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Meine kleine Website Story
ES GEHT RUND
Ein deutscher Medienunternehmer hat in seinem Nebenjob als Kulturstaatsminister drei Buchläden in der Republik von der Verleihung des Deutschen Buchhandlungspreises ausgeschlossen, weil ihm der Verfassungsschutz irgendwas mit „links“ geflüstert hat. Und so stellt sich zunächst einmal die Frage, womit dieser Typ in aller Regel seine Zeit totschlägt. Ich meine die Arbeitszeit, die ja von vielen Menschen angeblich nicht so selbstausbeuterisch verbracht wird, wie es sich ein in der Welt herumfliegender Vollzeitkanzler aus dem Sauerland wünscht.
Ganz sicher kommt die deutsche Wirtschaft besser in Schwung, wenn der Kulturkampfminister zur Verbesserung des sozialen Klimas und der Leistungssteigerung nächstes Mal nicht nur drei, sondern ein Dutzend linker Läden auf seinen Index setzt. Das sichert Arbeitsplätze beim Verfassungsschutz, stärkt das lupenreine demokratische Bewusstsein der Autoritären – und obendrein versteht der staatsministerielle Heftchen-Herausgeber („Cicero“) etwas von Marketing: Seine Preis-Zensur bringt bedrohten Buchläden unverhofft viel solidarische Kundschaft. Ich habe mit den Betroffenen in Berlin, Göttingen und Bremen telefoniert: Sie werden, sagte mir eine Buchhändlerin, von Anfragen zum Thema „überrollt“.
Das Ganze ist so absurd und im Wortsinn komisch, dass man fast vergisst, wie bedrohlich hierzulande der staatliche Druck auf die sogenannte Zivilgesellschaft zunimmt, auf Menschen, die sich für Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit, womöglich gar für Menschenrechte und ähnlich suspekte Dinge wie Frieden engagieren. Kennt noch jemand die schwäbische Redewendung „Da möchte man auf der Sau naus“? Wurde inzwischen von „Voll der Wahnsinn“ abgelöst. Zur Sau naus ist präziser.
Apropos hinaus: Eine Zeitlang musste ich tatsächlich fürchten, meine Tage als Herumgeher seien gezählt, zumindest für eine ganze Weile. Die Schwierigkeiten im entzündeten erweiterten Hinterbackenbereich konnten inzwischen zum Glück von einem guten Orthopäden behoben werden. Gerade, wenn ich mich körperlich angefressen fühle, merke ich, wie wichtig der ziellose Spaziergang als Wiederbelebungsübung ist. Einfach hinaus an die Luft, so schlecht sie auch sein mag – und dann: gehen, gehen, gehen. Man hat das bewegende Gefühl, frei zu atmen und zu denken und kann einen stockkonservativen Buchladenhüter glatt vergessen. Es stimmt also, wenn die Dichter sagen, dass der Mensch auch mit dem Kopf geht, wenn er Beinarbeit leistet. Jeder Schritt ist ein Schritt fürs Menschsein.
Was nicht stimmt, ist die Annahme, ich würde nur ziellos herumgehen. Oft genug mache ich bewusst Rast an merkwürdigen Orten, etwa in Billigläden, in denen es jede Menge Dinge gibt, die man nicht braucht, aber unbedingt haben will. Ein Psychologe würde wahrscheinlich diagnostizieren, ich sei in meiner Kindheit zu kurz gekommen. Mag sein.
Als ich neulich im Stuttgarter Königsbau in einem ziemlich groß dimensionierten Billigladen namens Action einen Globus sah, musste ich sofort zugreifen. Das war Magie. Der Globus ist etwa so groß wie ein Handball und thront auf einem Ständer aus echtem Holz. Schöner als ein Vollmond. Er hat keine Beleuchtung eingebaut und kostet nicht mal zehn Euro. Eine sehr schöne und wichtige Kugel, auch wenn sie heutzutage nicht allen hierzulande als Beweis gilt, dass die Erde rund ist.
