Willkommen!
Liebe Besucherin, lieber Besucher, heute gibt es wieder eine neue Homepage-Kolumne: meine Kleine Website Story. Ich will den vierzehntägigen Rhythmus beibehalten und freue mich natürlich über die Verbreitung der Texte. Da ich nicht mehr für eine Zeitung schreibe, ist es nicht ganz einfach, sich mit einer Homepage-Kolumne bemerkbar zu machen. Keine Ahnung, wie viele Menschen eine lesen … vielleicht ja immer noch genug, um den Flaneursalon live am Leben zu erhalten. Entscheidend aber ist, dass mir das Schreiben ohne Zwang und Auftraggeber Spaß macht – und ich auf diese Weise einigermaßen in Übung bleibe und weniger Unsinn mache.
FLANEURSALON IN DER ROSENAU
Vor 20 Jahren wurde der österreichische Schauspieler Gottfried Breitfuß bei einer Feier in der Rosenau aus Stuttgart in die Schweiz verabschiedet. In der Kleinkunstbühne im Westen war er viele Male mit Ernst Konarek in der gefeierten Tragikomödie „Indien“, einer mobilen Produktion der Staatstheater, aufgetreten. Jetzt, nach seiner erfolgreichen Zeit am Schauspielhaus Zürich und als Akteur in vielen Filmen, kommt er in die Rosenau zurück: am Mittwoch, 4. Februar, als Gast im Flaneursalon. Er singt und spielt Georg Kreisler, begleitet wird er von Peter Weilacher am Klavier. Außerdem auf der Bühne: Sängerin Cemre Yilmaz & Gitarristin Natalie Rose. Unsereiner trägt Geschichten vor. Es gibt noch eine Handvoll Karten. Link zu Infos & Tickets
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Die Kleine Website Story
WENN DER TOTENKOPF GRINST
Am Tag, als Donald Trump beim Wirtschaftsgipfel 2026 in Davos seinen Redeschleim absonderte, gönnte ich mir in der Fress-Etage des Königsbaus eine kleine Portion Sushi und las im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ etwas über Zipfel: „Eltern in Florida empört. Der erigierte Penis eines Wals misst vier Meter, lernt man in ‚Das Lustleben der Tiere‘. Das Kinderbuch sorgt in den USA für Streit“
Sofort war mir klar, dass Trump den Krieg gegen die Aufklärung ausgelöst hatte, als er wütend feststellen musste, dass er einige Meter weniger in Stellung bringt
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Ich bin mir nicht sicher, ob Witze über Trump noch angebracht sind, weil es ja unmöglich ist, diese Figur irgendwie zu überzeichnen. Dieser Mann hat nach eigenen Aussagen Kriege gestoppt, die noch gar nicht begonnen hatten. Auf solche Ideen kommst du nur in der Wahnvorstellung, du könntest selbst Moby Dick im Unterleibbereich übertrumpfen. Entsprechend lässt der Maga-König unter der animalisch-barbarischen Losung „Operation Fang des Tages“ von seinen Schergen Migranten jagen. Da wundert nicht, wenn ein Kinderbuch über das Lustleben der Tiere die perversen Dick-Fantasien bigotter Besessener schürt.
Schon ein paar Mal habe ich in der sogenannten Food Lounge des Königsbaus Platz genommen und seltsamerweise Gefallen daran gefunden. Du sitzt dort mit deiner altmodischen Zeitung zwischen meist jungen, international wirkenden Menschen. Ein gewissermaßen geografisch ungebundener Ort, der dich nicht zwingend an die eigene Stadt erinnert. Und mit etwas Lesestoff gehst du immer über Grenzen, dann bist du in der Welt.
Dieser Januar hatte viele schöne Tage einer weltläufigen Leichtigkeit. Manchmal gehe ich, nach einigen Wochen des Kränkelns, in ein Sonnenlicht hinein, das so stark ist, dass ich mir die Hand über die Augen halten muss, um nicht unschuldige Passanten anzurempeln. In meinem Alter hat man nicht mehr die instinktive Orientierung eines Walfängers. Es ist ein gutes Gefühl, ohne einen Auftrag, ohne jede Absicht durch die Straßen zu gehen. Dennoch erwische ich mich oft in einem seelischen Zustand, der zielloses Schlendern nicht zulassen will. Ohne die Dinge um einen herum wahrzunehmen, marschiere ich drauflos, als müsste ich beim Eintritt in die Fress-Etage die Stempelkarte drücken. Womöglich aber bin ich auch auf der Flucht.
Manchmal, wenn ich merke, dass ich fast blind und zu schnell herumgehe, bleibe ich stehen und schaue mich um. Trotz eisiger Kälte sitzen Menschen vor Lokalen im Freien. Ich denke nicht, dass sie nur rauchen wollen. Sie genießen die grelle Wintersonne. Andrerseits beschleicht mich ein ungutes Gefühl, vielleicht eine psychische Altlast. Vermutlich bin ich nicht gerecht, wenn ich mir sage: Wie kann man bloß so unbedarft in der Sonne sitzen, während Typen wie Trump ihre Weltmachtfantasien ausleben. Während Rechtsextreme unsere noch bestehenden demokratischen Errungenschaften angreifen, um sie zu vernichten.
Ein Song von Buffalo Springfield aus dem Jahr 1966 geht mir durch den Kopf, „For What It’s Worth“, er beginnt so:
There’s something happening here
What it is ain’t exactly clear
There’s a man with a gun over there
A-telling me I got to beware
It’s time we stop
Hey, what’s that sound?
