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2615. Depesche
4. November 2026

2616. Depesche

Willkommen!

Liebe Homepage-Gemeinde, heute findet sich auf dieser Seite wieder eine Website Story mit einigen Zeilen aus dem Hobbykeller. Zuvor aber noch schnell zum bevorstehenden

Flaneursalon live
an diesem Sonntag, 8. November, im Tangoloft. Beginn: 19:30 Uhr.

Zurzeit hat die Webseite des Tangolofts Funktionsstörungen, sodass der Karten-Vorverkauf nicht möglich ist. Restkarten lassen sich aber per Mail ordern: imp@tangostuttgart.de
Musik im Flaneursalon machen diesmal Eric Gauthier und Cemre Yilmaz & Lisa Wilhelm & Sebastian Minet. Die Schauspielerin Charis Hager trägt gewitzte Gedichte vor, und ich mache auch mit.

Meine kleine Website Story
DER GEFÄHRLICHE
ENTZUG DER VERACHTUNG

All die Jahre, in denen ich als Stadtspaziergänger Stoff für Kolumnen gesucht habe, bin ich viel herumgegangen. Fast dreißig Jahre lang. Blicke ich allerdings auf mein inzwischen mehr als zweiundsiebzigjähriges Leben zurück, habe ich viel mehr Zeit herumgehangen. Inhaltlich unterscheiden sich die Formulierungen „Ich habe herumgehangen“ und „Ich bin herumgehangen“ übrigens ganz wesentlich: Würde ich sagen, „ich bin herumgehangen“, hätte ich an einem Ast, einer Klippe oder an einem Kleiderhaken in der Kneipe gehangen. Richtig also: Ich habe an der Bar herumgehangen, nachdem ich herumgegangen bin.

Eigentlich geht es mir ja ums Gehen, und die Variante „Ich ging herum“ habe ich irgendwann einmal bei Adalbert Stifter gelesen. Sie hat mir gefallen, seitdem bezeichne ich mich auch als Herumgeher. Als ziellosen, oft planlosen Durch-die-Straßen-Stiefler, der seine vielen schönen Cowboystiefel mit Rücksicht auf die verschlissenen Lendenwirbel schon lange ausgezogen hat.

Das Adverb „herum“ lässt sich auch so anwenden: Ich gehe erst herum, wenn die Sonne untergeht: also wenn der Tag herum ist. Jetzt will ich aber nicht länger um den Brei herumreden: In Wahrheit habe ich wahrscheinlich krampfhaft nach einem Aufhänger für meine Kolumne gesucht. Ein paar billige Wortspiele aber sind kein richtiger Aufhänger, eher eine lausige Verlegenheitsgeburt. Im Blick auf neue Ideen bliebe mir deshalb womöglich nur noch eine Diagnose: Es ist rum.

Weil ich zwei Jahrzehnte für die Stuttgarter Nachrichten und anschließend noch mal fünf Jahre Kolumnen für die Kontext:Wochenzeitung geschrieben habe, werde ich unterwegs immer noch von mir unbekannten Menschen angesprochen: Sind Sie flanieren? Das ist mir jedes Mal peinlich, denn oft bin ich nur auf der Straße, um irgendwas zu besorgen. Ein paar Unterhosen, Klopapier oder eine Tüte Obst. Als ich schon ziemlich alt war und schon weicher in der Birne, hab ich angefangen, morgens Müsli zu machen: durchmischtes Haferflockenzeugs plus Joghurt, Leinöl, Trauben, Apfel, Birne, Orange, Clementine, Banane, Datteln usw. Was ich halt finde im nächstbesten Laden, um zu überleben. Von „flanieren“ keine Rede.

Weil ich aber viel Beinarbeit geleistet habe, verspüre ich bis heute einen gewissen Bewegungsdrang. Das heißt, mehr als sieben Kilometer pro Tag muss ich schon zurücklegen, um mein anscheinend auf Fußläufigkeit programmiertes Hirn halbwegs zu befriedigen. Und so falle ich in alte Gewohnheiten, gehe herum und schaue mich um.

