Willkommen!
Liebe Besucherin, lieber Besucher, gewissermaßen aus aktuellem Anlass habe ich ein paar Notizen über alte Zeiten zusammengestellt. Zuvor aber noch kurz der dringend notwendige Werbeblock:
FLANEURSALON LIVE
Open Air am Freitag, 12. Juni,
im Wirtshausgarten der Ratze
Eric Gauthier & Nadia Krasnovid und Cemre Yilmaz & Friends machen in diesem Sommer Musik bei unserem Flaneursalon am Freitag, 12. Juni, im Garten der Ratze am Raichberg. Außerdem auf der Bühne: Kabarettist Jess Jochimsen aus Freiburg. Beginn 19 Uhr. Essen: 16.30 Uhr bis 18 Uhr. Reservieren kann man per Mail: ratzestr@gmail.com
Zum letzten Gefecht
Zurzeit wird im Nationalheldenformat Udo Lindenbergs runder Geburtstag gefeiert. Am 17. Mai wurde er 80 Jahre alt, womöglich ein kleines biologisches Wunder. In den Siebzigerjahren und bis in die Achtziger hinein war ich großer Lindenberg-Fan. Dieser Mann mit seinen Liedern in deutscher Sprache war als Texter, Performer und politisch befruchteter Nuschler was Neues in der Republik. Regelmäßig hörte ich nächtelang seine Songs: „Cello“, „Der Malocher“, „Straßenfieber“ und so fort.
Als junger Zeitungsfritze habe ich ihn öfter getroffen, was seinerzeit völlig unkompliziert war. Einmal, Anfang der Achtzigerjahre, besuchte ich ihn in einem Hotel vor seiner „Odysee“-Show in der Böblinger Sporthalle (die es heute nicht mehr gibt). Als ich an seiner Zimmertür klopfte, meldete er sich sofort: Komm rein, ist offen. Drinnen lag er in Klamotten auf dem Bett und telefonierte. Er unterbrach kurz, hielt den Hörer zu und sagte: Sorry, ich hab da gerade ein Problem, sie wollen meine Schwester entführen und mich erpressen. Aber behalte es für dich. Ehrensache, sagte ich. So war das damals.
Die frühen großen Lindenberg-Shows habe ich alle besucht, etwa 1979 die von dem Theater- und Filmregisseur Peter Zadek inszenierte „Dröhnland-Symphonie“, 1983 dann „Udopia“ usw. Irgendwann wurde nicht nur Lindenberg älter, sondern auch ich, und dann hörte ich nur noch selten seine Songs. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass ich die schlechtes Erlebnisse einer etwas wilden Ära hinter mir lassen wollte, auch wegen der, speziell für mich, extrem gefährlichen Abstürze, die ich vollständig erst 2007 einstellte (konsequent bis heute).
Im Mai 2023 starb Harry Belafonte, und sein Tod erinnerte mich noch einmal an ein unvergessliches Ereignis 40 Jahre zuvor im Palast der Republik, Ostberlin. In einer Kolumne für die Kontext:Wochenzeitung erwähnte ich damals neben Harry Belafonte und anderen Dingen auch das DDR-Kapitel. Für meine Homepage habe ich diesen Textauszug jetzt ein wenig verändert und ergänzt.
Im Herbst 1983, während der Proteste gegen den Aufrüstungswahn in Ost und West, war es eine politische Sensation, als der westdeutsche Rockstar Udo Lindenberg zum Festival für den Frieden der Welt in den Palast der Republik eingeladen wurde. Zuvor, nach langer erfolgloser Bettelei um eine DDR-Tournee, hatte er Erich Honecker mit der Hymne „Sonderzug nach Pankow“ ein Denkmal im Rock-’n‘-Roll-Gewerbe gesetzt: „Erich, ey, bist du denn wirklich so ein Schrat / warum lässt du mich nicht singen im Arbeiter- und Bauernstaat …“
Weil ich damals schon ein paar Interviews mit Lindenberg gemacht und vermutlich keinen üblen Eindruck hinterlassen hatte, ließ mich der badisch-hessische Konzertmanager Fritz Rau, ein international erstklassig vernetzter Impresario, an der DDR-Expedition teilnehmen. „Der Schwabe darf mit“, sagte er. So landete ich als 29jähriger Provinzler, ordnungsgemäß akkreditiert und mit großen Augen, am 25. Oktober 1983 im Palast der Republik, Ostberlin.
