungen statt, die nächste Stuttgarter Aktion an diesem Sonntag, 1. Februar, um 14 Uhr: „Nie wieder“ am Zeichen der Erinnerung am Nordbahnhof, wo einst Menschen deportiert wurden. 2024 habe ich bei dieser Veranstaltung folgenden Text vorgetragen, ich denke, er ist noch lesbar:
Ein herzliches Willkommen hier am Zeichen der Erinnerung.
Diese Gedenkstätte vor unseren Augen hat für mich eine besondere Kraft. Der Ort geht mir im Wortsinn nahe. Er vermittelt etwas Unmittelbares, er löst etwas aus.
Die meisten von uns waren einmal in Dachau, in Buchenwald oder in Auschwitz. Anders als diese Erfahrung bedeutet diese Stuttgarter Nordbahnhof-Kulisse für mich die alltägliche, die direkte Konfrontation mit einer Vergangenheit, die alles andere als vergangen ist. Hier, vor unserer Haustür, ist das Grauen des Vergangenen spürbar gegenwärtig. Die Verbrechen der Nazis werden hier sichtbar als Teil unserer Umgebung, in der wir leben.
Vor unseren Augen liegen die Gleise, auf denen Menschen wie Vieh ins Verderben gekarrt wurden. Es spielt keine Rolle, wenn es heute nicht mehr dieselben Gleise sind wie damals. Beim Blick auf diese Schienen scheint es, als würde man das Rollen der Räder hören. Die Räder der Reichsbahn, die Menschen in Vernichtungslager deportierte. In den Tod. Menschen, die nicht ins perverse Weltbild der Nazis passten, aber von ihnen als Sündenböcke und Objekte des Hasses gebraucht, entwürdigt und ermordet wurden. Diese Gleise erzählen uns aber auch, dass es hier im Südwesten Hunderte tapferer Eisenbahner gab, die mit ihrem Stuttgarter Gewerkschafter Karl Molt in Widerstandsgruppen kämpften; viele bezahlten dafür teuer.
Diese Gedenkstätte am Nordbahnhof ist kein abstraktes Gebilde für die Erinnerung. Wenn uns Geschichte bewusst werden soll, sind solche Orte wirkungsvoller als Zahlen und Fakten im Schulunterricht. Hier werden Menschen sichtbar, ihre Namen an den Wänden. Vergangenheit ist Gegenwart. Bezeichnend allerdings, dass dieses Zeichen der Erinnerung erst 2006 eröffnet wurde – 61 Jahre nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur.
Dieser Ort, am dem die Geschichte lebt, wurde nur möglich, weil sich zunächst Bürgerinnen und Bürger dafür engagierten – und nicht etwa die Politik, die öffentliches Erinnern als Akt der Versöhnung darstellt. Als Versöhnung mit den Opfern des deutschen Terrors, über den der Bundeskanzler Adenauer 1951 diesen Satz verbreitete: „Das deutsche Volk hat in seiner überwiegenden Mehrheit die an den Juden begangenen Verbrechen verabscheut und hat sich an ihnen nicht beteiligt.“ Es wird einem übel, wenn man das liest.
Die sogenannte Wiedergutmachung der Bundesrepublik hat der große Publizist Eike Geisel, 1945 übrigens in Stuttgart geboren, zu Recht als politische Alibi-Inszenierung gesehen. Und sie die Wiedergutwerdung genannt. Darüber sollten wir nachdenken.
Viele Jahre lang habe ich mir als schreibender Spaziergänger Stuttgart etwas genauer angesehen und gelernt, dass einem die alltäglichen Erfahrungen einiges über die Erinnerungskultur sagen. Dazu braucht es nur etwas Aufmerksamkeit. Täglich etwa komme ich am Landgericht in der Urbanstraße vorbei. An einer Außenmauer wurde, schlecht sichtbar, eine Inschrift angebracht: „Den Opfern der Justiz im Nationalsozialismus zum Gedenken. Hunderte wurden hier im Innenhof hingerichtet. Den Lebenden zur Mahnung.“
Diese scheinheilige Mahnung erfolgte erst 1994, ein halbes Jahrhundert nach der Nazi-Diktatur – und erst nach langen politischen Diskussionen, in denen sich konservative Kommunalpolitiker gegen das kleine Zeichen der Erinnerung sträubten. Wir wissen, dass einst im sogenannten Lichthof des Landgerichts der Scharfrichter der Nazis Menschen umbrachte. Heute ist auf diesem Gelände ein Parkplatz. Und erst seit Kurzem wird über die Verbrechen der furchtbaren Juristen an diesem Ort mit Tafeln aufgeklärt.
Wir kennen ähnliche Stuttgarter Beispiele. Noch 2009 schrieb die Wochenzeitung Die Zeit über das Hotel Silber: „Dieses Hotel steckt voller Erinnerungen, es war sechs furchtbare Jahre lang die Zentrale der Gestapo, viele Gegner der Nationalsozialisten wurden hier eingesperrt, gefoltert, gemordet. Doch das scheint Land und Stadt nicht zu kümmern. Während Berlin, Köln, Nürnberg, selbst München mit Gedenkstätten an ihre NS-Geschichte erinnern, übt sich Stuttgart in kaltem Pragmatismus: zu teuer, zu umständlich, zu aufwendig sei es, das Hotel Silber zu erhalten.“
Erst 2018, also 73 Jahre nach dem Krieg, wurde das Hotel Silber als Lern- und Gedenkort eröffnet – wiederum dank des unermüdlichen Einsatzes antifaschistischer Bürgerinnen und Bürger. Ihnen ging es nicht um die Wiedergutwerdung, sondern um die Warnung vor dem Wiedererstarken der Völkischen.
