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2572. Depesche
19. Februar 2026

2573. Depesche

Willkommen!

Liebe Besucherin, lieber Besucher, es ist wieder so weit: Die neue Homepage-Kolumne aus der lohnfreien Hobby-Werkstatt ist angerichtet. – Den aktuellen Newsletter unseres Netzwerks Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie findet man in der 2572. Depesche – einfach oben unerschrocken den linken Pfeil anklicken.

Meine kleine Website Story
HANS SPUCK-IN-DIE-LUFT

Als ich neulich den Kühlschrank öffnete, war es drinnen dunkel. Mich verstörte das nicht sonderlich, weil ich seit einem Stromausfall kurz nach dem Einzug in mein heutiges Viertel mehrere kleine Taschenlampen an unterschiedlichen Plätzen in der Wohnung stationiert habe. Beispielsweise neben dem Fernseher, falls der Fernseher ausgeht, und neben dem Plattenspieler, falls ich die Plattenhülle nicht lesen kann. Man könnte bei unerwarteter Verdunklung natürlich auch die digitale Funzel des Taschentelefons einschalten, aber das ist mir zu unspektakulär. Offiziell heißt dieses Handy-Ding übrigens „Flashlight“, also anmaßend Taschenlampe. 

Fast noch besser als eine Taschenlampe ist im Notfall eine Kerze, weil sie den nervösen Katastropheneinsatz des Unterbelichteten ziemlich aufregend gestaltet: Womöglich findet er die Kerze, aber garantiert kein Feuerzeug. Jedenfalls nicht ohne Taschenlampe. 

Der dunkle Kühlschrank irritierte mich eigentlich nur, weil ich mich nicht erinnern konnte, dass je eine Glühbirne in einem meiner Kühlschränke ausgefallen war. Wenn früher der Kühlschrank dunkel blieb, war er hinüber. Tauwetter und tote Hose. Diesmal brachte eine neue Birne für 4,99 Euro wieder Morgenlicht in mein verdammtes Müslileben. Ich bin ein Nutznießer des Fortschritts. „Im Kühlschrank brennt noch Licht“, hat Udo Jürgens gesungen. Jim Morrison war cooler: „Turn out the lights.“

Meine verbale Lichtorgie könnte man ohne Häme als Verlegenheitseinstieg in meine Kolumne bezeichnen, wären erloschene Lichter in meinem Alter nicht weit symbolträchtiger als die Lichter, die in jüngeren Jahren viel öfter ausgingen. Seinerzeit konntest du nicht einfach mal schnell die Birne wechseln, schon gar nicht deine eigene. Da gab es Zeiten, da hab ich die Minibar von innen zugemacht, weil mich ihr Lichtschein beim Reinschauen schmerzhaft blendete. 

So gesehen ist es in meinem Leben gemütlicher geworden. Ich gehe mit leichtem Swing im Schritt durch die Straßen, schaue in den miesen Februarsiff und vergesse völlig, dass mich der Orthopäde gerade wegen entzündeter Lendenwirbel mit sechs langen Nadeln harpuniert hat. Am liebsten würde ich vor lauter Übermut sechsmal hintereinander in hohem Bogen auf die Straße spucken, traue mich aber nicht so richtig, seit ich im „Spiegel“ gelesen habe, was eine solche Aktion für Folgen haben kann. Beispielsweise in Heilbronn. 

Ja, richtig gelesen, in Heilbronn. Immer, wenn ich von dieser Stadt höre, fällt mir die Geschichte des deutschen Juden Emanuel Bronner ein. Er hieß einst Heilbronner, wie seine Eltern, die als Seifenfabrikanten in Heilbronn lebten. Als er vor den Nazis in die USA flüchtete, strich er nach seiner Ankunft sofort das „Heil“ aus seinem Namen. Später gründete er selbst eine Seifenfirma, heute ist sie unter dem Namen Dr. Bronner’s ein erfolgreiches Naturkosmetikunternehmen. Davon habe ich früher schon mal ausführlich berichtet, und bis heute verwende ich Dr. Bronner’s-Produkte, wie früher schon John Lennon. 

Im ganzen Leben war ich maximal zweimal in Heilbronn, und jetzt bin ich erstaunt, zu welcher Berühmtheit es diese Stadt zuletzt gebracht hat. Dass dort eine gewisse Kaputtheit im Weltformat herrscht, hat mir zwar mehrfach der aus Heilbronn stammende Schriftsteller Oliver Maria Schmitt erzählt. Der aber ist Satiriker und wohnt in Frankfurt am Main, weshalb ich seine Erfahrungsberichte nicht hundertprozentig ernst genommen habe. Ich hielt Heilbronn, obgleich als „Heilbronx“ bekannt, für überschätzt. Ein Denkfehler. Inzwischen ist mir klar: Du findest normalerweise keinen Zugang zur höheren Satire, wenn du nicht aus den Niederungen Heilbronns kommst. Berühmt aus dieser Stadt ist neben den Spuckgesetzen und Herrn Schmitt vor allem Heinrich von Kleists Käthchen von Heilbronn, während ich einen baden-württembergischen Innenminister namens Thomas Strobl als eher unpopuläres Knäbchen von Heilbronn kenne. 

