Willkommen!
Liebe Besucherin, lieber Besucher, in den vergangenen Wochen war einiges zu erledigen. Drei Flaneursalon-Shows im Mai und Juni, die Prüf-Demo vor drei Wochen (meine letzte als Mitwirkender) und unsere Netzwerk-Veranstaltung am 2. Juli: das sehr gut besuchte Podium zum Thema „Wofür hat Stuttgart noch Geld?“. Jetzt riecht es nach Pause, und so habe ich mich hingesetzt, um mich beim Tippen einer Hobby-Kolumne ein wenig zu entspannen.
Meine Kleine Website Story
ALTER LÖWE
Als ich noch Stadtspaziergänger-Texte als bezahlter Kolumnist geschrieben habe, bin ich nie ohne ein paar Seiten voller Kritzeleien in meinem Notizbuch nach Hause gekommen. Ich trug es immer bei mir, und wenn ich es mal samt Stift vergessen hatte, besorgte ich mir unterwegs in irgendeinem Geschäft neues Schreibzeug. Zwar lassen sich Beobachtungen auch leicht ins Taschentelefon eintragen. Das Mobile allerdings nahm ich nur zum Knipsen, auch weil es einfacher ist, unterwegs Augenfälliges zu fotografieren als abzuschreiben oder zu beschreiben. Mit dem Stift etwas im Notizbuch einzutragen, fühlt sich noch heute so ähnlich an, wie eine Vinylscheibe aufzulegen, statt das Album aus dem Internet herunterzuladen. Eine Marotte, aber womöglich nicht die dümmste. Und in der Ferne singt Neil Young „Walkin’ On The Road (To The Future)“.
Nach wie vor ist es ein gutes Gefühl, herumzugehen. Selbst an den erschreckend heißen Tagen dieses Sommers, an denen es zur sportlichen Herausforderung wird, Schattenkurse zu erorbern, um nicht zu kollabieren. Und jetzt hoffe ich mal, dass man mir nicht gleich einen Sonnenstich mit Größenwahn als Folge unterstellt, wenn ich angesichts meiner Beinarbeit samt hobbymäßiger Auswertung Rousseau zitiere: „Niemals habe ich so viel gedacht, nie bin ich von der Tatsache meines Daseins, meines Lebens und, wenn ich so sagen darf, meines Ichs so erfüllt gewesen als auf meinen einsamen Fußwanderungen. Das Gehen hat etwas, was meine Gedanken erregt und belebt; wenn ich mich nicht bewege, kann ich kaum denken, mein Körper muss gewissermaßen in Schwung geraten, um auch meinen Geist zum Schwingen zu bringen.“
Meine Zufußgeherei ist keineswegs immer eine einsame Sache, da ich meist tagsüber durch die Stadt wandere (oder durch das, was sich für eine Stadt hält). Und allmählich neige ich dazu, merkwürdig belebte, vielleicht sogar erregende Orte und Räume anzusteuern: Einkaufszentren. Diese Hoch- und Tiefbunker des Konsums sind soziale Biotope mit dem Vorzug, klimatisiert zu sein, bieten uns also Hitzeschutz, den uns die Politik fahrlässig verweigert. Das internationale Labyrinth-Leben zwischen Kita und Seniorenheim ohne direkten Kaufzwang erregt und belebt durchaus die Gedanken, wenn auch nicht zwingend auf dem Level Rousseaus.
In einer gastronomischen Sammelstation eines Shoppingcenters zu sitzen ist kein schlechtes Kino. Ich sehe vier junge Frauen mit langen, bis zum Boden reichenden Kopftüchern am Nachbartisch essen, sie sprechen abwechslungsweise Deutsch und eine Sprache, die ich nicht kenne. Selbstverständlich ist auch mein vom Gehen halbwegs bewegtes Hirn nie frei von Klischees. Das fällt mir auf, als ich ein wenig erstaunt bin (es mir dank meiner coolen Sonnenbrille aber nicht anmerken lasse), wenn aus der Frauengruppe pausenlos „fuck“ und „fucking“ zu mir herüberdringt. Die sogenannten „Kulturen“, die im Sprachgebrauch oft genug als Ersatzbegriff für „Rassen“ herhalten müssen, unterscheiden sich im Alltagsleben weniger, als die fucking rechten Kulturkämpfer den fucking weißen Kartoffeln weismachen wollen.
Mein favorisiertes Einkaufszentrum, ich habe es früher schon erwähnt, ist der Stuttgarter Königsbau. Ich scheue mich aber keineswegs, auch im Cannstatter Carré Platz zu nehmen – eine, stadtplanerisch gesehen, entschieden schärfere Nummer.