Im Oberen Schlossgarten in der Staatstheater-Gegend stehen Absperrplatten mit Werbebotschaften herum, weil in der Unteren Königstraße, in der liebevoll gestalteten Bahnhofsgegend, etliche Gebäude abgerissen und neue gebaut werden. Am Bauzaun hängt die Botschaft: „Wiederbelebt und weitergedacht von der LBBW Immobilien“. Es geht um das „Schlossgarten Quartier“, irgendwas Neues, und dann die erregende Ansage in mächtigen Buchstaben: „Wir gestalten das schönste Stück Stuttgart“. Diese Prophezeiung entspricht dem üblichen Geist der Stadt: Von den großen Machern im Kessel werden immer nur Superlative verbreitet. Hilft gegen Zwergenkomplexe. Fördert Betonkomplexe.

Jahrzehntelang habe ich mich mit Stuttgart und seinem Ruf beschäftigt. In den Achtzigern habe ich im Feuilleton der StN die Serie „Profil statt Provinz. Stuttgarts Image“ gestartet, zahlreiche Interviews zu diesem Thema geführt. Da war ich noch lange nicht Herumgeher, sondern sogenannter Kulturredakteur. Heute interessiert mich diese Stadtbildsache nur noch am Rande, weil ich irgendwann begriffen habe, dass sich hier im politischen Bewusstsein beim Umgang mit der Stadt so gut wie nie etwas entscheidend geändert hat. Früh schon habe ich mir gedacht: Warum setzt sich im Rathaus nicht mal jemand auf den Arsch, nimmt ein Stück Papier und einen Bleistift und schreibt eine Liste zum Thema: Was haben wir für Ressourcen in diesem Stuttgart? Was ließe sich besser darstellen und vernünftig ausbauen? Kleines Beispiel: Es gibt hier das Naturwunder der vielen erstklassigen Mineralwasserquellen. Daraus entstanden drei öffentliche Mineralbäder: das Berg, das Leuze, das Solebad Cannstatt. Nie aber kam jemand auf die Idee, diese Einmaligkeit als das „schönste Stück Stuttgart“ zu betrachten und entsprechend was daraus zu machen. Etwas Zusammenhängendes, Charakteristisches. Welche Stadt hat schon drei schöne, zugängliche Mineralbäder? (Jaja, Budapest).

Zum aktuellen Mineralwasserstand: Seit Monaten ist das eigentlich schön restaurierte und sanierte Bad Berg wegen eines Rohrbruchs geschlossen (wofür vielleicht niemand was kann). Im Solebad wird Ende dieses Jahres auf Geheiß der Stadt der komplette Saunabereich an ein privatwirtschaftliches Reha-Unternehmen vermietet. Öffentlicher Zugang gestrichen. Bleibt vorerst nur das Leuze, das direkt am Neckarufer liegt, ohne dass je eine sichtbare Verbindung von Fluss und Bad hergestellt worden wäre. Obwohl es solche Pläne mal gab: freie Sicht auf den Neckar, (der von der offiziellen Stadt sowieso ignoriert wird).

Nun will ich hier keinen Trauergesang aufs Mineralwasser anstimmen, nur weil ich mich gern mit blankem Hinterteil überm Handtuch auf ein heißes Brett setze, bei 95 Grad im Schatten schwitze und dann in kühles, perlendes, prickelndes Nass eintauche. Es geht mir um die Blindheit der städtischen Politik angesichts dessen, was da ist, was die Stadt zu bieten hat. Warum wurde beispielsweise die Staatsoper bis heute nicht saniert und restauriert? Die Debatte läuft seit Ende des vorigen Jahrhunderts. Jetzt hat man einsame Größen von der Polithalde wie den ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten Oettinger (als Vorsitzenden) und den früheren CDU-Oberbürgermeister Schuster in eine „Expertenkommission“ gesetzt, um Lösungen zu finden. Beide haben sich bekanntlich bei der Stuttgart-21-Planung als bahnbrechende Stadtplanungsexperten hervorgetan. Und die Bevölkerung jahrelang mit falschen Fakten und Versprechungen und übler Propaganda belogen und betrogen.

