Willkommen!
Liebe Besucher:innen, zwischen hartnäckigen Schlafeinheiten habe ich versucht, etwas gegen das Nichtstun zu tun. Mehr ist zurzeit nicht drin. Von jetzt an werde ich, hoffe ich mal, wieder regelmäßig eine Homepage-Kolumne schreiben, die aus meinen vier Wänden hinausführt … – Dann möchte ich darauf hinweisen, dass es im Moment noch Karten für den Flaneursalon am Mittwoch, 4. Februar, in der Rosenau gibt. Link zu Infos & Tickets.
Die kleine Website Story
DER KRANKE
Als das neue Jahr begann, bekam ich so gut wie nichts davon mit, was mir wurscht war, weil das neue Jahr kaum besser werden dürfte als das alte. Eigentlich sollte man keinen Text mit einer Mutmaßung beginnen. Wen interessiert schon, wie ich die Zukunft sehe. Kein Schwein kennt die Zukunft, und Prophezeiungen sind Bullshit. Manchmal landet ein getretener Fußball am Pfosten, und manchmal geht einer rein, und jedes Mal sagt irgendein Prophet: Ich hab’s ja gewusst.
An Silvester war ich krank. Husten und Fieber. Umnachtung. Das wäre keine Notiz wert, wäre ich nicht auch schon kurz zuvor krank und wieder gesund geworden. Zwei Tage vor Silvester war ich dann zur Kontrolle beim Arzt und alles in Ordnung gewesen. Einen Tag später fror es mich trotz gut beheizter Wohnung wie einen Schneider. Anscheinend waren Schneider früher Leute, die Kleider machen, die bekanntlich Leute machen, aber selbst nichts Warmes zum Anziehen hatten. Ich hatte jede Menge Warmes zum Anziehen und fror dennoch.
Was ich hier erzähle, klingt nach Jammerarie, nach Selbstmitleidgesülze, die von meinen Unzulänglichkeiten ablenken sollen. Als ich schlappschwänzig auf dem Sofa herumlag, kam ich mir unnütz und schuldig vor, als würde ich das Leben und jede Art Arbeit mutwillig verweigern. So seltsam kann man werden, wenn man, scheinbar gesund, lange genug in dem Gefühl herumgerannt ist, etwas tun zu müssen. Welthaltige Gewichte stemmen oder weltrettende Aufgaben. Nie aufgeben.
Jetzt, da ich diese Zeilen tippe, ist der 11. Januar, und am 10. Januar war ich schon für kurze Zeit an der Luft, die in der Stadt nicht gerade frisch ist. Insgesamt war ich auf zwei Etappen mit Pause nur etwa dreieinhalb Kilometer zu Fuß unterwegs gewesen, und nach meiner Rückkehr musste ich sofort schlafen.
Wieder halbwegs wach, las ich in Michel de Montaignes Buch „Von der Kunst, das Leben zu lieben“ das Kapitel „Krankheiten höflich behandeln“. „Ich kann mir für die Kranken nichts Heilsameres denken, als dass sie gelassen die Lebensweise beibehalten, in der sie aufgewachsen sind“, schreibt er. Der Philosoph hatte öfter mal Probleme mit den Nieren. Und obwohl es zu seiner Zeit nicht möglich war, die Sache mal kurz einem fingerfertigen Urologen zu überlassen, kam er zu dem Schluss: „Gibt es etwas Wohligeres als den nach den jähen und schärfsten Koliken eintretenden Umschwung, wenn man durch den Abgang eines Steins aus äußerstem Schmerz blitzartig wieder ins strahlende Licht einer völlig beschwerdefreien Gesundheit versetzt wird?“
