Willkommen!
Liebe Besucherin, lieber Besucher, heute setze ich pünktlich die Reihe der Homepage-Kolumnen fort. Schon gut, dass ich mich nach fünf Jahren als „Kontext“-Schreiberling aufgerafft habe, ohne Druck im Zwei-Wochen-Rhythmus Texte für kleines Publikum in meinen Computer zu tippen. Beim jüngsten Flaneursalon in der ausverkauften Rosenau habe ich nur Kolumnen aus den neuen Beständen vorgelesen, und ohne Angeberei darf ich sagen: Das Zeug kam ganz gut an.
Der nächste Flaneursalon findet am Sonntag, 10. Mai, im Tangoloft in der Hackstraße in Stuttgart-Ost statt. Noch einmal geht der Musiker und Schriftsteller VIncent Klink für uns auf die Bühne – kochen wird er allerdings nicht. Außerdem dabei: Eva Leticia Padilla & Dany Labana Martínez und Stefan Hiss.
Meine kleine Website Story
NIEDERSCHLÄGE
Und dann sitze ich wieder in meiner Bude, starre auf den Bildschirm meines Rechners, der trotz seines stolzen Alters noch auf mich reagiert, und draußen steht das Wochenende vor der Tür wie der Russe.
Früher, habe ich in Stephen Kings Buch „Das Leben und das Schreiben“ gelesen, habe man in Schreibkursen gelernt: „Schreib über das, was du kennst.“ Leuchtet ein, doch was kenne ich schon. Vielleicht die Straße, in der ich wohne, wo ich früh morgens bei jedem Wetter durch mein Schlafzimmerfenster sehen kann, dass gegenüber schon die Bäckerei Nast geöffnet hat. Es tröstet einen Mann, wenn Licht beim Bäcker brennt, auch wenn es dort keinen Bäcker gibt, dafür Frauen, die Brot und Brezeln anbieten. Oder diese sagenhafte Räuberstange: Blätterteig mit Käse und Speck und mit Käse und ohne Speck. Auf den Leuchttafeln an der Fassade des Geschäfts steht einmal „Bäckerei. Conditorei“ und einmal „Bäckerei. Konditorei“, was auf eine lange Tradition dieses Ladens hinweist. Gott möge ihn schützen – einer, der immobilienpolitisch und stadtplanerisch was zu sagen hat.
Beim Blick in der feuchten Morgendämmerung auf die unterschiedlichen Schreibweisen der Konditorei fiel mir neulich ein, dass ich im aktuellen Landtagswahlkampf zwei Plakate mit unterschiedlichen Formaten, aber demselben Spruch und dem Foto derselben Frau geknipst hatte. Auf dem kleineren steht „Bildung, die besser macht, statt alle gleich“. Auf dem größeren: „Bildung, die besser macht statt alle gleich“. Über den Inhalt dieser Botschaft mag man denken, was man will. Sofern in diesem Fall denken angebracht erscheint. Jedenfalls habe ich beide Poster nebeneinander auf Facebook gepostet und die bildungsbürgerlich motivierte Zeile hinzugefügt: „Und dann war da noch der Komma-Unterricht.“ Das war alles.
Dieser läppische Hinweis auf die kontroverse Interpunktion (einmal Komma, einmal kein Komma vor „statt“ = richtig) bescherte mir auf meinem Account rund 220 Likes und 80 Kommentare, eine für meine Verhältnisse enorme Beute. Ziemlich überraschend für mich provozierte meine beiläufige Facebook-Bemerkung neben lustigen auch bierernste und bösartige Auswürfe. Ein auf meiner Seite Zugewanderter warf mir vor, ich würde gegen seine Partei hetzen und sie diffamieren, ein anderer Provinzler wütete, wir „linken Bazillen“ würden uns über Rechtschreibung „aufregen“, statt auf Inhalte zu achten. Also ein klarer Fall von linksgrünwokeversiffter Arroganz.
Es ging in meinem Nonsens-Beitrag aber gar nicht um Rechtschreibung, nur um die unterschiedliche Kommasetzung im selben Plakattext einer Partei namens FDP, die sich früher satzzeichenbewusst F.D.P. schrieb. In seinem heutigen Zustand finde ich diesen Verein weiß Gott nicht so aufregend, dass er Hetze verdient hätte. Es handelt sich um eine Splittergruppe, die in Erinnerung an ihre Geschichte und die der Demokratie im besten Fall noch Mitleid erweckt. Im Übrigen können die Plakateschöpfer über die Hinwendung des Publikums zum Komma und die Nichtbeachtung ihrer Inhalte glücklich sein. Im digitalen Zeitalter ist Interpunktion sowieso nicht mehr wichtig, weil aufgrund der harten sozialen Lebensbedingungen und der zunehmenden Armut die inhaltlichen Unterschiede bei Aussagen nicht mehr zwingend wahrgenommen werden können: Wir essen, Opa! Wir essen Opa!
