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2578. Depesche
27. November 2025

2579. Depesche

Willkommen!

Liebe Besucher:innen, nach vier Wochen Pause habe ich mich wieder aufgerafft, eine Homepage-Kolumne zu schreiben: die Nummer 13, ausgerechnet. Als Spaziergänger war ich zuletzt ein ziemlicher Ausfall, aber etwas Bewegung war dennoch in meinem Leben:

Joe Bauers kleine Website Story
EIN STEIN
AM STUTTGARTSTRAND

Den politischen Vorwurf, in meiner „Blase“ zu leben, habe ich unzählige Male gehört. Dann habe ich erfahren, warum es unter Umständen schmerzhafter ist, mit seiner Blase zu leben. Diese Bemerkung als kleine Warnung, weil ich mich in dieser Kolumne keinem besonders appetitlichen Thema widme.

Bei der Besichtigung der neuen Hugendubel-Filiale neulich in der Königstraße habe ich mit Freude entdeckt, dass Stephen Kings Buch „Das Leben und das Schreiben“ bei Heyne in neuer Version erschienen ist. Vor 25 Jahren wurde es erstmals bei uns veröffentlicht. Ich habe es sofort verschlungen. Und als ich später an der Medienhochschule in Stuttgart-Vaihingen als sogenannter Lehrbeauftragter für irgendwas mit Journalismus mein Unwesen trieb, ging ich damit bei den Studierenden hausieren. Das sehr gut zu lesende Buch enthält einerseits autobiografische Geschichten, andererseits Ratschläge fürs Schreiben, und ich habe keine Hemmung, es eine Stilfibel zu nennen (mein Korrekturprogramm kennt diesen Begriff nicht).

Die Frage, was Stephen King mit meiner Blase und meiner Warnung vor Unappetitlichkeiten zu tun hat, ist schnell beantwortet. Einmal schreibt er über die Notwendigkeit präziser Sprache: „Schwören Sie hier und jetzt feierlich, dass Sie niemals ‚Vergütung‘ sagen werden, wenn Sie ‚Trinkgeld‘ meinen, und dass Sie nie sagen werden John hielt an, um einen Ausscheidungsakt zu vollführen, wenn Sie meinen John hielt an, um zu scheißen.“ (Fettschrift wie im neuen Buch)

Also werde ich hier nicht sagen, man habe neulich gleichzeitig einen Katheter und eine Schiene in meine Harnröhre transferiert. Vielmehr wurden mir bei Vollnarkose ein Schlauch und eine Art Draht in meinen einzigen Schwanz und was weiß ich wohin geschoben. Wie eine Sprengladung in eine Kanone. Als ich aus der Betäubung erwachte, hing dieser Schlauch aus der Öffnung meiner blutigen Eichel; er führte in einen Beutel zwischen meinen Beinen. Eine neue Erfahrung. Als ich, noch in der Horizontalen, dem Arzt sagte, ich müsse dringend pissen, antwortete er, ich könne es ungeniert laufen lassen. Da hatte ich Sinn und Zweck von Schlauch und Beutel noch gar nicht begriffen. War ja unter Drogen.

Man hatte mich an einem Freitagmorgen in die Urologie des Stuttgarter Klinikums bestellt, um ambulant einen Nierenstein zu entfernen. Am Nachmittag sollte ich wieder zu Hause sein. Nach der „Aktion“ (O-Ton Arzt) sagte man mir, es habe „Komplikationen“ gegeben, meine Blase habe geweitet werden müssen, deshalb der Katheter. Deshalb habe ich bis Montag in der Klinik zu bleiben. Dieses Urteil nahm ich widerspruchslos an – und schicke voraus, dass ich im Krankenhaus zu jeder Zeit von sehr aufmerksamen Menschen aus aller Welt sehr gut behandelt wurde. Auch dann, wenn es nötig war, an meinem Schwanz herumzufummeln: ein Übergriff, der womöglich Schmerzen auslöst, wenn man in Wahrheit gar keine hat. Ich bitte, diese Analyse nicht mit dem Phantomschmerz zu verwechseln.

