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16. April 2026

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20. April 2026

FLANEURSALON LIVE:
Zweiter Abend im Tangoloft
Wegen großer Nachfrage gibt es am Sonntag, 28. Juni, auf Wunsch der Veranstalter einen zweiten Abend im Stuttgarter Tangoloft in der Hackstraße. Der erste am 10. Mai war sehr schnell ausverkauft. Flaneursalon mit: Eva Leticia Padilla & Dany Labana Martínez, Stefan Hiss – und Ehrengast Vincent Klink, der vom Gitarristen Lorenzo Petrocca begleitet wird. Hier der Link zu Infos und Vorverkauf

Willkommen!

Liebe Besucherin, lieber Besucher, heute (ohne Schuld der Bahn) mit leichter Verspätung die neue Homepage-Kolumne, die normalerweise immer schon am Wochenende auf dieser Seite auftaucht:

Meine Kleine Website Story
FINK & GÖTTERFUNKEN

Hie und da stelle ich mir mir, irgendwo mit einem Laptop herumzusitzen und befreit von allem ins Blaue hineinzutippen. Meinetwegen auch ins Trübe oder Schwarze. Frei von Fakten, die man recherchieren oder prüfen muss. Einzige Krücke vielleicht ein Notizbuch, in das ich unterwegs was Unlesbares gekritzelt habe. Ja, und dann müsste nur noch was draus werden. Aber ich bekomme es nie hin. Zu wenig Fantasie.

Es war Ende der Neunzigerjahre, als ich mit meinem ersten eigenen Laptop unterwegs war, genaugenommen mit einer Dauerleihgabe meiner Zeitung, bei der ich angestellt war. Ich erinnere mich, wie ich einmal, in der Eisenbahn von Berlin nach Stuttgart, ohne irgendeinen Plan in das Gerät tippte, einfach nur Zeug, das mir beim Blick aus dem Zugfenster einfiel. In Berlin hatte mich der Dichter und Satiriker Wiglaf Droste, mit dem ich öfter zugange war, auf eine deutsche Country-Band namens Fink aufmerksam gemacht, und weil mir deren melancholischen, lakonischen Songs gefielen, taufte ich am Ende meines Eisenbahn-Textes den Leih-Laptop „Fink“.

Dieses Ding baute ich dann immer wieder in meine Kolumnen ein. Fink diente mir als eine Art sprechender Prügelknabe, ich behandelte ihn wie der Herr den Knecht, und bei einem Stuttgarter Konzert der Gruppe Fink im kleinen Kulturzentrum Merlin kaufte ich mir ein Abziehbild mit dem Logo der Band und klebte es auf den Laptop-Deckel. So erwachte die Maschine zum Leben. Tatsächlich bekam ich damals nicht wenige Leserbriefe, die sich über meinen miesen Umgang mit Fink beschwerten.

Gelegentlich erklärte ich der Leserschaft, dass man im Amerikanischen einen Streikbrecher als „Fink“ brandmarkt. Ein Fink ist auch einer, der Freunde ans Messer liefert, indem er bei den Bullen „singt“. Art Buchwald, der berühmte Kolumnist der „New York Herald Tribune“, hat in einem Interview Frank Sinatra gefragt, wer oder was ein Fink sei. Der Sänger antwortete: „Ein Fink ist ein Verlierer. Fink kommt von einem Streikbrecher namens Fink, der während eines Streiks seinen Freund umgebracht hat. Deshalb ist Fink für mich ein Kerl, der seine eigenen Freunde töten würde.“

Wer regelmäßig Kolumnen schreibt oder je dieser Tätigkeit gegen Bezahlung nachgegangen ist, weiß vielleicht, dass es schlafraubend sein kann, ständig Stoff zu finden. Hängt natürlich auch von der Art der Kolumne ab. Es gibt Kolumnisten, die verarbeiten ihre Meinung über die Welt zu Texten, indem sie sich bemühen, die politisch analytischste aller politischen Analysen zu fabrizieren. Andere sind damit beschäftigt, die lustigsten Sätze aller lustigsten Kolumnisten zu schreiben, indem sie den Horrorclown als wahren Hanswurst und den Hanswurst als wahren Horrorclown entlarven. Für solche Erkenntnisse müssen diese Weltendeuter nichts erleben, solange sie einen Internetzugang haben. Das Internet hat die Welt kolumnentauglicher gemacht. Von den Podcasts der Meinungsbären zu schweigen.

Unsereiner, der sich mit der Kolumnenfigur Fink öfter mal über einen gewissen Stoffmangel und sonstige Blackouts hinwegmogeln konnte, hat sich dummerweise Spaziergänge in Stuttgart als Sujet ausgesucht, gerade so, als garantierten Spaziergänge verwertbare Erlebnisse. Diese Hoffnung ist natürlich Quatsch, denn oft ist es besser, die Erlebnisse eines Spaziergängers in Stuttgart für sich zu behalten, um sich seine Restwürde als Hanswurst zu bewahren. Du bist ja nicht der Oberbürgermeister.

