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Liebe Besucherin, lieber Besucher, der Karfreitag ist ein guter Tag für eine neue Homepage-Kolumne:
Meine Kleine Website Story
DANN SIND WIR FERTIG MIT EUCH
Sicher ist, dass sogenannte chinesische Glückskekse nicht aus China kommen. Erst in den 1990er Jahren tauchten sie im Reich der Mitte auf, wo sie zuvor niemand gekannt hatte. Wie alles Glück, das bekanntlich eine Hure ist, kommt auch das Süßgebäck mit seinem eingelagerten Sinnspruch auf Glanzpapier aus den Vereinigten Staaten von Amerika. Vermutlich haben es japanische Einwanderer Anfang des 20. Jahrhunderts in Kalifornien verbreitet. Nicht so wichtig. Einer der eingebackenen Sprüche, den ich zuletzt aus einem Fortune Cookie zog, lautete: „Fange nie an aufzuhören, höre nie auf anzufangen.“ Verstehe ich gut als ewiger Anfänger. Eine weitere Weisheit, die ich wenig später im Keks eines vietnamesischen Restaurants fand, ging so: „Geduld! Ihre Vorschläge werden noch aufgegriffen.“ Auch diese Prophezeiung irritierte mich nicht, weil ich mich an Vorschläge meinerseits nicht mehr erinnern kann. Wer heute politische Vorschläge verbreitet, wird auch schnell mal aufgegriffen.
Ich gebe zu, lange nicht gewusst zu haben, dass diese kleinen, krummen Dinger zum Essen nicht aus China kommen, auch wenn ich mir hätte denken können, dass sich die großen, uns in allen Belangen überlegenen Chinesen nicht mit solchem Quatsch abgeben. Du zerrst einen Keks aus einer Folie und zertrümmerst ihn für Prophezeiungen wie diese: „Ein unerwartetes Ereignis wird dir bald Freude bringen.“ Verzehrst du dann den Glückskeks, weißt du, dass es keine Freude ist, wenn du ihn isst. Typisch, dass dieses Zeugs heute in großem Stil in Gondelsheim hergestellt wird, einem badischen Kaff bei Karlsruhe, wo sonst.
Komisch an meiner oberflächlichen Betrachtung dieses Cookiekrams ist, dass mir das Ganze einfiel, als ich neulich die 55. „Grundgesetz“-Auflage der Beck-Texte im dtv für 10,90 Euro im Buchladen Erlkönig abholte. Kaum eingepackt, erinnerte mich das Buch an einen Jahrhundertsatz: „Die Beamten können nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz unter dem Arm herumlaufen.“ Der deutsche Innenminister Hermann Höcherl (CSU) ließ diesen Spruch 1963 fahren, weil herauskam, dass der Verfassungsschutz unter Verstoß gegen das Telefongeheimnis des Grundgesetzes Abhörmaßnahmen durch alliierte Dienste hatte vornehmen lassen. 63 Jahre später kann ich es mir leisten, den ganzen Tag mit dem Grundgesetz im Rucksack herumzulaufen. Bin ja Rentner und mache regelmäßig Muskeltraining.
In den vergangenen Tagen habe ich ungewöhnlich viele Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Sehr tapfer, seit uns Meldungen über die Invasion Asiatischer Nadelameisen in Stuttgart das Fürchten lehren. „Denn diese Ameisenart kann stechen und über ihren Stachel ein Gift abgeben, das nicht nur schmerzhaft ist, sondern auch heftige allergische Reaktionen auslösen kann“, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Stechameisen sind eine große Gefahr für Mensch und Umwelt. Schlimmer als Wölfe. Epi-Zentrum des Angriffs ist der Rosensteinpark, eine meiner bevorzugten Jogging-Routen. Womöglich war Stuttgart schon immer Hauptstadt der Ameisen: Es gibt hier den Ameisenberg und die Ameisenbergstraße. Und bald noch einen Nadelameisenpark, falls die Invasion nicht gestoppt werden kann.
Telefonabhörmaßnahmen nützen gegen diesen Überfall ürigens nichts, sind eh ein alter Hut. Ein amtierender CDU-Innenminister namens Strobl lässt, geduldet von den Grünen, die baden-württembergische Polizei apokalypsebewusst mit der US-amerikanischen Datenkrake Palantir Gotham ausrüsten. Den liebenswürdigen Namen Gotham City kennen wir als korrupte Schurkenstadt aus „Batman“. Und hinter dem gigantischen Schnüffelprogramm steckt unter anderem der Unternehmer und Trump-Vertraute Peter Thiel. Der plant mit seinen Kumpanen aus dem Milliardärsmilieu eine neue Weltordnung – und die „humane Transformation“ bis hin zur Unsterblichkeit des Menschen. CEO des Unternehmens ist Alex Karp, ein US-Amerikaner, der unter anderem Philosophie bei Jürgen Habermas in Frankfurt studierte. Unter der Führung von Monsterreichen soll der endgültige menschliche Glückskeks auf KI-Basis entstehen, selbstverständlich jenseits jeder idiotischen demokratischen Verfassung. Aber erst muss die Welt brennen. Alle Wege führen ins alte Rom.