Wer sich regelmäßig auf Facebook rumtreibt, weiß, dass Vorfälle wie mein Komma-Krawall an der Tagesordnung sind. Eigentlich nicht erwähnenswert. Vielleicht aber doch, weil diese Art politischer Aufgebrachtheit etwas über das Humorverständnis hierzulande sagt. Geht man davon aus, dass Humor eine Lebenshaltung ist, die dem Menschen ermöglicht, künstlerische Spielarten wie Satire, Ironie und Komik und damit die Welt zu verstehen, sieht es nicht gut aus mit dem psychischen Klima in unserer Umgebung. Da führt die Wut über eine Anspielung auf ein harmloses Komma rasch mal ins geistige Koma. Humorlosigkeit ist gut für die Propaganda der Rechtsextremen mit ihren platten und üblen Witzen. Und Humorlosigkeit der erdbraune Nährboden für politischen Hass.
Nach meinen Jahren als Herumgeher ist es mir inzwischen eher peinlich, in einem Wahlkampf noch Wahlplakate zu erwähnen. Womöglich bin ich ein alter Mann, der die altmodische Anregung „Schreib über das, was du kennst“ nicht vergessen kann. Andererseits kannst du als Stadtspaziergänger die politischen Botschaften aus den unergründlichen Hirnspeichern der Werbe- und Marketingagenturen beim besten Willen nicht übersehen. Trotz getönter Brille fallen sie dir schmerzhaft ins Auge. Oft denke ich bei ihrem Anblick ohne böse Absicht an eine Postkarte, die ich mal in einer Kneipe entdeckte: „Wie kommt die Scheiße in die Köpfe?“ Eine wissenschaftlich unterschätzte Frage.
Die Landesparteireste der SPD werben mit dem Spruch „Weil es um dich geht“. Auf einem anderen SPD-Plakat heißt es allerdings: „Weil es um Stuttgart geht“, und so, Genossen, heiße ich ja nicht. Keine Frage offen lässt hingegen eine Botschaft der Partei namens Die Partei: „Fickt euch doch alle!“ Im Sinne eines entspannten Lebens ist dagegen nichts einzuwenden.
Unmissverständlich auch ein Slogan der CDU, der jeder Bäckerei-Innung Ehre machen würde: „Neue Kraft fürs Land“. Direkt über diesem Versprechen steht der Name des Spitzenkandidaten, der an eine nicht besonders erfreuliche Erscheinung des Wetters erinnert. Auf donnernden Zorn bitte ich an dieser Stelle zu verzichten: Sehr wohl ist mir bekannt, dass Namenswitze auf der untersten Stufe des Humors angesiedelt sind. Schließlich heiße ich Bauer und habe deshalb Erfahrung. Andererseits weckt der Name des Spitzenkandidaten nun mal simple Assoziationen. Man denke an die übliche Ankündigung hochkarätiger Wahlkampf-Auftritte: „Hagel kommt!“. Nicht alle sind erfreut über diesen prickelnden, aber selten angenehmen Niederschlag. Zu schweigen von all den anderen Dingen, die es überall hagelt: Beschwerden, Beleidigungen und so fort.
Zum Glück beschränkt sich die Bedeutung des Worts „Niederschlag“ nicht auf Regen und Hagel. Die Folge des Niederschlags ist die Niedergeschlagenheit, und bei Google findet sich diese gerade poetisch anmutende Definition: „Niedergeschlagenheit ist ein vielschichtiges Gefühl, das von einer vorübergehenden traurigen Stimmung bis hin zu einem Symptom einer ernsthaften psychischen Erkrankung wie einer Depression reichen kann.“
Wenn ich „Niedergeschlagenheit“ lese oder höre, denke ich immer an die literarischen Meisterwerke eines Joseph Roth. Und auf keinen Fall vergessen will ich die Boxer: Niederschlag steht für Knockout. Immer wenn von Niederschlag die Rede ist, liegt etwas Gefährliches, etwas Bedrohliches in der Luft. Nicht umsonst heißt ein Film mit dem unvergessenen Eddie Constantine: „Ab heute wieder Niederschläge“. Der italienische Originaltitel lautete 1965 weniger spektakulär Trappola per sette spie, zu Deutsch: „Falle für sieben Spione“. Schlägt die Falle zu, ist der Niederschlag samt Niedergeschlagenheit perfekt. Zu etwas Vorsicht rate ich, wenn beim Blick auf Wahlplakate der Rechtsextremen die Lust auf einschlägig bekannte Niederschläge hochkommt. Da hilft etwas kühler Regen aus der Dusche.