Und jetzt die gute Nachricht: Der Nierenstein ist raus. Ein Glücksfall, vermutlich auch das Ergebnis filigraner Operationsartistik, denn dieses Scheißding, 6 x 3 Millimeter klein, lässt sich oft nicht im ersten Versuch entfernen. Der Delinquent muss dann einige Wochen mit der Harnröhrenschiene in seinem Körper herumeiern und sich anschließend für einen zweiten Eingriff auf die Pritsche legen.

Nun erwarte ich nicht, dass mein Bulletin hier irgendjemand für Wohlfühllektüre hält. Ich kenne auch die Regel, dass ein Schreiber seine Befindlichkeiten gefälligst für sich behalten soll, weil etwa ein Hinweis auf Zahnschmerzen nur als Rechtfertigung für seinen nichtsnutzigen Text verstanden werde. Andrerseits gibt es aus meinem sozialen Blasenleben gerade nichts Neues zu berichten. Und mich wie die vielen Weltendeuter über Trumps 28-Punkte-Plan im Fall Ukraine/Russland auszulassen, halte ich im Sinne des geschätzten Herrn von Clausewitz für abseitig.

Den Nierenstein spürte ich erstmals heftig während meines Besuchs der Linken Literaturmesse Ende Oktober/Anfang November in Nürnberg. Ob ein psychosomatischer Zusammenhang besteht, kann ich nicht sagen. Im Übrigen hatte ich keine Ahnung von einem Stein, nur kolikartige, Ibu-resistente Schmerzen im Rücken, worauf mir eine Notärztin sagte, es handle sich um eine Muskelverhärtung. Tatsächlich war ein Knoten in der Hüftknochengegend zu spüren. Wieder zurück in Stuttgart, dauerte es einige Tage, bis mich ein Arzt zum Urologen schickte. Den Nierenstein-Beweis lieferte die Radiologie.

Lustigerweise wurde mir von verschiedener ärztlicher Seite gesagt, ich könne den Stein eventuell auf „konservative Weise“ loswerden: viel bewegen, vor allem hüpfen, noch mehr trinken. So wäre ein Abgang durch Blase, Harnleiter und so weiter möglich. Also rannte ich durch den Schlossgarten, hüpfte Stuttgarter Staffeln hinunter, sprang von Mauern und noch nicht weggeräumten Biertischen – immer in der Hoffnung, deshalb nicht in der Klapse zu landen. Ich kippte wie blöd Flüssigkeiten in mich rein: Wasser, Nieren-Blasen-Tee, Brennnesseltee. Das interessierte den Stein jedoch einen Scheiß, und mir fiel ein, wie ich in den friedensbewegten Achtzigern ein Lied der Bots der Blase der Weichhirne zugeordnet hatte: „Das weiche Wasser bricht den Stein“. Dummes Zeug.

Ein Nierenstein ist ein Rolling Stone, und wenn er wandert, dann gute Nacht.

In den Tagen, vor allem Nächten im Klinikum wurde ich in regelmäßigen Abständen von sogenannten Katheterkrämpfen heimgesucht. Die tun weh. Dagegen hilf nichts. Das Krankenhaus an sich deprimierte mich nicht, da ich einer früheren Phase meines Lebens etliche stationäre Erfahrungen gemacht hatte, vom Stuttgarter Marienhospital bis zum Lenox Hill Hospital in New York. Und als ich in Rückenlage herumhing und wie ein Bekloppter auf mein Taschentelefon stierte, um die Zeit totzuschlagen, kam mir ein Gedanke:

Als Patient wirst du dir deiner Verletzlichkeit bewusst, und als alter Mann meine ich nicht diese Altersangst, die Philip Roth in seinem Roman „Jedermann“ mit dem berühmten Satz beschreibt: „Das Alter ist kein Kampf; das Alter ist ein Massaker“. Ein Nierenstein kann auch einen jungen Menschen plagen. Manchmal, nachdem wieder ein Krampf eingesetzt und ich Luft geholt hatte, dachte ich mir: Wenn du hier flachliegst, können dich dann noch Trumps 28-Punkte-Plan, des Kanzlers Spießerprobleme mit Angola-Brot oder die kackbraune Propaganda der AfD so sehr in Gang bringen, dass du an eine andere „Aktion“ denkst als die auf dem OP-Tisch?

