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2596. Depesche
13. Juni 2026

2597. Depesche

Bei der 4. Stuttgarter Prüf-Kundgebung am Samstag, 13. Juni, im Oberen Schlossgarten vor den Staatstheatern hat der professionelle Sport-Ereignis-Moderator Jens Zimmermann eine engagierte Rede über sein Metier gehalten. Jens und ich haben uns vor Jahrzehnten über die Stuttgarter Kickers kennengelernt. Heute moderiert er große Veranstaltungen, er war bei mehreren Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften. Hier seine Rede:

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Demokratinnen und Demokraten,
wenn wir über den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land sprechen, dann müssen wir auch über den Sport sprechen. Ich bin hier heute nicht als Vorstandsmitglied eines Sportverbandes oder Vorstand eines Bürgervereins, sondern als Bürger dieser Stadt und unseres Landes.
Papst Leo XIV. schreibt aktuell einen Satz, der mich tief bewegt: „Es gibt Situationen, in denen wir, um menschlich zu bleiben, unser Zögern ablegen und Stellung beziehen müssen. Es gibt Konflikte, bei denen es nicht richtig ist, neutral zu bleiben.“
Ich spreche also heute zu euch als selbständiger Moderator. Als jemand, der eigentlich gut beraten wäre, sich politisch möglichst neutral zu verhalten, um keine Aufträge zu verlieren.
Aber kann ich das wirklich?
Kann ich so tun, als ginge mich diese Entwicklung nichts an?
Nein.
Ich sehe es als meine Pflicht, heute hier zu sein und mich dagegen zu wehren, dass rechtsextreme Parteien in Deutschland wieder so viel Macht bekommen.
Ich möchte sagen können: „Ich habe etwas getan.“ Und nicht nur gehofft, dass andere das Problem schon lösen werden.

Was mich als Sportfan und -Moderator besorgt: Auch der Sport bleibt von diesem Rechtsrutsch nicht verschont. In vielen Jahren habe ich unzählige Spiele begleitet. In großen Arenen und auf kleinen Sportplätzen. Ich kenne Vereine, die von Ehrenamtlichen getragen werden. Menschen, die ihre Freizeit opfern, um Kindern und Jugendlichen ein sportliches Zuhause zu geben. Menschen, die Woche für Woche dafür sorgen, dass Gemeinschaft entsteht.

Der Sport und unsere Vereine sind weit mehr als nur Freizeit oder Unterhaltung. Sie sind wichtige Orte unseres Miteinanders. Hier begegnen sich Menschen unterschiedlichster Herkunft, Religion, politischer Überzeugung und sozialer Hintergründe. Hier lernen junge Menschen Respekt, Fairness, Teamgeist. Hier entstehen Freundschaften, Gemeinschaft und Zusammenhalt.

Dabei denke nicht nur an Profivereine, sondern vor allem die vielen kleinen Klubs vor Ort: den Turnverein, den TSV, die Spielvereinigung um die Ecke, die Fußballer in der A-Liga, den Handball-Verein in der Bezirksliga. Diese Vereine sind eine Stütze unserer Gesellschaft. Genau deshalb geraten sie in den Fokus rechtsextremer Gruppen.

Gerade während und nach der Corona-Pandemie haben wir erlebt, wie sich Verschwörungs – und demokratiefeindliche Erzählungen verbreitet haben. So sind Netzwerke entstanden, die gezielt versuchen, Einfluss auf Vereine und ehrenamtliche Strukturen zu gewinnen.

Der Sport mit seiner enormen Reichweite ist für Rechtsextreme ein attraktives Ziel. Wer Menschen erreichen will, der sucht die Orte auf, an denen Menschen zusammenkommen. In Fußballstadien, Vereinsheimen und auf Sportplätzen versuchen immer öfter Rechtsextreme, Einfluss zu gewinnen. Rassistische Gesänge, antisemitische Schmierereien, rechtsextreme Symbole, menschenfeindliche Parolen – all das passiert mitten unter uns.

Der Verfassungsschutz spricht inzwischen von einer „rechtsextremen Erlebniskultur“, die sich beim Fußball und in anderen Freizeitbereichen organisiert. Deshalb dürfen wir nicht so tun, als beträfe uns diese Entwicklung nicht. Und deshalb stehen wir heute hier. Weil wir uns Sorgen machen. Sorgen um unser Land, um unsere Demokratie. Sorgen um den Zusammenhalt.

Wir müssen Demokratie jeden Tag verteidigen. In Parlamenten. In Schulen. In Vereinen. Auf dem Sportplatz. Im Stadion. Auf der Arbeit. Überall. Denn die Normalisierung rechter Positionen schreitet voran. Was gestern noch unsagbar war, ist jetzt diskutierbar. Und genau das stärkt die Feinde der Demokratie.