Auf das Thema Niederschlag bin ich blöderweise ja nur wegen meiner primitiven Gedankensprünge beim Namen Manuel Hagel gekommen. Der Mann kann nichts fürs Wetter, jedenfalls nicht im meteorologischen Sinn. Nicht wenige seiner Parteikollegen verwechseln Wetter sogar mit Klima. Und sein liebliches Fotogesicht auf dem Wahlplakat, das ich mehrfach andächtig betrachtet habe, erinnerte mich in Wahrheit weniger an Hagelschlag als vielmehr an Wiglaf Droste. Der 2019 verstorbene Dichter, Satiriker und Freund hat einst Guido Westerwelle ein unvergessliches Epos gewidmet: „Alles, was er hatte, war seine Krawatte.“
Mehr ist dazu nicht zu sagen. Und jetzt zügig zum Bäcker.
SONG: Warren Zevon
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Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie
Veranstaltungen:
Workshops im Hotel Silber:
Mit Zivilcourage gegen Hass und Hetze
Wie kann ich couragiert menschen- und demokratiefeindlichen Äußerungen entgegentreten? Damit beschäftigt sich dieser Workshop. Souverän bleiben, auch wenn es einem die Sprache verschlägt. Wir üben erfolgreiches Vorgehen in Konfliktsituationen: Position beziehen im Alltagsgespräch im privaten oder auch im öffentlichen Umfeld.
30 Personen können teilnehmen. Anmeldungen per Mail sind gut für unsere Planung: kontakt@netzwerk-gegen-rechts.info
Sa, 7. Februar: 10 Uhr – 12:30 Uhr: Basisworkshop
und Vertiefungsmodul 13:30 Uhr – 15 Uhr
Sa, 9. Mai 2026: 10 Uhr – 12:30 Uhr: Basisworkshop
Sa, 11. Juli 2026: 9:30 – 12:30 Basisworkshop
und 13:30 Uhr – 15 Uhr Vertiefungsworkshop
Sa, 7. November 2026: 10 Uhr – 12:30 Uhr Basisworkshop
1. Stuttgarter PRÜF-Kundgebung
Samstag, 14. Februar, Schlossplatz, Beginn 12 Uhr
Ab 11 Uhr Sign Party: Plakate gestalten mit den Workshop-Coaches Tanja & Andreas – und andere Aktionen.
Die 1. Stuttgarter PRÜF-Kundgebung wird von einem Team aus der Stuttgarter Kulturszene organisiert. Ins Leben gerufen hat die PRÜF-Demos der Hamburger Satiriker Nico Semsrott – inzwischen finden sie in mehreren Bundesländern statt. Geplant ist, die Aktionen möglichst an jedem zweiten Samstag im Monat in Landeshauptstädten durchzuziehen. Anders als bei üblichen Kundgebungen dominiert die künstlerische, spielerische, interaktive Form, um auch neues Publikum im Engagement gegen Demokratiefeinde zu gewinnen. Politik muss Spaß machen! Fahnen von Parteien und Organisationen sind nicht erwünscht.
Sinn der PRÜF-Kampagne: „Alle Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall oder gesichert rechtsextrem eingestuft werden, sollen durch das Bundesverfassungsgericht überprüft werden.“ Die Landesregierungen werden aufgefordert, diese Prüfungen einzuleiten.
Mitwirkende in Stuttgart u. a.: Patrick Bopp (Musiker, Chorleiter), Bastian Sistig & Laura Oppenhäuser (Moderation), Stephan Moos & Dahab Paulos (Schauspieler/in), Florian Hacke (Comedian), Laura Braun (Liedermacherin), Mitglieder von Chören, Salamaleque Dancers across Borders …
Dienstag, 3. März 2026, Württembergischer Kunstverein, 19 Uhr:
Klaus Gietinger liest aus seinem neuen Roman:
TOTE AUF URLAUB
Berlin 1919
Kaum ein Autor hat sich so intensiv mit der deutschen Novemberrevolution befasst wie der Filmemacher und Schriftsteller Klaus Gietinger. Ergebnis sind ein halbes Dutzend Bücher, die immer neue Aspekte dieses Jahrhundertereignisses erschließen. In seinem Archiv liegen noch viele Schätze. Ein Teil dieser Dokumente gehen nun in einen Roman ein, dessen Handlungsstränge belegbar sind. Der Autor hat es verstanden, die Geschichte lebendig werden zu lassen. Der Roman taucht ein ins unruhige Berlin von 1919, kurz nach der Novemberrevolution, die das Ende des Kaiserreichs brachte. Der konservative Kriminalkommissar Richard Brinkmann und die mit revolutionären Ideen sympathisierende Kriminalassistentin Cläre Reichelt ermitteln in einem der spektakulärsten politischen Verbrechen der deutschen Geschichte, dem Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.
Bernhard Weiß, liberaler Vizekriminaldirektor, von Antisemiten als „Isidor“ verhöhnt, deckt die Recherchen der beiden – obgleich nur die Militärjustiz – im Auftrag der SPD-Regierung – den Fall behandeln soll. Schnell zeigt sich: Es wird vertuscht. Brinkmann und Reichelt entdecken eine heiße Spur ganz nach oben. Und geraten in den Strudel der aufkommenden Gegenrevolution. Eintritt frei.
In Kooperation mit der Rosa Luxemburg Stiftung BW