Willkommen!
Liebe Besucherin, lieber Besucher, mitten in der Hitze habe ich eine neue Homepage-Kolumne, meine Kleine Website Story, getippt. Man kann sich ja nicht einfach aufgeben und nur noch Fußball schauen. Schon kommenden Sonntag, 28. Juni, findet der letzte für dieses Jahr geplante Flaneursalon statt, im Tangoloft (ausgebucht). Dass ist gewissermaßen die Wiederholung des Abends vom 10. Mai mit Vincent Klink, der (zu) schnell ausverkauft war. Und nach dem Kolumnentext findet sich auf dieser Seite die Ankündigung der nächsten Veranstaltung unseres Netzwerks Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie, die am Donnerstag, 2. Juli, im WKV stattfindet – und ein lokales Thema behandelt, das uns alle angeht. Und jetzt zur Kür – ich wünsche kühlen Kopf:
Meine Kleine Website Story
ARSCHTRITT FÜR GEISTER
Der Faschismus steht schon vor der Tür, und wir reden übers Wetter. Alles läuft wie immer. Zwar weiß ich nicht, ob gewisse Schweißgerüche den rechten Stinkern Auftrieb geben. Womöglich aber stärkt Hitze nicht zwingend die Kampfkraft der antifaschistischen Abteilung. Jedenfalls ist dieser Juni 26 eine harte Nummer, die Tage, in denen die Fußball-Weltmeisterschaft als Multi-Milliarden-Dollar-Spektakel in den USA, in Kanada und Mexiko ausgetragen wird. Also in Amerika. Daran ändert auch nichts, dass der Reporter Johannes B. Kerner der verdutzten Sportwelt verkündet, Kanadas Fußballteam habe einen „amerikanischen Trainer“, obwohl es doch einen Konflikt zwischen Kanada und Donald Trump gebe. Bekanntlich will der sich Kanada als weiteren Bundesstaat einverleiben.
Um die Verwirrung nicht anzuheizen, gebe ich zu Protokoll, dass das Team Canada bei dieser WM den US-amerikanischen Trainer Jesse Marsch beschäftigt. Und im Moment noch ein amerikanischer Kontinent existiert, der nicht allein aus den USA besteht. So gesehen trainiert in Kanada ein Amerikaner Amerikaner. Aber wer soll das bei dieser Hitze verstehen.
Als ich in meiner Nachbarschaft in den kleinen, für alle Grundbedürfnisse des Lebens sortierten Al Sendiebad Markt Proviant einkaufe, sagt mir Yousif am Tresen, im Irak habe es zurzeit 50 Grad. Der Strom falle aus, und ums Wasser sei es auch nicht gut bestellt. So gesehen bin ich mit meinem läppischen 35 Grad nicht schlecht bedient. Ich nehme mir eine Dose Ölsardinen, eine Zwiebel und eine Zitrone in der Gewissheit, damit zu überleben, falls ich zum Verzehr etwas Country-Musik höre. Ein Transistorradio und Batterien besitze ich bereits, falls der Strom ausfällt und der Russe vor der Tür steht.
Aus Neugierde erkundige ich mich auf dem Heimweg nach dem heißesten Stuttgarter Tag im 21. Jahrhundert, und weil ich Kachelmann nicht persönlich kenne, frage ich KI. Demnach wurde „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“ am 25. Juli 2019 mit 37,2 Grad Celsius die größte Stuttgarter Hitze des bisherigen Jahrtausends gemessen. Daran kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, vermutlich waren auch seinerzeit die Temperaturen für die Kapazitäten meiner Hirnspeicher zu hoch. Kein Wetter für Kolumnen. Freundlicherweise liefert mir KI eine weitere Information: „Noch eine kleine Besonderheit zu Stuttgart: Wegen der Kessellage können die gefühlte Belastung durch Hitze und die nächtlichen Temperaturen deutlich extremer sein als die die offiziellen Höchstwerte allein vermuten lassen.“ Kann nur heißen: In Wahrheit haben wir gerade Irak-Verhältnisse.
Liebe Homepage-Gemeinde, meine ellenlange meteorologische Erörterung lässt darauf schließen, dass ich gerade nichts Bessere auf der Pfanne habe. So wahr ich Bauer heiße. Bei diesem Sauwetter, das am Ende was mit dem Klima und dessen Wandel zu tun haben könnte, kann kein Mensch von mir verlangen, einen Text auf der Basis meiner üblichen Stadtspaziergänge zu fabrizieren. Ich halte es in diesen Tagen wie ein Rennfahrer, dem der Sprit ausgeht: Es geht nur noch ums Ankommen. Mein zunehmendes Alter verführt mich oft dazu, nur ausgetrampelte Pfade zu wählen. Ich will ja wieder zurück nach Hause finden, aus weiser Voraussicht: „Daheim sterben die Leut“ hat uns der Regisseur Klaus Gietinger mit seinem gleichnamigen Film gelehrt. Gut, das war 1985, aber da ging es hierzulande auch schon ziemlich heiß zu: Die gut befeuerte Anti-Atomkraft-Bewegung, scharfe Proteste gegen die Stationierung von US-Mittelstreckenraketen namens Pershing II und so fort.