Bei diesen Zeilen fiel mir ein, dass man mir erst im November einen Nierenstein im Krankenhaus entfernt hatte, weil er einen natürlichen Abgang verweigert hatte. Auch ein Wunschstein mit der goldenen Inschrift „Hoffnung“, den ich in einem Kiosk gekauft und mit mir herumgetragen hatte, war wirkungslos geblieben. Als nach vier Tagen in der Klinik Katheter und Schiene aus meinem Schwanz gezogen wurden, fühlte ich alsbald tatsächlich etwas unbeschreiblich Wohliges. Ich war ein freier Mann. Und als dann vier Wochen später der Husten kam, hatte ich diese Angelegenheit schon so gut wie vergessen. Es brauchte Montaigne, um mich daran zu erinnern. Auch daran, dass gewisse Dinge unvermeidlich sind: „Sowohl die Könige wie die Philosophen scheißen, und die Damen auch“, schreibt er. Und fügt in Klammern hinzu: „Andre zeichnen sich durch Diskretion und angemessene Redeweise aus, ich aber rede frank und frei …“
Wenn sich heute, auch unter dem Einfluss englischsprachiger Fernsehserien, eine gewisse Fäkalsprache als Allerweltston in jedem Kindergarten durchgesetzt hat, braucht sich niemand besonders frank und frei vorzukommen, wenn er irgendeine „verfickte Kackscheiße“ so selbstverständlich über die Lippen bringt wie andere Leute die Grußformeln „Servus“, „Hi“ oder „Leck mich am Arsch“. Der große Montaigne war uns in puncto Offenheit um ein paar verschissene Jahrhunderte voraus.
Meine Zeit auf dem Sofa bedarf keiner philosophischen Betrachtung, ich muss die Angelegenheit in all ihrer Banalität schildern. Wie in einem pubertären Tagebuch. Seit 2001 organisiere ich jährlich vor Weihnachten eine Benefiz-Show namens Die Nacht der Lieder, seit etlichen Jahren immer an zwei Abenden im Stuttgarter Theaterhaus. Das war mir immer in ordentlicher Verfassung möglich gewesen. Nur diesmal, bei der Nummer 24, bekam ich zwei Tage vor der Veranstaltung hohes Fieber und ekelhaften Husten. Also ging ich in eine mir vertraute Arztpraxis und sagte, ich müsse irgendwie so auf die Beine gestellt werden, damit ich die Show betreuen und darin auch etwas vortragen könne. Man gab mir zwei Tage hintereinander eine Infusion mit allerlei gesunden Sachen, verschrieb mir Antibiotika und sonstiges Zeug, das ich per Taxi besorgte – und alles funktionierte. Selbstverständlich war ich auch angehalten worden, mich selbst nach getaner Arbeit komplett ruhigzustellen.
Den Rat der sehr wenigen Menschen, die es gut mit mir meinen, auf keinen Fall mit extrem hohen Entzündungswerten in einem Theater herumzuturnen, hatte ich in den Wind geschlagen. Und der Wind war kalt. Zehn Tage später bekam ich die Quittung, die man Rückfall nennt. Jetzt aber war in Stuttgart keine einzige Arztpraxis außer der Notfallversorgung im Marienhospital geöffnet, und ich hing ziemlich durch. Ohne die Hilfe meiner Partnerin hätte ich sehr schlecht ausgesehen, weil mir allein der Gedanke, dass neben Königen, Philosophen und Damen auch Kranke scheißen müssen, schwer zu schaffen machte. Jeder Gang auf den dafür vorgesehenen Ort erschien mir trotz dessen relativ ziviler Ausstattung als Albtraum. Duschen? Ein Monsterakt. In die Küche traute ich mich auch nicht, und ganz sicher nicht nur, weil ich nicht kochen kann. Auch das Öffnen einer Konservendose war mir zu anstrengend.
Als am schlimmsten empfand ich diese Niedergeschlagenheit, zu nichts mehr zu taugen. Alles, was zu erledigen gewesen wäre, blieb liegen. Ich schaute mir irgendwelchen Dreck im Fernsehen an, Dreck vor allem deshalb, weil ich guten Stoff in meinem Zustand gar nicht begriffen hätte. Auf diese Weise sah ich deutsche Krimis, die so unglaublich scheiße waren, dass sie alle meine Vorstellungen von Blödheit sprengten. Und in Unterhaltungsdingen bin ich nicht besonders anspruchsvoll.
