Willkommen!
Liebe Treue, am Samstagnachmittag, ich kam gerade aus der Stadt, war mir auf einmal danach, ein paar Zeilen zu schreiben. Ich hatte so etwas wie ein schlechtes Gewissen, und deshalb wieder hier und heute:
Meine kleine Website Story
EIN FRESSEN FÜR DIE GEIER
Seit einiger Zeit, was immer das heißt, hab ich keinen Text mehr getippt, der nicht irgendwie als Bekanntmachung diente. Als Ankündigung von Veranstaltungen, meistens politischen. Mehr und mehr bin ich zu einer Verlautbarungsmaschine geworden. Und weil ich immer wieder politische Sachen organisiere oder an der Organisation dieser Sachen beteiligt bin, ist mein Hirn womöglich auf Amtsblattformat zusammengeschrumpft.
Das ist nicht besonders lustig, wo es doch eigentlich darum gehen müsste, über die milliardenschwere Sanierung der Stuttgarter Staatsoper zu diskutieren, während dem deutschen Verteidigungsminister in Texas ein brandneuer Kampfjet vom Typ F-35A aus einer milliardenschwere Flotte übergeben wird. Der SPD-Minister Pistorius, in Fachkreisen als Pistolius bekannt, sagte anlässlich dieses feierlichen Akts im Dienste des Weltfriedens, der sagenhafte Flugkörper sei wegen seiner besonderen Fähigkeiten „Sensor und Schaltzentrale im Luftkrieg von morgen“. Voll Top Gun.
Da im Fall der F35-A auch was mit Atomwaffen geht, wird der morgige Luftkrieg nicht allzu lange dauern. Weshalb es umso unsinniger erscheint, sich vroher noch über Umbau, Neubau und Ersatzbau eines Opernhauses zu streiten. Angesichts der Weltlage klänge es ziemlich operettenhaft, sich über Dreh- und Kreuzbühnen zu unterhalten, während die letzte Messe in der Luft gesungen wird.
Das Absurde nimmt in diesen Zeitenwende-Zeiten überhand, und umso absurder kommt es mir gelegentlich vor, etwas dagegen zu tun. Gerade so, als könnte man beim Joggen im Wald dem Tod davonrennen. Auffällig ist, dass zurzeit Jogging-Formationen in Armeestärke mitten in der Stadt erschreckend zunehmen. Manchmal machen sie so viel krachenden Lärm, dass du unweigerlich in Deckung gehst, weil du mit einem Luftangriff rechnest. In Wahrheit sitzt ein DJ im Lastenrad. Der Lauf in der Menge hat weniger mit der Angst zu tun, sich allein auf die Straße zu trauen, als mit der Verlockung, Rudel-Joggen könne Kontaktbörsen und Dating Apps ersetzen. Dem Vernehmen nach rechnet man bei diesen Massenbewegungen in der Innenstadt mit nachhaltigen erotischen Zusammenstößen. Road to Love. Highway to Hell. Das erinnert an die Möhre, die man dem Esel vors Maul hält, damit er ergeben vor sich hin trottet.
Ein Esel in der Hoffnung, im Vorwärtsgang was zu schnappen, war ich selbst jahrelang. Man hielt mir zwar keine Möhre vor die Nase, immerhin aber trieb mich die Aussicht vorwärts, irgendwo auf der Strecke etwas Verwertbares aufzuschnappen. Etwas, das sich – gut durchgekaut – zu einer Zeitungskolumne in meinem Dasein als berufsmäßiger Stadtspaziergänger verarbeiten ließe. In all den Jahren ist es mir insofern gelungen, als ich dafür ein Gehalt erhielt, der so hoch war, dass ich heute von meiner Rente leben kann.
Inzwischen allerdings fällt es mir schwer, wie früher unterwegs die Gedanken fliegen zu lassen oder gar vor lauter Gedankensprüngen die Balance zu verlieren. Das liegt nicht an meinem Alter, eher an diesen lebensermüdenden Dingen im Kopf, die ich für lebenswichtig halte. Dinge, die mit organisatorischem Krempel zu tun haben. Die den Nerv der Fantasie töten und einen daran hindern, sich wie Münchhausen auf eine Kanonenkugel zu setzen. Warum ich auf den Lügenbaron komme? Wegen Pistorius? Nein, weil ich Münchhausen neulich im Filmpark Babelsberg begegnet bin. Die Filmstudios stehen übrigens nur deshalb auf dem Land in Babelsberg, weil die Feuerwehr Anfang des 20. Jahrhunderts die Bosse bat, das Geschäft der bewegten Bilder nicht länger in der Berliner Chausseestraße zu betreiben. Seinerzeit verwendete man Nitrafilm (Celluloid auf Nitrozellulose-Basis), dieses Zeug war extrem leicht brennbar und janz Berlin deshalb in Feuergefahr. Brandschutz ist keine linksgrünversiffte Erfindung.
