Willkommen!
Liebe Besucherin, lieber Besucher, an der 1. Stuttgarter Prüf-Kundgebung am Samstag, 14. Februar, auf dem Schlossplatz haben trotz miesen Wetters zahlreiche Demonstrierende im vierstelligen Bereich teilgenommen – wie viele genau, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Jedenfalls waren es wesentlich mehr als erwartet.
Bei dieser Sache habe ich von Anfang an kräftig mitorganisiert, weil ich denke, dass mit dieser Art Kundgebung für das Engagement gegen die Rechtsextremen zusätzlich Menschen gewonnen werden können: solche, die sich bei anderen Aktionen nicht wohlfühlen – oft nur deshalb, weil sie Klischees über „Linke“ gespeichert haben und nicht gut informiert sind. Angesichts der politischen Entwicklung sind jede Unterstützung, jede Kooperation und Vernetzung wichtig. Wir müssen Scheuklappen ablegen. Das ist auch die Intention des Netzwerks Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie, dem ich angehöre.
Zu Beginn der Veranstaltung auf dem Schlossplatz habe ich als Stimmungsmacher einen kleinen Beitrag vorgetragen:
Schönen guten Tag, verehrte Prüflinge, hier an der Königstraße, wo nicht mehr die Monarchie herrscht, sondern bis jetzt noch die Demokratie …
Machen wir gleich mal einen kleinen Test, prüfen wir mal, wie ihr drauf seid – bitte Konzentration:
Gebt mir ein Peee – gebt mir ein Errr – gebt mir ein Üüü – gebt mir ein Efff
Und jetzt alle: Prüüüf …
Und jetzt beschäftigen wir uns kurz mit dem Wort prüfen. Es kommt aus dem lateinischen provare und ist über das französische prouver als prüfen ins Deutsche gewandert. Provare bedeutet: Etwas auf Brauchbarkeit untersuchen. Wir hier fordern die Landesregierung auf, die als rechtsextrem eingestuften Parteien auf ihre demokratische, ihre verfassungsgemäße Unrauchbarkeit prüfen zu lassen. Und da wird man ja schnell zu einem klaren Ergebnis kommen.
Liebe Freundinnen und Freunde, Bei unseren Prüf-Demos in der Republik verzichten wir ganz bewusst auf das A-Wort. Das bedeutet genau genommen: Wir meiden nur das EINE A-Wort. Denn es gibt ja allenthalben absolut angenehme Wörter mit A, sogar ohne abwertende Anspielungen auf armselige Antidemokraten und andere A-Köpfe. Zum Beispiel: Alle Achtung vor allen, die für eine anständige Lebensart in Anbetracht des notwendigen Antifaschismus arbeiten und aktiv sind.
Und damit allseits Respekt vor euch allen, die hier bei der ersten Stuttgarter Prüf-Kundgebung dabei sind. Alora: ein A-Wort ist aktuell im Abfalleimer.
Liebe Mitstreiter:innen, ich muss euch nicht sagen, dass bei uns im Land so gut wie alles geprüft wird: der Fahrstuhl und der Fahrradhelm. Geprüft werden Menschen, die eingebürgert werden wollen. Und geprüft werden Menschen, die Lehrer werden wollen, aber zuvor eine Klima-Demo organisiert haben. Geprüft wird auch, ob ihr euren Esel im Garten weit genug von der Hecke des Nachbarn an euren Apfelbaum gebunden habt.
Juristisch weniger geprüft werden hingegen als rechtsextrem eingestufte Parteien, auch dann nicht, wenn deren Mitglieder unsere Parlamente belagern und unser gesellschaftliches Klima vergiften.
Das Wort prüfen kennen wir auch aus dem Englischen: Prove It All Night, singt Bruce Springsteen in einem sehr schönen Liebeslied. Und weil heute Valentinstag ist, der Tag der Liebe und der Liebenden, an dem womöglich Entscheidungen getroffen werden, erlaube ich mir, aus Schillers Glocke zu zitierten: Drum prüfe, wer sich ewig bindet. – Wir hier senden unsere Liebesgrüßen an die Landesregierung: Prüft endlich, statt euch das rechte Auge ewig zuzubinden. – Ich gebe zu: metronomisch etwas fragwürdig, aber inhaltlich voll cool.
Das Wort prüfen, liebe Prüflinge, wird in unserem Alltag ja nicht mehr so häufig verwendet: Inzwischen wird alles nur noch gecheckt, Tag und Nacht sind jede Menge Checker unterwegs, die größten Schlaumeier unter ihnen nennen sich Checker vom Necker und checken wahrscheinlich gar nichts.
Im Schwäbischen Dialekt wiederum kennen wir, auch wenn es in unseren Ohren schrecklich weht tut, das Wort prüfen alsbriefen. Ja genau, briefen. Wir hier aber sind internationale Checker, wir sagen nicht briefen, sondern auf Englisch: briefen, briefen. Und jetzt geht es darum, dass wir unsere Landesregierung briefen, rechtsextreme Parteien juristisch zu prüfen. Beziehungsweise prüfen zu lassen.
Und da wir jetzt schon bei Briefen sind, noch dies:
Wir müssen bei uns den großen Prüf-Kasten öffnen. Ab sofort sind wir die Prüf-Träger der Demokratie, die der Politik den blauen Brief zustellen: Prüft endlich die Feinde der Demokratie. Vielen Dank.
Und jetzt müssen wir noch mal üben, damit wir heute hier auf diesem Platz unsere Reifeprüfung bestehen:
Gebt mir ein Peee …
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Auf Facebook gab es zahlreiche üble Kommentare unter den Posts zur Kundgebung, dazu dieser kleine Text:
Der Kern der Propaganda der Rechtsextremen sind Lügen und Verleumdungen, die mit ständiger Wiederholung verbreitet und dadurch bleibend platziert werden. Dahinten stecken ideologische Köpfe. Hilfreich bei deren Strategie der Diffamierung sind die Dummheit und Bösartigkeit vieler, die mit dieser Art Hetzpropaganda leicht zu beeinflussen sind. Die Folge ist ein Überlegenheitswahn aufgrund einer in Wut und Verunsicherung gewählten Lagerzugehörigkeit, die sie zur Schau stellen, indem sie ihre sich ständig wiederholenden Hetzkommentare auf FB absondern. Dazu gesellen sich Trolls. Gegen dieses Gemisch lässt sich rational wenig machen, weshalb es nach wie vor wichtig ist, im Engagement gegen den Rechtsextremismus Versammlungs- und Gesprächsorte zu schaffen. Nur so können Bereitschaft und Mut von Menschen wachsen, gemeinsam etwas gegen die Menschenverachtung zu tun.