Und jetzt stelle ich aus Gewissensgründen klar, dass ich mir meines Fehlverhaltens als Herumgeher beziehungsweise Herumsitzer einigermaßen bewusst bin. Und will mich auch nicht mit der Ausrede retten, hässliche Räume nur deshalb aufzusuchen, um irgendwelche „Studien“ zu betreiben. Denn interessant finde ich diese Biotope auf jeden Fall, wenn auch nicht „spannend“, wie man heute jeden Scheiß bezeichnet – sogar Menschen, sobald sie nur ein wenig wichtiger erscheinen als der ganze uninteressante Scheiß um einen herum. Was soll denn beispielsweise an einem Klingbeil „spannend“ sein? Spannend wäre allenfalls, eine Summe darauf zu setzen, an welchem Tag die von ihm geführte SPD untergeht, während ich in der Fress-Etage des Einkaufszentrums rote Grütze verdaue und auf dem Taschentelefon Fußballnachrichten schaue.
Die von mir oft zitierte US-amerikanische Schriftstellerin Rebecca Solnit schreibt in ihrem Buch „Wanderlust“ (Originaltitel): „Die Straße ist öffentlicher Raum, in dem das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Versammlungsrecht aus dem Ersten Verfassungszusatz gelten. Dasselbe lässt sich von einem Einkaufszentrum nicht sagen. Die demokratischen emanzipatorischen Möglichkeiten des Versammelns in der Öffentlichkeit existieren nicht an Orten, an denen für Versammlungen kein Platz ist.“
Nun reizt mich der Gedanke, an solchen Orten heimliche, subversive Versammlungen einzuberufen. Man könnte klassenbewusst einen Kassensturz planen. Womöglich aber bin ich dafür nicht mehr fucking fresh genug.
Dass ich immer noch relativ, äh, leichtfüßig unterwegs bin, sofern die Lendenwirbel gut aufgelegt sind, verdanke ich vermutlich einer gewissen Disziplin im Leibesübungsbereich. Zweimal die Woche trainiere ich je eine Stunde im spartanischen Muskelmaschinen-Gehege der Firma Kieser. Jeden Sonntag gehe ich, je nach Strecke, zwischen 60 und 80 Minuten joggen. Und einmal die Woche gönne ich mir die göttliche Mischung aus Sauna und kaltem Wasser im Mineralbad: das Beste, was Stuttgart zu bieten hat. Das alles erzähle ich nicht, um irgendwem zu imponieren. Tatsächlich wundere ich mich immer wieder, was einem 72-jährigen Rentner noch möglich ist. Naturgemäß gehört da eine Menge Glück dazu, denn trotz gehörigen Raubbaus und durchaus lebensgefährlicher Eskapaden in früheren Phasen meines Lebens bin ich von bleibenden körperlichen Schäden verschont geblieben. Zum Glück war es früher noch möglich, sich rechtzeitig krankschreiben zu lassen.
Neulich habe ich einem Fitness-Kollegen gesagt, ich sei immer wieder verblüfft, wie ich es als alter Sack noch schaffe, die gar nicht so unstrapaziösen Gewichte meiner Übungen zu steigern. Der Fitness-Kollege ist um einiges jünger als ich und trainiert in einer Liga, dass einem schon beim Zuschauen angst und bange wird. Er sah mich ein paar Sekunden streng an wie Doktor Eisenbart und sagte dann: „Das menschliche Alter wird falsch eingeschätzt.“ In der freien Natur gehe selbst ein schon verdammt alter Löwe noch am Tag vor seinem Tod erfolgreich auf die Jagd. Erst danach falle er um. Diese Geschichte imponierte mir, bis mir einfiel, dass ich kein Löwe, sondern Zwilling bin, alter Falter. Erschwerend kommt hinzu, dass ich schon lange nicht mehr auf der Jagd gewesen bin. Das Nötigste finde ich ja im Einkaufszentrum, solange Klingbeil nicht auch noch die Rente kippt.
Heute, da ich diese Zeilen bei offenem Fenster in meinen Laptop tippe, habe ich mich geistig im klimatisierten Shoppingcenter verkrochen. Heute ist der 4. Juli 2026. The Fourth of July. Die USA unter der Führung von Donald Trump und seinen extrem rechten und extrem reichen Steigbügelhaltern feiern heute, am Unabhängigkeitstag, das 250jährige Bestehen der Vereinigten Staaten von Amerika. Und in Erfurt/Thüringen hält die AfD als parlamentarischer Arm der rechtsextremen Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland ihren 17. Bundesparteitag ab, genau 100 Jahre, nachdem in Weimar/Thüringen der zweite Reichsparteitag der NSDAP stattfand.
Oben auf meinem Plattenregal steht mit verschränkten Armen der tönerne Sitting Bull. Als warte er auf einen Song von Neil Young. Hey, Häuptling, sage ich, es ist Zeit, hinauszugehen. Der Körper muss in Schwung geraten, damit der Restgeist das alles verkraftet. Und dann lassen wir die Löwen los.
SONG: Neil Young