Genauso schwierig fiel es mir im Hustentran, etwas zu lesen. Also begann ich mit einem Westernheftchen für 2,40 Euro; sicherheitshalber habe ich immer ein paar von diesen Dingern im Haus, um im Notfall der Welt mit der richtigen Botschaft zu entfliehen: „Männer härter als der Tod“. Ich schaffte im Fieber immer nur etwa zwei Seiten, dann musste ich mich ausruhen. Vor dem Dreikönigstag hatte ich dann Glück, weil mich eine befreundete Ärztin, die im Kreis Esslingen ihre Praxis geöffnet hatte, besuchte und mit Antibiotika versorgte.
Bald war ich in der Lage, vom Kiosk-Heftchen auf ein Buch umzusteigen. Und siehe da: Zügig zog ich siebentausend Kilometer quer durch China, weil es mir gelang, dem Reiseabenteuerbericht „Der lange Fahrrad-Marsch“ von Christian Y. Schmidt und Volker Häring einigermaßen geistig zu folgen. Die beiden Berliner Autoren haben mit E-Bikes den kompletten Langen Marsch auf den Spuren Mao Zedongs und des bayerischen Revolutionärs und Militärberaters Otto Braun bewältigt und ein 368 Seiten dickes Buch daraus gemacht. Wenn du das liest, kommt dir eine Krankheit wie meine beim Blick auf die Erschöpfungsskala auf einmal etwas lächerlich vor. Andrerseits verstärkt gerade dieser Eindruck das schlechte Gewissen und die Depression des herumfläzenden Minderleisters, auch wenn ihm zehnmal gesagt wird, dass er die Beine still und die Klappe halten soll, weil Bronchien-/Lungen-Infektionen gefährlich seien und auskuriert werden müssen.
Lesen erscheint mir inzwischen als die wirksamste Möglichkeit, am Leben zu bleiben. „Bücher sind die beste Wegzehrung, die ich für unsre irdische Reise gefunden habe“, heißt es bei Montaigne. Die Betonung in meinem Fall liegt auf „Bücher“, denn sobald du die Online-Kanäle öffnest und liest, kommt der nächste Rückfall. Du wirst krank und kränker, und so kommst du im neuen Jahr nicht weit.
Montaigne, vor dessen Denkmal in Bordeaux ich im vergangenen Jahr mal andächtig im Regen gestanden habe, ist wirklich ein guter Ratgeber: „Das erwartete Versagen eingestehen macht potent.“ So könnte es gehen. Keine Ahnung allerdings, wie lange der Marsch bis zum langen Abschied noch geht.
Netzwerk Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie:
In Planung ist die erste Stuttgarter Beteiligung an der bundesweiten Kampagne unter dem Titel PRÜF-Demos.
Termin: Samstag, 14. Februar, 12 Uhr, Schlossplatz.
Wir als Netzwerk unterstützen die Aktion organisatorisch, treten aber nicht als Veranstalter auf, da diese Form von Kundgebungen an keinerlei Initiativen oder Parteien angelehnt sein soll. Auch sind Fahnen von Parteien und politischen Organisationen unerwünscht.
Die PRÜF-Demos wurden von dem Hamburger Satiriker Nico Semsrott, der einige Jahre im EU-Parlament saß, ins Leben gerufen, sie sollen an jedem zweiten Samstag in Landeshauptstädten der Republik stattfinden. Anders als übliche Kundgebungen steht bei diesen Veranstaltungen eine spielerische, interaktive Form im Vordergrund, bei der neues Publikum gewonnen werden soll. Wir sind mit Nico Semsrotts Team im Kontakt und haben uns bereits die Münchner PRÜF-Demo am 13. Dezember auf dem Geschwister-Scholl-Platz angeschaut. In Stuttgart wird sich mithilfe des Kulturbetriebs ein Veranstalter-Team bilden.