Schauen wir nach Cannstatt. Die Gedenkstätte der zerstörten, nicht wiederaufgebauten Synagoge an der König-Karl-Straße wurde erst vor Kurzem neu gestaltet. Zuvor waren an diesem Ort nirgendwo die Begriffe Nationalsozialismus, NSDAP oder Nazis zu lesen gewesen. Stattdessen war auf einem Gedenkstein von einer „gottlosen Gewaltherrschaft“ die Rede. Dieser Stein steht dort noch heute.
Liebe Freundinnen und Freunde, es geht mir nicht darum, hier mit der Erinnerungskultur abzurechnen. Selbstverständlich gab und gibt es aufrechte Historiker:innen, die sehr gute Aufklärungsarbeit geleistet haben und leisten. Sonst wären wir heute nicht hier. Warnen möchte ich nur vor dem Eindruck, die Politik dieser Republik hätten alles getan, um die Rückkehr des Faschismus zu verhindern. Zu viel wurde beschönigt und vertuscht, wie im Übrigen auch in anderen Ländern. Wir sollten uns nicht blenden lassen, wenn sich manche Deutsche heute als Gedächtnisweltmeister feiern.
Zu oft habe ich bei gut gemeinten Veranstaltungen die Forderung „Nie weder“ als bloße Floskel erlebt. Das „Nie wieder“ muss bedeuten, die buchstäblich unfassbare deutsche Geschichte in unserer Gegenwart wahrzunehmen – und vor allem, etwas gegen die faschistische Bedrohung zu tun. Das wurde von der Politik sträflich vernachlässigt. Die große Mehrzahl der Nazi-Verbrecher ging straffrei aus, wir wissen, wie ihre politischen Nachfahren verharmlost und gedeckt wurden.
Wann immer in den vergangenen Jahren in Stuttgart von Erinnerungskultur die Rede war, sagte ich mir: Wer ein wahrhaftiges Mahnmal gegen den Faschismus sehen will, sollte schnurstracks zum Stuttgarter Landtag gehen. Dort sitzen die Nazis von heute und planen mit alten Ideologien und neuer Gerissenheit die Abschaffung demokratischer Rechte und Freiheiten.
Als die AfD 2016 erstmals in den Landtag einzog, war sie dort bereits die drittstärkste Partei. Der Hinweis damals, dass in diesem Parlament mehr AfD-ler als SPD-ler sitzen, wurde oft mit ungläubigem Grinsen abgetan. Und immer noch halten viele das Wiedererstarken der Faschisten für ein Zeitphänomen, das rasch wieder verschwinden wird. Das ist naiv. In Wahrheit haben die Nazis seit Kriegsende kontinuierlich an ihrer Rückkehr gearbeitet. Und die staatlichen Behörden schauten weg.
Jetzt erleben wir zum Glück, wie bei uns viele Menschen auf die Straße gehen, um sich gegen die faschistischen Bedrohungen zu wehren. Die großen Demos in den vergangenen Januartagen waren ein gutes Zeichen – womöglich auch ein etwas spätes. Klar ist: Wir müssen jetzt weitermachen. Tag für Tag.
Am vergangenen Wochenende im Schlossgarten habe ich mich in einer kurzen Rede auf die dringend notwendige Zusammenarbeit demokratischer Kräfte konzentriert. Mit dem Appell, Scheuklappen abzulegen, im Zweifelsfall auch mal politische Kompromisse zu schließen und Brücken über Ideologien hinweg zu bauen – mit dem Ziel, das Schlimmste zu verhindern. Wir müssen uns zusammentun und aktiv sein.
Dazu gehört selbstverständlich, der Politik auch die materiellen Ursachen für den Vormarsch der Rechten deutlich zu machen. Und von ihr zu fordern, sie zu beseitigen. Die herrschende Politik muss im Kampf gegen die Rechten endlich mehr soziale Gerechtigkeit schaffen. Sie darf sich nicht vor jeder Form der Umverteilung drücken. Und fatal ist, wenn jetzt populäre Politiker:innen die Propagandasprache der Rechten nachäffen, in der idiotischen Absicht, Stimmen zu gewinnen.
Liebe Freundinnen und Freunde, auch heute will ich, wie schon im Schlossgarten, mit einem Satz von Max Czollek schließen, er stammt aus seinem Buch „Versöhnungstheater“. Dieser Satz kann nicht oft genug zitiert werden: “Wie es war, darf es nicht mehr werden. Und wie es ist, darf es nicht bleiben.”
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Jüngste Kolumne in der 2590. Depesche: Wenn der Totenkopf grinst
Die Veranstaltungen unseres Netzwerks Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie und die bevorstehende PRÜF-Demo findet man in vorherigen Depeschen.