Joe Bauer
  • Bauers Depeschen
    • Archiv
  • Joe Bauers Flaneursalon
    • Kritiken
  • Termine
    • Archiv
  • Die Künstler*innen
  • Impressum
    • Datenschutz
✕
2580. Depesche
11. März 2026

2581. Depesche

FLANEURSALON MIT VINCENT KLINK
IM TANGOLOFT: VORVERKAUF IST ERÖFFNET

Der Sterne-Koch, Schriftsteller und Musiker Vincent Klink geht eigentlich nicht mehr auf Live-Bühnen. Jetzt macht er eine Ausnahme: Am Sonntag, 10. Mai, ist er Gast im Flaneursalon, der erstmals im Tangoloft in der Hackstraße stattfindet. Ein kleiner, feiner Ort. Musik machen Eva Leticia Padilla & Dany Labana Martínez und Stefan Hiss. Hier der Link zu den KARTEN

Willkommen!

Liebe Besucherin, lieber Besucher, die Beinarbeit funktioniert wieder. Zeit für eine neue Homepage-Kolumne:

Meine kleine Website Story
DIE TOTEN AUGEN VON STUTTGART

Fast täglich durchquere ich die Klettpassage und schlage mich auf dem Trampelpfad entlang der Zäune an der Stuttgart-21-Baustelle über den Wullesteg zum Kernerplatz durch. Besonders erregend ist die Strecke in der Dunkelheit, wenn hinter eisernen Gittern die sogenannten Lichtaugen des neuen, noch sehr unterirdischen Bahnhofs auftauchen. Grau und unheimlich starren sie in eine Chaoslandschaft. Ich habe sie Die toten Augen von Stuttgart getauft. In ihrem Umfeld ist in schwarzen Lettern auf Containern das Wort „Seele“ zu lesen, als hätte dieses Territorium stadtplanerischer Abgründe ein Eigenleben. „Seele“ aber heißt das Bauunternehmen, das die Dinger herstellt.

In meinem Alter erinnert man sich noch an die deutsche Edgar-Wallace-Verfilmung „Die toten Augen von London“, in der Joachim „Blacky“ Fuchsberger 1961 die Hauptrolle als Inspektor Larry Holt spielt. Fuchsberger wurde 1927 als Sohn einer Familie geboren, die in Zuffenhausen lebte, vier Jahre bevor die Gemeinde von Stuttgart okkupiert wurde. Als er 2014 im bayerischen Erholungsort Grünwald starb, hatte sich das Elend der Stuttgarter Lichtaugen und der Niedergang der Autoindustrie schon abgezeichnet.

Zuffenhausen war seinerzeit als Firmensitz von Porsche viel populärer als Stuttgartselbst, vor allem in den USA. Unser schwäbisches Hauptstadtdorf wurde meist nur von Old-Germany-Touris als „Capitol of the Black Forest“ wahrgenommen. Erst einem OB, der aus Backnang kam, blieb es vorbehalten, den Kessel als „das deutsche San Francisco“ auszurufen. Heute spielt der Porsche aus der Schwarzwald-Hauptstadt keine so große Rolle mehr. Vorbei die Zeit, als er von Janis Joplin besungen und als Nachweis für den guten Geschmack einer Gangsterbraut in Brian De Palmas Mafia-Film „Scarface“ gleich serienweise aufgefahren wurde.

Das weltberühmte Zuffenhausen wird immer wieder auch als Geburtsort des großen Sozialphilosophen Max Horkheimer genannt. Tatsache ist, dass er dort als Sohn einer jüdischen Fabrikantenfamilie aufgewachsen ist. Das Licht der Welt aber erblickte er 1895 in der Stuttgarter Büchsenstraße 54. In dieser Straße waren von 1895 bis 1945 die Polizei und ein Polizeigefängnis untergebracht. Der Kerker wurde als „Büchsenschmiere“ berüchtigt, die Nazis demütigten und quälten dort Menschen, die nicht in ihr Weltbild passten. Horkheimer hat uns dankenswerterweise den Satz hinterlassen: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

Und jetzt gedankensprunghaft noch einmal zu Fuchsberger, der ebenfalls nicht, wie oft zu lesen ist, in Zuffenhausen geboren wurde. Sondern im Charlottenhaus in Stuttgart-Ost. Eigentlich interessiert das weltweit keine Sau, ich aber sage es allen, die mir erzählen wollen, Horkheimer sei in Zuffenhausen zur Welt gekommen.