Und schon sind wir wieder bei diesem politischen Kram, den ich eingangs erwähnt habe. Tatsächlich sagt mir mein Gewissen, von dessen Beweggründen ich nicht viel weiß, es sei meine Pflicht, zu tun, was man tun muss. Dummerweise weiß niemand genau, was das sein soll. Sicher ist nur, dass ich denke, dass das Nichtstun allen Arschlöchern dieser Welt erlaubt, alles zu tun, was sie wollen. Nun habe ich nur wenige historische Anhaltspunkte, dies ließe sich tunlichst verhindern. Denn niemand wird mir eine F35-A übergeben, nicht mal dann, wenn ich in Texas als Soze vom Schlag Pistolius durchginge.
Heute bin ich zwar immer noch Tag für Tag einige Kilometer zu Fuß in der Stadt unterwegs, aber eher wie ein routinierter Schrittmacher am Rande des Gewimmels, weniger wie ein Suchender oder Hanns Guck-in-die-Luft. Vor der Staatsoper steht ein Werbeschild mit der Aufschrift „Der Abend gehört den Neugierigen“. Als ich das lese, schmerzt mich die Botschaft, weil ich weiß, dass sich meine Neugier mittlerweile in Grenzen hält. Ein Grund dafür könnte sein, dass mir gegenwärtig das Offensichtliche gefährlich genug erscheint. Da braucht es für den nächsten Kick keine Geheimnisse, die mit Neugier zu lüften wären.
Wenn der Kapitalismus angefressen ist beziehungsweise sich selbst und seine Opfer ein Stück weit aufgefressen hat, dann wird es ungemütlich. Dann werden Menschen, die so gut wie nichts vom großen Fressen abbekommen haben, wütend und zornig, dann wittern die Rechten von ganz rechts Morgenluft und tun so, als seien sie das Allheilmittel gegen das Gefressenwerden. Diese Nummer funktioniert ziemlich einfach, weil es nicht schwer ist, den Angefressenen mit einer Moped-Ausfahrt, einem Grill voll Gratiswürsten und einem Sack voll Hetze mit breitem Grinsen ins Gesicht zu sagen: Na, hast du es jetzt gefressen? Ja, sagen die, und hauen dem nächstbesten Noch-mehr-Angefressenen in die Fresse, weil sie die wirklich großen Fresser ja gar nicht kennen. Ihnen nie begegnet sind. So einfach ist das.
Die Parole „Gegen rechts“ ist sicher nicht falsch, nimmt aber meist nur die eine Partei ins Visier, die sich das Fressen für die Geier ergaunert. Nun weiß niemand genau, mit welchen Mitteln diese Pest erfolgreich zu bekämpfen wäre, und so bleibt uns Losern nur der Appell, und zusammenzutun. Um zusammen was zu tun. Diese Allerweltsweisheit vor Augen, geht die Organisiererei schon wieder los. Dann orgelst du auf der Orga-Tastatur herum und hoffst, irgendwo zwischen den vielen arglosen und dummen Nichtstuern ein paar gescheite und brave Tu-was-Tuer zu finden, die noch nicht bis zum Abwinken von Wut und Zorn oder Unbedarftheit und Gedankenlosigkeit durchgeorgelt wurden. Das ist nicht unbedingt die große Oper in einem Leben, das endlich ist.
Noch aber ist die Messe nicht gesungen.
Und jetzt zu einer bevorstehenden Veranstaltung, die mir sehr wichtig ist:
Netzwerk Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie:
Sonntag, 27. September 2026
Württembergischer Kunstverein Stuttgart
Beginn: 17 Uhr
Öffentliches Treffen: Der Ratschlag
Was können wir – NOCH – tun gegen rechts?
Eintritt frei
Mit:
Jakob Springfeld, junger Aktivist und Autor aus Zwickau/Sachsen, der u. a. den Bestseller „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert“ veröffentlicht hat. Untertitel des Buchs: „Warum das Erstarken der Rechten für uns alle eine Bedrohung ist“.
Katja Sternberger, Institut für Rechtsextremismusforschung der Uni Tübingen (Irex).
Volker Lösch, Regisseur und Aktivist, lange am Staatstheater Stuttgart tätig und vielen noch als wortgewaltiger Aktivist gegen Stuttgart 21 bekannt.
Kerstin Müller, Leuchtlinie, Fach- und Beratungsstelle für Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Baden-Württemberg. Sitz in Stuttgart.
Karimael Buledi,Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), Legal Café Cannstatt
Musik: Ekkehard Rössle (Saxophon)
Auch das Publikum kommt zu Wort
In Kooperation mit der Kontext Wochenzeitung und der Initiative Die AnStifter