„Der Spiegel“ listet auf, was „in Heilbronn gilt: Wer seinen Speichel auf dem Boden verteilt, muss 70 Euro zahlen. Es gibt hier sogar einen Begriff dafür: Wildspucken. Zigarettenkippen wegschnippen, 70 Euro. Hundekot liegen lassen oder an die Straßenecke pinkeln, 140 Euro. Obendrauf kommt noch die Bearbeitungsgebühr, 28,50 Euro.“

Die Strafen gegen Speichel-spuck-Verbrechen, wie wir sie sonst vor allem von Nicht-Heilbronner Fußballstars auf dem Platz kennen, sind eng mit den „Stadtbild“-Erkenntnissen eines deutschen Kanzlers aus dem Sauerland verbunden. Und für unsereinen mindestens so beunruhigend wie für einige Briten die Verhaftung des Bruders ihres Königs im Rahmen des Epstein-Skandals, auch wenn dieser Kerl die Menschheit nicht nur mit seinem Speichel beschmutzt hat.

Bedrohlich ist der Heilbronner Strafenkatalog für alle dann, wenn er sich beispielgebend durchsetzen sollte. Wird der Tatbestand „Einmal auf den Boden gespuckt“ in Zukunft auch bei uns in der Stadt mit siebzig Euro Strafe quittiert, bin ich innerhalb weniger Tage meine komplette Monatsrente los. Ich spucke ja weiß Gott nicht nur große Töne (um diese geniale Assoziation endlich loszuwerden). Tatsächlich bin ich ein leidenschaftlicher Hans Spuck-in-die-Luft – und nehme gelegentlich auch auf direktem Weg den Asphalt ins Visier. Dass ich anschließend mit meiner unauffällig schlürfenden Schuhsole die Spur zu verwischen versuche, wird kein Cop gelten lassen. 

Fasziniert hat mich in Filmen immer, wenn ein Western-Bandit die Überbleibsel seines ausgelutschten Kautabaks aus seiner etwas verdächtigen Steckbrief-Fresse in hohem Bogen durch die bleihaltige Luft in einen Spucknapf beförderte. Diese Nummer wirkte auf mich so gelungen wie ein Schuss zwischen die Augen. Und so scheint mir in meinem Fall der mobile, der tragbare Spucknapf die einzige Lösung, um aufgrund unerlaubter Speichelabsonderungen der Privatinsolvenz zu entgehen. 

Früher, als die Welt noch in Ordnung und auch schon zum Kotzen war, herrschte eine wahre Spucknapfkultur. In den USA galten sie in Saloons, Geschäften und Eisenbahnwaggons als Zeichen guter Manieren und intakten Gesundheitsbewusstseins. Überall standen diese kunsthandwerklich gefertigten Messinggefäße herum, in einer zivilisierten Gesellschaft unverzichtbare Reliquien wie Weihwasserkessel. Ein Priem war somit kein Problem. 

Auch in China waren einst Spucknäpfe üblich und hoch geschätzt. Nach der Revolution 1949 wurden diese sehr schönen Porzellantöpfe überall in der Öffentlichkeit platziert. Sie trugen wesentlich zur Hygiene und damit zur Überlegenheit des Kommunismus in der Welt bei. Erst als dieser Brauch von auswärtigen Medien verspottet wurde, ging in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts die große Epoche der chinesischen Spucknäpfe vorbei. Heute wissen wir, dass die Chinesen uns arroganten Europäern in jeder Hinsicht auf die Glatze spucken können. Niemand hatte das Recht, über ihre kostbaren Töpfe zu lachen.

Ich selbst gönne mir hin und wieder zur Feier des Tages eine kleine Prise Schnupftabak zum Kaffee: Virginia, weil ich den Kuhstallgeruch dieses Tabaks liebe, das allseits dominierende, meist aus Bayern stammende Mentholzeug dagegen hasse.

Unter jungen Menschen sind heute wegen des Rauchverbots Kautabak, tabakfreie Nikotinbeutel und die Oraltabak-Variante Snus ziemlich verbreitet, und nicht alles davon wird im hohen Strahl ausgespuckt; teilweise ist es so zubereitet, dass man es nach getaner Arbeit angeblich schlucken kann, ohne daran zu krepieren. Man muss heutzutage ja noch ganz andere Sachen schlucken. Und so sage ich euch: Spuckt auf die Schleimer und Speichellecker! 

Tabak generell sollte übrigens, dies als Tipp zum Schluss, nicht im Kühlschrank aufbewahrt werden. Nicht, weil deshalb das Licht ausgeht, sondern weil der Tabak in dieser Eingeschlossenheit seinen Geschmack verliert. Damit habe ich für heute genug Gift, wenn auch zu wenig Galle gespuckt. Und so gehe ich wieder los und kümmere mich um das deutsche Stadtbild. Mit Geduld und Spucke.

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