Von den Stuttgarter Nachrichten, für die ich damals als Redakteur im Feuilleton arbeitete, war ich noch mit einem zweiten Thema beauftragt worden. Am Tag nach dem Friedensfestival spielte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation gegen die Türkei, und diese Partie in Berlin ist nicht aus sportlichen Gründen in die Geschichte eingegangen. Im Vorfeld hatten Neonazis bundesweit mit rassistischen Hetzparolen zur Gewalt gegen türkische Menschen und Einrichtungen in Berlin aufgerufen. Nicht nur die Polizei, mit einem ungewöhnlich großen Aufgebot im Einsatz, auch zivilgesellschaftliche Initiativen aus linken Stadtteilen wie Kreuzberg organisierten in jenen Tagen den Schutz der Bedrohten.
Am Ende blieb die Eskalation aus (und das DFB-Team um Kapitän Karl-Heinz-Rummenigge gewann 5:1). Die Stimmung in Berlin allerdings sagte schon 1983 eine Menge über eine politische Entwicklung voraus, die wir heute nicht nur auf den Straßen zu spüren bekommen. Die Kontinuität des Wiederaufstiegs der Rechtsextrfemen in Deutschland wollten die meisten damals nicht wahrhaben. Daran hat sich bis heute wenig geändert.
Als ich meinen Bericht über die Stimmungsmache der Neonazis gegen die türkische Bevölkerung und die antifaschistischen Reaktionen der Menschen in Berlin per Telefon aus dem Pressezentrum des Palasts der Republik an die heimische Redaktion durchgeben wollte, gab es ein kleines Problem. Es war nicht möglich, Nummern in der Bundesrepublik zu erreichen. Verbindung existierte nur nach Westberlin. Ein dort arbeitender Journalist, den ich kannte, half mir aus der Patsche: Ich solle rasch seine Frau in Westberlin anrufen, die wiederum solle die Stuttgarter Nachrichten benachrichtigen, dass es möglich sei, das Ostberliner Pressezentrum anzurufen. Dieser Trick funktionierte tadellos.
Die Bilder vom Festival für den Frieden der Welt, dieser im Westen weitgehend als „Propaganda-Show“ kritisierten Revue mit vielen Künstler:innen, sind bekannt: Draußen vor dem Gebäude skandierten junge Menschen „Wir wollen rein“, „Wir wollen Udo“, drinnen saßen FDJ-Blauhemden und SED-Funktionäre. Es ging an diesem Abend unter anderem gegen die US-Pershings und, dank Lindenbergs Statements auf der Bühne, auch gegen die SS 20 der Sowjets (womit weitere Tourneepläne für das Panik-Orchester gestorben waren). Als nach etlichen Fehlversuchen endlich ein FDJ-Zögling im Saal bereit war, mit mir zu reden, sagte er: „Ich möchte das Ganze wie Lenin sehen. Um den Frieden zu verteidigen, muss man sich notfalls auch mit dem Teufel zusammentun.“ Klare Sache.
Im Übrigen war ich seinerzeit nicht dogmatisch DDR-feindlich, vielmehr hoffte ich wie viele andere auf ein einigermaßen gutes Zusammenleben zwischen West und Ost mithilfe einer vernünftigen Diplomatie. Einer Diplomatie, wie es sie heute nicht mehr gibt.
Publikumsliebling der bizarren Friedensparty mit internationalen Künstlern war allerdings nicht Udo Lindenberg mit seiner Lederhose, sondern Harry Belafonte. Der große US-amerikanische Sänger und Schauspieler, dieser verdienstvolle, großzügige und charismatische Aktivist der Bürgerrechtsbewegung wurde als wahrer Held im Saal gefeiert. Als im Finale der Show alle Mitwirkenden im Chor „We Shall Overcome“ anstimmten, setzte sich Uns Udo mit feinem Gespür für die Lage im Hintergrund ans Schlagzeug: „Er trommelt zum letzten Gefecht“, tippte ich in meine Reiseschreibmaschine. Lindebergs eigener Auftritt hatte nur fünfzehn Minuten gedauert.
Jahre später erzählte mir sein Gitarrist Hannes Bauer, der eine Zeitlang wegen einer Liebe in Schorndorf lebte, wie sich die Musiker des Panik-Orchesters hinter den Kulissen gewaltige Joints reinzogen. Die Stasi-Schnüffler in „Erichs Lampenladen“, wie der Palast der Republik in der DDR genannt wurde, sahen zu und atmeten tatenlos durch.
Die Rauchzeichen des Weltfriedens sind längst verweht. 2006 ließen die deutschen Herren mit historisch gut geübter Brutalität und ohne Sensibilität für die Menschen im Osten und die Geschichte den Palast der Republik abreißen.
Als Erinnerung bleibt uns ein Vergnügungsort im fernen Stuttgart. 1989, im Jahr des Mauerfalls, wurde im Zentrum der Stadt eine Kneipe eröffnet. Ihr Name: Palast der Republik. Das Gebäude: eine ehemalige öffentliche Toilette.
SONG: Straßenfieber