Warum wurden Papier und Bleistift nie benutzt, um kulturelle Schwerpunkte in der Stadtgestaltung zu setzen? Stattdessen herrschen provinzieller Kleingeist und peinliches Konkurrenzdenken. Als ob man sich mit anderen Städten wie etwa München messen müsse oder könne. Das geht so weit, dass versucht wird, mit dem Volksfest auf der Wasen gegen das Oktoberfest auf der Wiesn anzustinken. Wäre ein wenig städtische Gelassenheit im Spiel, würden sich die Stuttgarter Superstrategen sagen: Wir machen unser Ding – und die guten Seiten der Kesselei sichtbar. Mehr ist nicht. Big enough.

Heute interessiert mich die Stadtpolitik nur noch am Rande, schon weil es mehr als fraglich ist, ob ich die Fertigstellung von Stuttgart 21 oder eine Realisierung der Stuttgarter Opernpläne noch erlebe. Nach mir die Sintflut? In diesem Fall ja.

Hinzu kommt, dass mich andere Fragen inzwischen viel mehr umtreiben als die dörfliche Stadtplanung. Gerade habe ich Philipp Ruchs Buch gelesen: „Der Rückfall. Der rätselhafte Triumph der NSDAP am 14. September 1930“. Darin findet sich der Satz: „Der Entzug der Verachtung gegenüber den Nazis ist die Kernbedingung für den Holocaust.“ Zurzeit, denke ich, sind wir mitten in der Phase, da die Rechtsextremen von den sogenannten Bürgerlichen immer öfter akzeptiert und salonfähig gemacht werden. Die Bedrohung rückt näher, egal, wo du bist. Und alles ist möglich, und alles kann verdammt schnell gehen.

Das Buch erklärt auch, wie Skandale, Enthüllungen von Schweinereien und barbarische politische Pläne einer faschistisch geprägten Partei nicht schaden. Im Gegenteil. Sie bekommt Stimmen. Das kann nur heißen: Wer sich aktiv gegen die Rechtsextremen stellen will, hat wenig davon, immer wieder aufs Neue die Abgründe der AfD zu analysieren. Es hat wenig Sinn, ununterbrochen zu wiederholen, dass die Atombombe unter Umständen der Gesundheit schadet. Wer etwas tun will, muss mit praktischen Mitteln – wenn möglich auch mit Geld – bedrohte Initiativen, Organisationen, Institutionen unterstützen, die als Sammelbecken von Engagierten und Barrikaden gegen die rechtsextreme Bewegung taugen.

Angesichts unserer historischen Vergangenheit ist noch etwas zu früh, von Widerstand zu reden. Doch beim Herumgehen komme ich um die Frage nicht herum, ob nicht viel zu wenige sehen, was um sie herum geschieht. Und wie der Entzug der Verachtung demokratische Errungenschaften zur Zerstörung freigibt. Ich will mir nicht eines Tages, wenn ich im Mineralbad auch den letzten Saunaplatz verloren habe, sagen müssen: Es ist rum. Es brennt. Die Faschisten haben gewonnen.

NETZWERK GEMEINSAM GEGEN RECHTS – FÜR EINE BESSERE DEMOKRATIE

Samstag, 14. November, 14 Uhr:
Prüf-Kundgebung, diesmal auf dem Stuttgarter Schlossplatz. (Unser Netzwerk hat die Stuttgarter Prüf-Kundgebungen Anfang des Jahres auf den Weg gebracht und seitdem mitorganisiert.)

Dienstag, 17. November 2026
Württembergischer Kunstverein

Beginn 19.30 Uhr
in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung BW

Vortrag und Gespräch über eine Entwicklung mit brisanter Aktualität. Der Hamburger Sozialwissenschaftler und Journalist SEBASTIAN FRIEDRICH (u. a. „Panorama“/ARD, „Der Freitag“)zum Thema:

Was erhoffen sich Wirtschaftsführer

von der AfD und anderen Rechtsextremen?
 