Interessant an dem Zeug, das ich hier aufschreibe, ist für mich wie so oft das Rätsel, warum mir ständig so unterschiedliche Dinge durch den Kopf gehen, wenn ich herumgehe. One bullshit after another. An den toten Augen kann es nicht liegen. Ich trage Brille. Edgar Wallace’ Roman hieß im Original übrigens „The Dark Eyes of London“, der deutsche Film hingegen wurde mit dem englischen Titel „The Dead Eyes of London“ produziert. Und wenn ständig behauptet wird, im Angesicht des Todes sehe man nicht schwarz, sondern Licht, sollte man wissen, dass das Leuchten der Lichtaugen von Stuttgart unlängst wieder mal auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Ich werde also mit der Taschenlampe zu meinem letzten Spaziergang aufbrechen müssen.

Der Trampelpfad am Bahnhof ist oft die Endstrecke meiner kurzen Ausflüge. Bevor ich diesen Text hier geschrieben habe, war ich auf einem Abendgang durch die Königstraße. Jawohl, Abendgang. Ein schönes, korrektes Wort. Mehrere Trupps Jogger hechelten durch die Stadt, als wären sie auf der Flucht. Ein paar versprengte Demonstrierende hielten Schilder hoch mit Botschaften wie „Impfwahn Klimawahn Kriegswahn“. Und ein im höheren Schwäbisch geschulter Kampfredner aus dem geistigen Querschlägermilieu der Corona-Ära warnte davor, dass Kinder jetzt „Kriegerles und Mörderles spielen“ müssten. Eine These, die mir wenige Meter später bestätigt wurde: Im Schaufenster der Buchhandlung Thalia entdeckte ich zwei Pistolen. Allerdings erschienen sie mir nicht besonders kriegstüchtig. Als ziemlich tote Eyecatcher warben sie für Kriminalromane und die „Stuttgarter Kriminächte“. Anscheinend behalten Knarren auch im Zeitalter der Cyber-Verbrechen ihre literarische Faszination.

Ich gehe weiter und stehe vor einem Plakat des Philharmonia Chor Stuttgart, der ein Konzert im Weißen Saal des Neuen Schlosses ankündigt: „O die Frauen. Geliebt, verehrt und selbstbewusst – Musik und Text rund um das schöne Geschlecht“. Weil dieser Text selbst einem alten, weißen Mann wie mir suspekt vorkommt, bemühe ich noch auf der Straße die Künstliche Intelligenz als politisch-moralischen Beistand und erhalte Auskunft: „‘Das schöne Geschlecht’ ist eine veraltete, oft als sexistisch empfundene Bezeichnung für Frauen. Der Begriff stammt aus einer Zeit, in der Frauen primär über ihr Aussehen und ästhetische Attribute definiert wurden, während Männer als ‚erhaben‘ galten. Heute wird der Ausdruck kaum noch verwendet, da er als herabwürdigend und klischeehaft gilt.“

Während sich diese Sicht der Dinge schon bis Zuffenhausen herumgesprochen hat, wird man diese Angelegenheit in Stuttgart so betrachten, wie es sich im Weißen Saal eines Neuen Schlosses geziemt. Tote Seelen findest du bei uns nicht nur auf Baustellen. Und tote Köpfe sind nun mal etwas anderes als Totenköpfe.

Wie lebendig ich körpersprachlich daherkomme, wenn ich durch die Straßen gehe, kann ich nicht sagen. Immer wieder fällt mir eine Zeile aus Udo Lindenbergs uraltem Song „Cowboy-Rocker“ ein, die helfen könnte: „Und nun geht er ganz dicht an den Schaufenstern lang / Und überprüft darin seinen Cowboy-Gang …“ Leider gibt es kaum noch Gelegenheit, auf diese Weise meinen Gang zu checken: Vor den meisten Schaufenstern posen junge Menschen mit Handys, um Postings zu produzieren. Womöglich verkörpere ich den Untergang.