Everybody look what’s going down
Es liegt etwas in der Luft, keine Frage. Und merkwürdigerweise fällt mit beim Anblick der Sorglosigkeit in den Straßen immer wieder ein kleines Buch ein, das ich mal aus einem Schnäppchenkorb am Straßenrand gefischt habe: „Als der Krieg vor der Haustür stand. Der Erste Weltkrieg in Baden und Württemberg“, geschrieben von dem Historiker Daniel Kuhn. Eigentlich sehe ich zurzeit noch keinen militärischen Krieg vor der Haustür. Vor meiner Tür seht nicht der Russ. Nur der Ruß. Beim Spazierengehen spüre ich allerdings immer wieder eine nicht exakt definierte Bedrohung, die verdrängt wird und schon bald alles auf widerliche Weise verändern könnte. „Den Krieg ausdrücklich und planmäßig gewollt hat keiner – seine Möglichkeit stumm geduldet aber jeder“, wird Kurt Tucholsky im erwähnten Buch zitiert. Rein faktisch war es zwar nicht jeder. Wir wissen jedoch, was der Dichter meint.
Eine Zeitlang haben mich meine letzten Freunde nach der Lektüre meiner Kolumnen gefragt, ob man sich Sorgen um mich machen müsse. Ob ich an Depressionen leide. Einer, ein Arzt, wollte gar wissen, ob ich suizidgefährdet sei. Und ein Kollege hat gesagt, mein Koautor sei wohl der Tod.
Das hat mich überrascht. In meinen Texten hatte ich nur hie und da erwähnt, dass ich mich als Spaziergänger altersmäßig auf meiner finalen Strecke befände. Und dass ich sowieso damit rechnen müsse, demnächst die große braune Keule im Genick zu spüren. In solchen Zeilen scheinen nicht viel Hoffnung und Lebensbejahung zu stecken. Andrerseits habe ich mich regelmäßig bemüht, etwas gegen die Bedrohungen zu tun, nach dem Motto: „Wenn du etwas tust, kommt nichts dabei raus. Wenn du nichts tust, kommt auch nichts dabei raus. Aber etwas tun ist nicht so langweilig wie nichts tun.“
Inzwischen habe ich gelernt, dass Handeln ohne Hoffnung nichts anderes als Zynismus ist. Seitdem verschone ich meine Umgebung mit Bemerkungen über die finale Strecke. Und beim Tippen meiner Zeilen denke ich weder an Freund Hein noch an den Friedhof. In Wirklichkeit schaue ich jedes Mal auf einen handlichen, sehr bunten, breit grinsenden Totenkopf mit dynamischem Cowboyhut, den ich mal aus Mexiko mitgebracht und auf meinen Schreibtisch gestellt habe. Ein Gedicht von einem Gesicht. Da kommt sofort gute Laune auf.
Auch bin ich überzeugt, dass ich körperlich endlich die richtigen Mittel für die Hinwendung zu einem prallen Leben gefunden habe. Zwar musste ich zuletzt meine üblichen Leibesübungen im Fitnessstudio, auf der Joggingstrecke und im Mineralbad Berg krankheitsbedingt aussetzen. Jetzt aber bin ich mir sicher, schon bald neue Rekorde zu erzielen. Geholfen hat mir wiederum Zeitungslesen in der Fress-Etage. In einem Bericht unter der Überschrift „Fluchen fördert die Leistungsfähigkeit“ fand ich so ziemlich alles, wofür ich ein Talent zu besitzen glaube. Wissenschaftler aus Großbritannien haben bei ihren Forschungen herausgefunden, dass Testpersonen beim Sport, etwa bei sogenannten Stuhl-Liegestütze, „ihr Körpergewicht signifikant länger halten“ konnten, wenn sie zwischendurch gottverdammt-beschissene Schimpfwörter ausstießen. Seine Leistung zu steigern, indem man neutrale, also harmlose Wörter von sich gibt, geht dagegen voll daneben. Wenn du beim Gewichtstemmen ein freundliches „Guten Tag“ absonderst, erreichst du rein gar nichts. Wenn du aber laut „Fuck“ und „fucking Bullshit“ brüllst, kannst du sogar deine Hand länger in kaltes Wasser tauchen als ohne verfickte Ausfälligkeit. Das wissenschaftliche Fazit:: „Fluchen ist buchstäblich ein kalorienfreies, nicht medikamentöses, kostengünstiges und leicht verfügbares Mittel, das uns zur Verfügung steht, wenn wir einen Leistungsschub brauchen.“
Um nichts falsch machen, habe ich KI gebeten, mir zeitgemäße Flüche aufzulisten. Das Ergebnis war enttäuschend. Viel mehr als Unmutsäußerungen wie „Zur Hölle“, „So ein Mist“ oder „Ich krieg die Krise“ hatte ChatGPT nicht auf Lager. Im Angebot war sogar – als „Retro-Comeback“ – das gute alte „Himmel, Arsch und Zwirn“.
Um mir einen wirklichen Leistungsschub zu garantieren, bediene ich mich deshalb bei Übersetzungen aus der amerikanischen Alltagssprache. Für extrem leistungssteigernd halte ich beispielsweise „beschissene Scheiße“, auch „verkackte Kacke“ dürfte die Zahl der Liegestütze entscheidend erhöhen. In echte Olympiaform aber kommst du garantiert mit der tödlichen Variante der schwäbischen Höchstbeleidigung: „Fick dich, Donald, du Halbdackel“.
SONG: Buffalo Springfield