Gerade deshalb dürfen wir jetzt nicht schweigen! Un deshalb macht dieser heutige Tag Hoffnung. Wir sind nicht allein – und wir sind nicht wenige. Gerade jetzt kommt es darauf an, dass Menschen zusammenkommen und sagen: So geht es nicht weiter. Dass wir einander Mut machen – dass wir Haltung zeigen – dass wir laut bleiben. Wenn einer den Anfang macht, traut sich vielleicht auch die Nachbarin. Vielleicht der Kollege – vielleicht die Freundin. Und deshalb müssen wir uns immer wieder sagen:
Wir sind nicht wenige – und auch im Sport sind wir mehr!

Der Sport bringt Menschen zusammen, die sonst nicht miteinander ins Gespräch kommen würden. Auf dem Sportplatz, in der Turnhalle oder im Vereinsheim spielt es keine Rolle, wo jemand geboren wurde, welchen Beruf er hat oder woran er glaubt. Entscheidend ist, dass man gemeinsam etwas erreichen will. Deshalb sind Sportvereine Orte der Begegnung, der Integration und der Demokratie. Deshalb tragen Vereine eine besondere Verantwortung. Nicht nur die Profiklubs, sondern gerade auch unser TSV. Die Amateure. Denn dort wird jeden Tag gelebt, was unsere Demokratie ausmacht:
Respekt – Fairness – Verantwortung – Zusammenhalt.

Genau diese Werte stehen im Gegensatz zu Hass, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit. Deshalb gilt auch hier: Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus haben keinen Platz in unserer Gesellschaft – auch nicht im Sport. Wenn wir zulassen, dass diejenigen stärker werden, die Menschen gegeneinander aufbringen wollen, dann verlieren wir weit mehr als nur ein Spiel. Dann verlieren wir das, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit. Sie lebt nicht von Sonntagsreden – oder wie heute von Samstagsreden. Sie lebt von Menschen, die sie verteidigen. Und deshalb stehen wir heute hier. Nicht aus Angst – sondern aus Verantwortung.

Wir stehen heute hier mit einer klaren Forderung: Parteien, die als rechtsextremer Verdachtsfall gelten, müssen durch das Bundesverfassungsgericht überprüft werden. Und zwar jetzt! Unsere Demokratie muss sich gegen diejenigen wehren, die sie abschaffen wollen. Demokratie und Werte im Sport bedeuten:
Vielfalt – Freiheit – Menschenwürde. Und diese Grundsätze werden wir niemals kampflos aufgeben. Vielen Dank.
——

Direkt zuvor hatte ich bei der Prüf-Demo, die ich mitorganiserte, diese Rede vorgetragen:

Schönen guten Tag im Schlossgarten,
gut, dass ihr da seid. Die etwas Älteren von euch, die sich noch an unsere vorherigen Veranstaltungen erinnern können, wissen, was jetzt kommt. Nämlich die traditionelle Prüfung für alle ABC-Schützen:

Gebt mir ein P
Gebt mir ein R
Gebt mir ein Ü
Gebt mir ein F

Und damit, liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter, zum seriösen Teil unserer 4. Prüf-Festspiele:
Der parlamentarische Arm der rechtsextremen Bewegung würde laut Umfragen derzeit auf Bundesebene fast 30 Prozent einfahren. Und es interessiert vermutlich fast niemanden in dieser verantwortungslosen Gefolgschaft, was neulich ein ehemaliger baden-württembergischer Abgeordneter enthüllt hat:Selbst Leute innerhalb dieser Partei würden mit fanatischem Hass verfolgt, mit Goebbels-Methoden, und es herrsche dort skrupellose Selbstbedienung.

Dennoch halte ich es für sinnlos, immer wieder auf die Abgründe dieses Demokratie-zerstörerischen Haufens hinzuweisen. Jede Äußerung darüber ist in etwas so erhellend wie die medizinische Erkenntnis, dass eine abgeschossene Atomrakete unserer Gesundheit schadet. Denn selbst wenn wir alles über die miesen Machenschaften des Gegners wissen, haben wir noch keine Strategie, uns dagegen zu wehren.

Deshalb unsere Forderung an unsere neue Landesregierung: Geht mit gutem Beispiel voran und beantragt im Bundesrat, als rechtsextrem eingestufte Parteien vom Bundesverfassungsgericht prüfen zu lassen. Und zwar jetzt. Morgen kann es zu spät sein. Das muss noch drin sein, nachdem ihr euch gerade die Diäten für Abgeordnete erhöht habt.

Ganz schlimm ist, wenn einige sagen: Ach, lass die Rechten mal machen, die werden an der Regierung eh scheitern. Was für ein fahrlässiger Unsinn. Und niemand soll bitte mehr sagen: Die Rechtsextremen und ihr Anhang hätten aus der Geschichte nichts gelernt.