Der norwegische Weltenwanderer Erling Kagge berichtet in seinem Buch „Gehen. Weitergehen. Eine Anleitung“, wie Unterschiede in Bewegungsabläufen von Stimmungen abhängen: „Die Forscher fanden heraus, dass Menschen nach einem Kinobesuch anders gehen – je nachdem, ob der Film traurig oder lustig war.“ Jetzt würde mich interessieren, welche Haltung ich einnahm, nachdem ich neulich „Nouvelle Vague“ gesehen hatte. Richard Linklaters in Schwarzweiß gedrehter Spielfilm schildert die Entstehung von Jean-Luc Godards Meisterwerk „Außer Atem“. Vielleicht tänzelte ich wie der junge Boxer Jean-Paul Belmondo im Bebop-Rhythmus aus dem Kino, vielleicht bewegte ich mich entschieden demütiger. Einmal antwortet Belmondo (gespielt von Guillaume Marbeck) auf die Frage, wie es ihm gehe: „Schlecht. Ich bin sterblich.“ Da tränt selbst ein totes Auge.

Nebenbei trug ein Sartre-Zitat aus dem Film etwas zur Selbsterkenntnis bei: „Genialität ist keine Gabe, sondern der Ausweg aus verzweifelten Umständen.“ Vermutlich waren meine Umstände nie verzweifelt genug. Und die toten Augen, in die ich geschaut habe, nicht tot genug. Oder ich war einfach doof.

„Jeder Mensch muss den Widerspruch ertragen, sich als Mittelpunkt der Welt zu erleben“, hat Max Horkheimer gesagt, „aber genau zu wissen, dass er völlig überflüssig ist.“ So wäre es wohl das Beste, die letzte Strecke, die ich zu gehen habe, mit dunklen Augenringen in den Polstern von Lichtspielhäusern zurückzulegen. Im Kino fühlst du dich nie als Mittelpunkt der Welt, und auch nicht überflüssig, solange du deine Eintrittskarte bezahlst.

SONG: Frau Lehmann

Netzwerk Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie:

Freitag, 27. März, Stuttgarter Gewerkschaftshaus, 19 Uhr:
Podiumsgespräch und Diskussion über politische Repression:
DEMOKRATISCHES
ENGAGEMENT UNTER DRUCK

Eintritt frei

Angriffe gegen Aktivist:innen der Zivilgesellschaft in der Republik häufen sich: Überprüfung von mehr als 1200 Organisationen und Einzelpersonen auf ihre Verfassungskonformität, Verbot der Berufsausübung oder die Nichteinbürgerung kritischer Engagierter bis hin zum sogenannten Debanking, dem Entzug des Bankzugangs ohne juristische Begründung.

Moderation: Sebastian Friedrich, Autor, Journalist („Monitor“, „Der Freitag“)
Lisa Poettinger,
Aktivistin, in Bayern nicht fürs Lehramt zugelassen
Iris Dressler,
Co-Direktorin Württembergischer Kunstverein; der Institution wurden städtische Zuschüsse für das Symposium „Zur Kritik der Freiheit und ihrer Repression in liberalen Demokratien“ entzogen.
Ezra Abedrot, Bundesvorstand Rote Hilfe; der Initiative wurden Bankkonten gekündigt.
Anna Ohnweiler, Gründerin der Bewegung Omas gegen Rechts; die Initiative ist ins Visier rechter Politik geraten.
Einführung: Annette Ohme-Reinicke,
Soziologin, Netzwerk

Comments are closed.

  • Alles auf Anfang
  • Bauers Depeschen
  • Joe Bauers Flaneursalon
  • Termine
  • Die Künstler*innen
  • Kritiken
  • Impressum
  • Kontakt
  • Datenschutz

© Joe Bauer

Website Support 2006-2026
· AD1 media / Ralf H. Schübel ·