Kurzer Schwenk zur Realität: Am Samstag, 11. April, findet auf dem Stuttgarter Rotebühlplatz eine Aktion gegen das Polizei-Softwareprogramm von Palantir statt. Beginn 14 Uhr. Darauf ein Fuckin’ Fortune Cookie.
Allseits bekannt ist, dass in der Präambel der Unabhängigkeitserklärung der USA von 1776 das „Recht auf Streben nach Glück“ (pursuit of happiness) verankert ist. Einer der maßgeblichen Verfasser der Deklaration ist Thomas Jefferson, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten. Er sympathisierte einst mit der Französischen Revolution, sprach sich irgendwie gegen die Sklaverei aus, besaß aber selbst Hunderte von Sklaven. Amis sind gelegentlich etwas ambivalent. Zu Jefferson gäbe es viel zu erzählen, mir scheint allerdings, dass ich in dieser Kolumne ohnehin schon so hemmungslos abschweife wie schon lange nicht mehr. Meine übliche Ausrede, Gedankensprünge seien die natürliche Folge des Herumgehens, steht diesmal auf schwachen Füßen. Eigentlich will ich als Spaziergänger ja mit beiden Füßen auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Womöglich ist der so stabil wie ein Glückskeks. Und Happiness IS A Warm Gun.
In meiner Grundgesetz-Ausgabe findet sich eine Einführung von Prof. Dr. Dr. Udo Di Fabio, Richter des Bundesverfassungsgerichts a. D. Im Kapitel III über „Die Grundrechte: Leitbild des freien Menschen“ las ich die Sätze, die mich dazu brachten, die Herkunft der Glückskekse zu ermitteln: „Die Pflicht, die Menschenwürde zu achten und zu schützen (Art. 1 Abs. 1 Satz 2 GG) darf nicht missverstanden werden als Auftrag an den Staat, jedem Menschen ein gutes Leben zu garantieren. Das Menschenbild unserer Verfassung ist von der Vorstellung bestimmt, dass jeder Mensch seinen Weg zum Glück findet. Auch wenn jeder weiß, wie schwer es sein kann, Arbeit zu finden und gut davon zu leben, so wird doch zu allererst auf jeden Einzelnen vertraut, dass ihm dies gelingt. Das Leitbild lautet: Der Mensch ist eine mit der Fähigkeit zu eigenverantwortlicher Lebensgestaltung begabte Persönlichkeit.“
Der Mensch als „begabte Persönlichkeit“ wozu auch immer: Eine Behauptung, die mich nervös macht. Man kennt doch auch Menschen wie Klingbeil (SPD), Prien ( CDU) und Nagelsmann (DFB). Von begabten Persönlichkeiten wie Kulturkampfminister Weimer (parteilos), Innenminister Dobrindt (wie Höcherl CSU) und Kanzler Merz (CDU) zu schweigen.
An dieser Stelle will ich mal alles zusammenfassen, was ich angesichts des Grundgesetz-Gewichts in meinem Rucksack kaum mehr schaffe, ohne stolpernd auf die Fresse zu fliegen. Deshalb ziehe ich hier verlässliche Worte des geschätzten Publizisten Max Czollek vor, sie sind mir beim Streunen auf Social Media begegnet: „Weimer lässt Kultur überwachen & disziplinieren, Prien lässt Zivilgesellschaft überwachen & disziplinieren, Dobrindt ordnets an, Merz findets genau richtig. Der SPD ist es egal. D (Deutschland) hat eine autoritäre Regierung. Die Antwort muss doch sein: Ihr wollt uns fertig machen? Dann sind wir fertig mit euch!“
Damit habe auch ich fertig und verbleibe mit einem weiteren Spruch, den ich in einem Asia-Lokal aus einem Glückskeks gefischt habe: „Eine gute Nachricht wird dich in Kürze erreichen.“ Ich hoffe, sie trifft ein, bevor mich im Rosensteinpark die asiatische Killerameise harpuniert. Gotham City ist überall.