Anfang Oktober 26 meldet „Der Spiegel“: „Die Autoindustrie sucht die Nähe zu extremen Rechten“. Vor allem in Brüssel hätten Autolobbyisten im Blick auf Verbrenner kaum noch Berührungsängste. Wenig später unterstützt Audi-Chef Döllner den US-Präsidenten Trump bei einem schamlosen Wahlkampf-Auftritt voller Fremdenhass und Sexismus: Er verkündet den Bau eines Audi-Werks in Georgia, während die Beschäftigten des Unternehmens in Deutschland Schließungen befürchten müssen. Der Rechtsruck in Wirtschaftskreisen betrifft nicht nur die Autoindustrie. Der Einfluss der AfD wächst allenthalben.

Mittwoch, 9. Dezember 2026
Württembergischer Kunstverein
Beginn 19.30 Uhr

Rechtsextremismus-Experte David Begrich spricht
über die Lage nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt

In Kooperation mit Miteinander e. V. Sachsen-Anhalt

Dazu der Text von Miteinander e. V. Sachsen-Anhalt:

„Bei der jüngsten Landtagswahl kam die AfD in Sachsen-Anhalt auf fast 44 Prozent, die demokratischen Parteien erzielten ein historisch schlechtes Ergebnis. Was bedeutet das für die Zivilgesellschaft vor Ort und für andere Regionen? Unter dem Titel „Total Blau? Real Talk Sachsen-Anhalt. Nach der Landtagswahl: Demokratische Kerne erhalten und was jetzt zu tun bleibt“ laden das Netzwerk und Miteinander e. V. zu einem gemeinsamen Abend in Stuttgart ein. Zu Gast ist der Rechtsextremismus-Experte David Begrich.

Begrich ordnet das Wahlergebnis ein und fragt, warum die AfD so viele Menschen erreicht hat. Er beschreibt, wie sie mit Auftritten in der Fläche und einer auf soziale Medien zugeschnittenen Kommunikation auch Menschen angesprochen hat, die sich von der Politik abgewandt hatten. Ihr Angebot knüpft nach seiner Analyse an die Sehnsucht nach Normalität und Überschaubarkeit an, ohne konkrete Lösungen für die Probleme vor Ort zu bieten.

Im Mittelpunkt steht die Frage, was jetzt zu tun bleibt. Begrich plädiert dafür, die demokratischen Kerne auch jenseits der Großstädte zu erhalten und zu stärken. Die demokratische Zivilgesellschaft im Osten sei keine Massenbewegung, sondern ein über dreißig Jahre gewachsenes Netzwerk aus Vereinen und Initiativen. Ihre Arbeit sei vielerorts bedroht und brauche Unterstützung von außen.

Die Veranstaltung verbindet sozialwissenschaftliche Einordnung mit Erfahrungen aus der Beratungsarbeit vor Ort. Diskutiert wird, wie demokratische Akteur:innen eigene Themen setzen können, statt auf die Agenda der extremen Rechten zu reagieren. Welche Ansätze tragen unter den aktuellen Bedingungen, und was lässt sich auf andere Regionen übertragen? Begrich versteht Sachsen-Anhalt als Versuchslabor: Was dort gelingt, könnte die AfD auch anderswo umsetzen wollen. Die Veranstaltung ist deshalb auch für Menschen außerhalb Sachsen-Anhalts relevant.“

Über den Referenten
David Begrich studierte Theologie und Sozialwissenschaften in (Ost-)Berlin. Seit mehr als 25 Jahren arbeitet er als Referent für politische Bildung bei der Arbeitsstelle Rechtsextremismus von Miteinander e. V. in Magdeburg. In seinen Vorträgen verbindet er empirische Einordnung mit Einblicken aus der Beratungspraxis und richtet den Blick auf Handlungsmöglichkeiten unter den aktuellen politischen Bedingungen.

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