Diese Frage betrachte ich keineswegs als meine Privatsache. Vielmehr denke ich an Leute, die eine Menge Schwierigkeiten im Leben haben. Weil sie keinen Platz für ihr Kind in einer Kita finden, weil sie ihre Miete nicht mehr bezahlen können, weil sie ihren Job verloren haben, weil sie gesundheitlich weit schlimmer angeschlagen sind als einer mit Privatversicherung und Nierensteinchen. Wie willst du von verletzten Menschen verlangen, genügend Kraft aufzubringen, um sich für eine demokratische Lebensweise zu engagieren? Da liegt doch der Schrei nach dem „Systemwechsel“, wie ihn die Rechtsextremen und ihre Partei anstreben, viel näher.

Dazu eine Veranstaltungsempfehlung: Am 3. Februar wird in der Reihe „Gesprächsstoff“ im Stuttgarter Renitenztheater dieses (noch etwas umständlich formulierte) Thema diskutiert: „Demokratie am Limit: Partizipation am Rande der Erschöpfung“. Bühnengast ist u. a. die Philosophin Amrei Bahr von der Stuttgarter Uni. Auszug aus der Ankündigung: „Wer kann Demokratie und Gesellschaft politisch oder aktivistisch mitgestalten – und wer bleibt dabei auf der Strecke, weil Beruf, Sorgearbeit, Krankheit oder anderes die volle Aufmerksamkeit und die gesamte zur Verfügung stehende Zeit kosten? Wie können wir als Gesellschaft wehrhaft werden und bleiben, allen anderen Anforderungen zum Trotz?“

Damit Schluss mit dem Krankenbericht. In Erinnerung an meine jüngste Kolumnensammlung „Einstein am Stuttgartstrand“ nenne ich ihn „Ein Stein am Stuttgartstrand“. Inzwischen hänge ich nicht mehr am Schlauch. Zwei Frauen kamen in mein Zimmer. Eine hielt meine Hand, die andere zog kompromisslos die Fremdkörper aus meinem Leib, während es mir nicht gelang, einen Weichei-Schrei zu unterdrücken. O fuck, Bloody Mary!
Nun aber marschiere ich, die Hand am Sack, zum Plattenregal, greife mir Jimi Hendrix’ Album Are You Experienced und höre mit geballter Faust den für mich besten Song der Welt: STONE FREE.

Flaneursalon live
Weil bald Weihnachten ist, empfehle ich als kleines Weihnachtsgeschenk Karten für den Flaneursalon am Mittwoch, 4. Februar in der Rosenau. Es gibt sicher Menschen, die sich über ein Wiedersehen mit Flaneursalon-Gast Gottfried Breitfuß freuen werden. Der österreichische Schauspieler und Liedersänger hat früher u. a. einige Jahre am Stuttgarter Staatstheater gespielt, bevor er ans Schauspielhaus Zürich wechselte. Unvergessen seine Auftritte zusammen mit Ernst Konarek in der mobilen, vom Staatsschauspiel produzierten Tragikomödie „Indien“, die oft auch in der Rosenau aufgeführt wurde. Im Flaneursalon tritt er zusammen mit dem Stuttgarter Pianisten Peter Weilacher auf. Außerdem auf der Bühne: Cemre Yilmaz & Friends mit sehr schönen Songs. Link zu Infos & Tickets.

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