Zuletzt bin ich einige Tage in Leipzig herumspaziert, und wenn ich eine Rast einlegte, las ich in Harry Rowohlts Buch „Pooh’s Corner“. Diese Kolumnensammlung mit „Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand“ hatte ich mir zwar schon früher mit Freude angetan. Das Werk aber stand halt in einer Leipziger Buchhandlung vor meiner Nase und machte mir Lust, damit die Zeit zu vertreiben und Leipzig zu verdauen. In einem seiner Texte schildert Harry seinen großen Auftritt als Redner bei einer Hamburger Demonstration im Mai 2008 für Mumia Abu-Jamal. Dieser Mann saß damals seit 25 Jahren in der Todeszelle in Philadelphia, „weil er einen Polizisten erschossen haben soll“. Und da er früher Black Panther war und erfolgreicher linker Journalist, so Harry, war er „mithin nicht nur schwarz, sondern noch dazu ein roter Schwarzer“. Auch im Gefängnis schrieb er Kolumnen (die bei uns in der jungen Welt zu lesen waren). Und weil Harry in meinen Augen der beste aller Weltanalytiker aller Zeiten war, sagte er ohne Rücksicht auf die Kampfmoral des Demo-Publikums: „Am meisten bewundere ich an Mumia Abu-Jamal, dass er jede Woche eine Kolumne raushaut. Ich kann immer nur eine Kolumne schreiben, wenn ich vorher was erlebt habe, und auch dann nur selten. Aber Mumia Abu-Jamal kommt ja so gut wie nie vor der Tür.“

Der Demo-Redner Harry Rowohlt war seinerzeit 62 Jahre alt und schrieb nach diesem Erlebnis in seiner Kolumne, dass er so was nur alle 62 Jahre mache. Dazu wird es nicht mehr reichen, weil er 2015 im Alter von 70 Jahren gestorben ist. Mumia Abu-Jamal lebt noch, er ist 72, und als Mann in seinem Alter empfehle ich, seine Geschichte im Internet oder in einem Buch nachzulesen.

Mit der Geschichte aus „Pooh’s Corner“ wollte ich darauf aufmerksam machen, wie wichtig es fürs Kolumnieren ist, was erlebt zu haben. Selbstverständlich habe ich zuletzt während meiner Leipzig-Visite was erlebt, beispielsweise im Speckgürtel der Stadt als Gast einer familiären Zusammenkunft von fünf durch und durch sächsischen Menschen, die alle in der DDR groß geworden sind und die Wiedervereinigung bei bestem Wohlergehen bis heute überlebt haben. Zwar bin ich Schwabe und vom schwäbischen Dialekt, den ich spreche, schwer gezeichnet. Aber das sächsische Mundart-Bombardement war dann noch mal eine andere Nummer, mei Gudsdorr. In der Stadt selbst habe ich nur selten Sächsisch gehört, der heimische Dialekt verschwindet nach und nach, wie das Bayerische in München oder das Schwäbische in Stuttgart. Und wie wir alle.

Selbstverständlich habe ich als Tourist das Schillerhaus in Leipzig-Gohlis aufgesucht, das älteste Bauernhaus weit und breit, in dem der Dichter sehr wahrscheinlich die Ode An die Freude geschrieben hat, zumindest Teile davon. Friedrich Schiller war bekanntlich 1782 vor dem Herzog Carl Eugen aus Stuttgart nach Mannheim geflohen, ehe er in Leipzig landete. Und hätte ich eine Spaziergänger-Ehre, wäre ich längst zu Fuß den Spuren seiner Kutsche gefolgt, von Stuttgart bis Leipzig, wo die Stadt viel städtischer und lebenswerter ist als zu Hause. Und einen Bahnhof haben die, so betörend, dass du darin eine Ode an die Wonne schreiben könntest.

Als Schiller im Frühjahr 1785 in Leipzig ankam, „wurde er empfangen wie ein Popstar und konnte sich vor Bewunderern kaum retten“, heißt es im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig. Endlich frei – vor allem auch von Schulden – dichtete er sein später von Beethoven vertontes Trinklied „An die Freude“. Dieser berauschende Song hat eine erregende Geschichte. Dirigierte ihn Wilhelm Furtwängler 1942 noch zu Hitlers Geburtstag, so erhielten Mitglieder des Staatstheaters Mainz 2015 eine Strafanzeige, weil sie die „Götterfunken“ aus den Fenstern sangen, als die AfD auf dem Platz vor dem Theater gegen die Asylpolitik der Regierung demonstrierten: „grobe Störung des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit“. Was für eine Oper.

Irgendwas muss dran sein an diesem Lied. Und höre ich heute die Zeile „Alle Menschen werden Brüder“, denke ich mir: Besser wäre, all die braunen Brüder würden Menschen. Aber man kann nicht alles haben. Es gibt den ehrbaren Vogel Fink, der uns ein Lied der Freude singt, es gibt den Schmutzfink, der gegen Asylanten demonstriert, und es gibt den Schmierfink, als der ich als Hauptberuflicher gar nicht so selten bezeichnet wurde. Nun ja, ein Vogelschiss.

Und jetzt hebt feuertrunken euer Glas, nutzt euer Recht auf Kunstfreiheit und singt sie in Grund und Boden, sobald sie unter dem Dach unserer Versammlungsfreiheit aufmarschieren und geschützt von der Meinungsfreiheit ihre Klappe aufreißen: Seid umschlungen Millionen! / Diesen Kuss der ganzen Welt! / Brüder – überm Sternenzelt / Muss ein lieber Vater wohnen …
Und dann soll sie der Teufel holen.

SONG: Fink

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