In jenen Achtzigern war ich Redakteur im Kulturteil der „Stuttgarter Nachrichten“, wurde zwischendurch aber auch losgeschickt, um fern der langweiligen Heimat über Hausbesetzungen und ähnliches Treiben in der Protest- und Gegenkultur der Republik zu berichten. Für einen Bewohner des Kesselkaffs Stuttgart war etwas außerbetriebliche Fortbildung von Vorteil, und dass Reisen in meinem Fall eine leichte Übung war, hatten mir Kabarettisten beigebracht: „Wer es in Stuttgart aushält, dem gefällt es überall.“ Dieser Gag funktioniert bis heute auch in Wiesbaden, Wuppertal und Waiblingen, aber nirgendwo so gut wie in Stuttgart.
Und heute gehe ich durch den Schlossgarten, wo wir in den Achtzigern noch nicht den Rasen betreten durften, und sehe brandneue Stuttgart-Botschaften, die allesamt kein bisschen weniger geistreich ausfallen als die alten. Weil man in der unteren Königstraße, wo es manchmal beinahe ein bisschen zugeht, wie es in Bahnhofsvierteln zugeht, Gebäude abreißt, wurden Transparente an die Bauzäune der Wiese gehängt: Hier entstehe das „Schlossgarten Quartier“, „Das neue Eingangstor zur City“: „Wir gestalten das schönste Stück Stuttgart“. Was sonst. Mit üblichem Feingefühl für Ort und Zeit haben die Reklamefritzen auf einem Transparent über zwei Pfeile die weithin sichtbaren Wörter gesetzt: „Kultur“ und „Bahnhof“. Das liest sich nicht nur mit überhitzter Matschbirne wie „Kultur Bahnhof“.
Über die Stuttgarter Bahnhofskultur muss ich nichts mehr sagen. Irgendwann, lange nach meinem Ableben, wird am Brunnen vor dem City-Tore eine alte Hymne aus tausend toten Kehlen erklingen: „Auferstanden aus Ruinen“. Wie das dann gemeint sein wird, lasse ich offen.
Als halbwegs trainierter und damit noch relativ aufrechter Herumgeher bin ich nach wie vor auch politisch in Bewegung, nur weiß ich nicht mehr so genau, wo es sinnvoll ist, sich einzureihen. Vielleicht überall dort, wo sich Menschen herumtreiben, die angesichts der immer intensiveren rechtsextremen Aufmärsche in allen gesellschaftlichen Bereichen noch nicht kapitulieren. Zwar fällt es schwer, an einheitliche Aktionen in demokratisch oder auch revolutionär klimatisierten Zirkeln zu denken. Aber wer kann schon wissen, ob nicht schon übermorgen was in Gang kommt. Es könnte ein Wunder geschehen und sich der Zorn frustrierter Menschen nicht immer bloß zugunsten der Rechten entladen. Es gibt ja Wunder. Kap Verde hat Spanien ein Nullnull abgetrotzt. Da war anscheinend auf dem rechten wie auf dem linken Flügel einiges in Unordnung geraten.
Gegen Ende meines heutigen Wetterberichts will ich einen naiven Gedanken absondern, meinetwegen soll er im ausgetrockneten Gras verdunsten: Bei allen Richtungsstreitereien, bei allen ideologischen Grabenkämpfen, bei aller gottverdammten Parteiblindheit und Vereinsmeierei könnte sich doch irgendwo eine Horte Unnachgiebiger zum Kriegsrat treffen und die Frage erörtern: Was – noch – tun gegen rechts?
Sehr wahrscheinlich zwar, dass sich dann etliche antifaschistisch befeuchtete Köpfe in ihren klimatisierten Kabinen aufplustern, den Finger ausstrecken und sagen: Nein, mit denen nicht, mit den andern auch nicht, und mit allen zusammen erst recht nicht. Und dann reden wir wieder übers Wetter und hoffen, dass ein Blitz einschlägt und sich links der Himmel und rechts die Hölle öffnet.
In der Wochenendausgabe der linken Zeitung „nd“ habe ich neulich einen schönen Artikel gelesen, der unter der Überschrift „Arschtritt für Vampire und Hexen“ mit diesen Zeilen eingeleitet wird: „Mit ,Der Tag, an dem die Hölle siegte’ ist Band 2500 der Heftromanserie Geisterjäger John Sinclair erschienen. Wer die Faxen dicke hat von intellektuellen Literatur-Ergüssen, der ist hier genau richtig.“ Trotz teuflischer Hitze ging ich schnurstracks zum Kiosk, kaufte mir das Geisterjäger-Heftchen und las den ersten Satz: „Zu behaupten, alles war wie immer, wäre eine glatte Lüge gewesen!“
Das ging mir runter wie eine Eisbombe bei 50 Grad im Schatten.
Netzwerk Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie:
Donnerstag, 2. Juli 2026
Württembergischer Kunstverein
Beginn 19.30 Uhr
Podiumsgespräch und Diskussion
über die Gefahren der Haushaltspolitik:
WOFÜR HAT
STUTTGART NOCH GELD?
Auf sinkende Gewerbesteuereinnahmen reagiert die Stadt mit finanziellen Kürzungen, die auch den sozialen und kulturellen Bereich Stuttgarts hart treffen. Wirtschaftliche Verunsicherung und Verlustängste kommen dem gefährlichen Rechtsruck in der Politik zugute. Wie bedroht sind demokratische Errungenschaften in unserem gesellschaftlichen Leben? Darüber sprechen wir mir Fraktionsvorsitzenden im Stuttgarter Gemeinderat:
Alexander Kotz, CDU
Petra Rühle, Bündnis 90/Die Grünen
Jasmin Meergans, SPD
Hannes Rockenbauch, SÖS Die Linke Plus
Moderation: Jan Sellner, Journalist, StZ/StN