Kurz zu Sinn und Zweck der PRÜF-Demos: „Alle Parteien, die vom Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall oder gesichert rechtsextrem eingestuft werden, sollen durch das Bundesverfassungsgericht überprüft werden.“ Die Landesregierungen werden bundesweit aufgefordert, diese Prüfungen mit den ihnen zur Verfügung stehenden juristischen Mitteln einzuleiten. Im Internet gibt es dazu schon reichlich Material – siehe LINK
Weitere Veranstaltungen:
Dienstag, 3. Februar, 20 Uhr
Renitenztheater Stuttgart
Reihe „Gesprächsstoff“:
„Demokratie am Limit – Persönliches Engagement am Rande der Erschöpfung“
Ein Abend des Renitenztheaters in Kooperation mit dem Netzwerk Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie.
Mit der Philosophin Amrei Bahr von der Stuttgarter Uni und dem Kabarettisten Philipp Weber aus Tübingen (aktuelles Programm „Power to the Popel – Demokratie für Quereinsteiger“) – Moderation: Roland Mahr, Renitenztheater
Auszug aus der Renitenztheater-Ankündigung: Unsere Demokratie ist akut bedroht. Nur: Wie können wir uns dafür einsetzen, dass sie nicht nur geschützt wird, sondern auch floriert, wenn wir doch ohnehin ständig am Limit unserer Kräfte sind? Wer kann Demokratie und Gesellschaft politisch oder aktivistisch mitgestalten — und wer bleibt dabei auf der Strecke, weil Beruf, Sorgearbeit, Krankheit oder anderes die volle Aufmerksamkeit und die gesamte zur Verfügung stehende Zeit kosten? Wie können wir als Gesellschaft wehrhaft werden und bleiben, allen anderen Anforderungen zum Trotz? Eintritt frei
Mittwoch, 11. Februar 2026, 20 Uhr
Kulturzentrum Merlin Stuttgart
Buchvorstellung, Lesung, Gespräch
Gilda Sahebi: „Verbinden statt spalten. Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung“
Eine Veranstaltung von Netzwerk Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie in Kooperation mit dem Kulturzentrum Merlin.
Die deutsch-iranische Schriftstellerin und Journalistin Gilda Sahebi stellt im Merlin ihr aktuelles, im S. Fischer Verlag erschienenes Buch vor: „Verbinden statt spalten. Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung“. Die „Spiegel“-Bestsellerautorin ist eine publizistische Größe und wichtige Stimme in der Bundesrepublik, auf Instagram hat sie 120.000 Follower. Sie schreibt für große Magazine und ist auch regelmäßig Gesprächspartnerin im Fernsehen.
In ihrem neuen Buch zur Politik der Spaltung und Polarisierung hierzulande räumt die renommierte Journalistin und Autorin Gilda Sahebi mit gängigen Mythen und Fake Facts auf. Wer heute in die deutsche Gesellschaft schaut, könnte denken: Es ist ein Land voller Drama, Gegeneinander und Spaltung. Dass dies so sei, ist eine Erzählung, die politisch generiert und medial verstärkt wird. Gilda Sahebi entlarvt sie als Lüge, als Herrschaftsinstrument autoritärer Kräfte. Das zeigt sie an den einschlägigen Debatten um Sozialleistungen, Migration, Gendern und Wokeness, Krieg und Frieden sowie Corona. Studien zeigen immer wieder: Im eigenen Leben sind Menschen viel öfter zufrieden; sie helfen und unterstützen einander, suchen Verbindung, nicht Hass. Was kann man tun, um der Propaganda keinen Raum im eigenen Leben zu geben?
Ausnahmsweise müssen wir diesmal Eintritt verlangen, die Veranstaltung läuft im Rahmen von Gilda Sahebis Lese-Tour – auf Wunsch haben wir den Abend organisiert, das Merlin tritt dankenswerterweise als Veranstalter auf.
Hier geht es zum VORVERKAUF