Die Köpfe der Demokratiefeinde von heute haben eine Menge aus der Geschichte gelernt. Und die Goebbels-Methoden verinnerlicht. Sie wissen genau, was sie tun. Da ist es ganz in ihrem Sinne, wenn jetzt Bildungs- und Aufklärungsangebote, wenn soziale Programme zusammengestrichen und abgeschafft werden. Während die Ausgaben für die militärische Aufrüstung astronomisch steigen und kaum noch diskutiert werden, werden Sozialproteste deshalb für uns immer wichtiger. – In diesem Zusammenhang grüße ich das Stuttgarter Bündnis für Kultur, Bildung und Soziales – und alle, die sie gewerkschaftlich unterstützen.

Liebe Freundinnen und Freunde, seit jeher ist es möglich, die Demokratie mit demokratischen Mitteln zu zerstören. Und eines muss uns klar sein: Faschismus funktioniert leichter und schneller als Demokratie. Und endet für viele womöglich im Elend oder tödlich.

Nicht wenige denken, das Übel unserer Tage sei allein eine Partei, deren verlogenen Namen ich erst gar nicht ausspreche. Antifaschistisch betrachtet ist dieses A-Wort absolut für’n Arsch.

Aber wir dürfen den Blick nicht nur auf eine Partei richten, sondern müssen mehr denn je prüfen, was wir selbst tun können. Etwa die Regierenden auffordern, endlich eine Politik zu machen, die denen etwas gibt, die nicht viel haben. Und sie sollen einen Ton wählen, der die Menschen in ihre Verunsicherung nicht noch weiter erniedrigt. Dem Regierungschef sollten wir klarmachen, dass der Beruf des Kanzlers nicht darin besteht, andere abzukanzeln.

Wenn sich Menschen über andere Menschen erheben, ist dies das Ende der Menschlichkeit.

Noch haben wir kein Patentrezept, wie wir die rechtsextreme Welle stoppen können. Aber das Zusammenstehen demokratisch gesinnter Menschen wie heute ist ein Lichtblick. Demokratie, habe ich neulich bei einem französischen Autor gelesen, Demokratie ist ein Gespräch zwischen zivilisierten Menschen. Dafür sind Prüf-Demos da.

Dummerweise leben in der Zivilisation nicht nur zivilisierte Menschen. Also müssen wir uns mit all denen zusammentun, die bereit sind für das Gespräch und den Einsatz gegen die Rechtsextreme. Wir sollten Tag für Tag prüfen, was uns möglich ist. Auf der richtigen Seite zu stehen, ist noch lange nicht genug. Entscheidend ist unser Handeln.

Der Schauspieler Matthias Brandt hat ein kleines Buch mit dem Titel „Nein sagen“ veröffentlicht. Aus der Perspektive der Distanz, nach langem öffentlichen Schweigen hat er sich in die Materie des Widerstands gegen die Nazi-Diktatur vertieft, und seine Schlüsse daraus haben mich buchstäblich bewegt. Er schreibt: „Die Atmosphäre zwischen den Demokraten ist oft so vergiftet, dass Verständigung kaum noch möglich scheint. Eigentlich sollten wir uns schämen.“

Noch haben wir die Möglichkeit, uns vom Gift zu befreien, damit wir uns nicht schämen müssen. Unsere Forderung, endlich die Verfassungsfeindlichkeit der Rechtsextremen zu prüfen, ist deshalb absolut richtig. Gleichzeitig müssen wir uns organisieren und vernetzen, so gut wir das können. Wer mehr Zeit hat und Möglichkeiten als andere, die existenzielle Probleme haben, muss mehr tun. Und sich auch mal einen Tritt geben.

Und falls heute jemand sagt: Wir sind zu wenige im Schlossgarten, dann kann ich nur antworten: Dann müssen wir eben alle zusammen und jeder und jede einzelne besser werden, dann werden wir auch mehr.

Selbstverständlich muss eine politische Aktion wie heute auch Freude machen. Gleichzeitig aber müssen wir bereit sein, über unseren Schatten zu springen. Voreingenommenheiten abschaffen. Besser zusammenarbeiten, über die Grenzen von Parteien und Organisationen hinweg. Falsche Prinzipien und Grundsätze müssen wir vergessen. Nicht jedes Mitglied einer vielleicht ungeliebten Partei leidet an Parteigehorsam, in jeder demokratischen Organisation gibt es individuelle Köpfe, die den aufrechten Gang gehen. Angesichts dringend notwendiger Kooperationen darf es keine Eitelkeiten mehr geben. Weg mit Parteisoldatentum und der verdammten deutschen Vereinsmeierei.

Die Sache ist doch relativ einfach: Rein statistisch gesehen, kann es unter 100 Klub-Mitgliedern, sofern es sich nicht um einen Nazi-Klub handelt, keine 100 Arschlöcher geben. Also müssen auf die fünf oder zehn oder fünfzehn zugehen, die keine sind. Und uns gemeinsam aufraffen zum Aufstand der Anständigen.
Und so schließe ich auch heute mit der Devise:
Wir können hoffen, solange wir handeln.
Vielen Dank.

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