Und wie’s der Teufel will: Kaum hatte ich meinen Spielball des Universums auf dem Plattenregal in meiner Bude platziert, um meine Weltläufigkeit zu dokumentieren, erschien in der „Süddeutschen Zeitung“ ein Artikel mit der Überschrift „Wir brauchen alle einen Globus“. So läuft das in einem strukturierten Leben.
Der SZ-Autor Max Scharnigg schildert, wie er vom Fahrrad aus so ein Ding in einem „Zu verschenken“-Haufen entdeckte, es mitnahm und zuhause im Flur neben einen Spiegel stellte. Seitdem ist er ein Weltmann.
Seit es GPS, Google Earth und andere digitale Wegweiser fürs flache Denken gibt, erscheint ein Globus nicht mehr wichtig. Kann weg. Anders aber, als ich dachte, werden die Kugeln immer noch hergestellt. Laut ChatGPT produziert beispielsweise der Columbus Verlag in Krauchenwies im Landkreis Sigmaringen hunderttausend Globus pro Jahr in hundert verschiedenen Ausführungen. Das Unternehmen wird dies kaum tun, um die Bälle in die Donau zu werfen. Wenn er nach Hause komme, schreibt Scharnigg, sehe er jetzt immer „erst die alte kleine Welt und dann im Spiegel den alten großen Eigenkopf“. Diese Abfolge sei genau richtig: „Erst kommt das Gemeinsame, dann das Ich. In unserer Gegenwart ist es längst andersherum, da regieren die Überpersonalisierung und der Egozentrismus.“
Diese Erkenntnis sollte irgendwer der antisozialdemokratischen SPD beibringen. Die warb, ganz Eierkopf statt Eigenkopf, im baden-württembergischen Landtagswahlkampf mit dem neoliberal gefärbten Spruch: „Weil es um Dich geht“.
Nationalismus und der kompromisslose Kampf um eigene Interessen werfen für den Autor Scharnigg existenzielle Fragen auf: „Haben wir verlernt, die Welt als zusammenhängenden Raum wahrzunehmen? Bräuchten wir einen Globus als Sehhilfe, um wieder die gemeinsame Verantwortung für das alles hier zu erkennen?“ In einer Zeit der verengten menschlichen Horizonte „könnte die Weltkugel auf dem Schreibtisch und im Klassenzimmer jedenfalls nicht schaden“. Womöglich hat er recht, ich jedenfalls kann mich nicht erinnern, dass wir einst mit dem Globus im Klassenzimmer Fußball spielten. Er genoss einen gewissen Respekt. Wie ein höheres, geheimnisvolles Wesen.
Es hat dann ziemlich lange gedauert, bis ich auf meiner brandneuen Kugel aus dem Billigladen einen schwarzen Fleck mit den Inschriften „Germany“ und „Berlin“ finden konnte. Zwar war mir seit jeher klar, dass ich eine verdammt kleine Nummer bin auf diesem Planeten. Aber sooo klein? Auf den ersten Blick deprimierend, sofern man Zweifel an der globalen Bedeutung eines Fliegenschisses hat. Der Globus lehrt mich auch, dass ich keine Ahnung von Gottes Erdboden habe. Wo, verfickt, ist Amerika? Kein Wunder, dass ich mich überall verlaufe. Ich bin der Mann auf dem Holzweg.
Und jetzt stell dir einfach mal vor, einer wie der Kulturstaatsminister würde heute einen Blick auf einen echten Globus werfen. Erstens wäre er sich sofort einig mit dem Kollegen Kulturkämpfer Trump: „Alles meins“. Zweitens würde er dden Erdball nach linken Buchläden absuchen und in irgendeinem Fliegenschiss garantiert einen entdecken. Oder zwei oder mehr, sofern der Geheimdienst bis drei zählen kann. Und plötzlich wären Löcher in der Kugel.
Mein Globus sagt: Es geht rund, mein Freund. Man möchte zur Sau naus.
SONG: Anna B Savage