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2557. Depesche
25. August 2025

2558. Depesche

Willkommen!

Liebe Besucher:innen, es gibt wieder eine neue kleine Website Story: meine Homepage-Kolumne. Immerhin gelingt es mir, nach meinem Kontext-Ausstieg den Rhythmus – jedes zweite Wochenende ein neuer Text – zu halten. Jedenfalls bis jetzt. Und auch diesmal meine Bitte: Etwas Verbreitung dient der Arbeitsmoral. Ist ja nicht gar so erbaulich, in den leeren Raum zu tippen. Räume sind eigentlich belebte Orte …

Unten auf dieser Seite auch wieder ein Song – und die Hinweise auf die Veranstaltungen unseres Netzwerks Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie. Der aktuelle Newsletter ist inzwischen unterwegs – man kann ihn jederzeit kostenlos auf unserer Webseite abonnieren.

Die Homepage-Kolumne (8)
HOTZENPLOTZ, VIRGINIA

Ein kleiner Text von Robert Walser mit dem Titel „So leichtfertig spazieren zu dürfen“ über einen einundzwanzigjährigen Mann beginnt so: „Über seine Glieder fühlte er sich auf einmal als geborener Herr und Meister und er achtete auf seine Schritte mit Bewusstsein.“

Ich bin ein einundsiebzigjähriger Mann, der seit langem versucht, mit Bewusstsein auf seine Schritte zu achten. Und nach wie vor herumgeht im Glauben, nur so könne er einer baldigen Bewusstlosigkeit entgehen.

Mit Ausdauer spazieren zu gehen ist keine Marotte. Wer einige Zeit regelmäßig unterwegs war, verspürt irgendwann das dringende Bedürfnis, sich zu bewegen: immer schön rhythmisch einen Fuß vor den andern. Tue ich das nicht, bekomme ich ein schlechtes Gewissen wie ein Patient, der seine Medizin verweigert hat.

Wenn ich vor einigen Jahren durch die Stadt gezogen bin, dann so gut wie immer mit großer Lust, Lunte zu riechen, Witterung aufzunehmen. Wie ein kindlicher Detektiv ging ich auf Schnipseljagd, auch Schnitzeljagd genannt. Daran hat sich wenig geändert. Dinge, die mir als vielsagende oder extrem nichtssagende Zeichen erscheinen, notiere ich mit Stift und Notizbuch oder knipse sie mit dem Taschentelefon. Und seltsamerweise ergeben sich oft Verbindungen, als hätte ich sie gezielt gesucht.

Vermutlich lässt sich die Gewohnheit des fußläufigen Schnüffelns nicht ablegen wie ein Hut. Die Frage ist nur, ob ich heute noch immer mit genügend Bewusstsein auf meine Schritte achte und meine Beute von der Straße auswerte – oder einfach täglich etliche Kilometer fresse, nur um meinen Körper und womöglich das Hirn halbwegs intakt zu halten. In meinem Taschentelefon ist dieses Ding aktiv, das angeblich jeden meiner Schritte zählt. Das Zählwerk riecht nach Leistung, nach Pflicht. Die sogenannte Gesundheits-App fordert mich gar täglich mehrmals auf, zu „reflektieren“: „Nimm Dir einen Moment Zeit und schreibe auf, wie du dich heute fühlst.“ Das mache ich besser nicht.

Zurzeit hängen Plakate der Region Stuttgart in der Stadt, auf denen ein Stehpaddler auf einem Fluss abgebildet ist. Botschaft: „Das nächste Erlebnis liegt vor deiner Haustür.“ Rein grammatikalisch ist diese Formulierung nicht falsch. Bloß denke ich dabei nicht an Standup-Paddle, in Fachkreisen SUP genannt. Vielmehr habe ich als nächstes Erlebnis vor meiner Haustür die mit allerlei Hausrat und Müll gefüllten Kisten „zum Verschenken“ im Blick, ich rieche Hundekot, schiebe Hass auf E-Scooter und sehe unter der Überdachung des Allianz-Gebäudes die Obdachlosen.

Wie soll ich auf Schritte mit Bewusstsein achten, ohne das heraufziehende Unheil zu ahnen. Ich denke beim Herumgehen an die Attacken auf demokratische Errungenschaften, an die Kriegstauglichkeit-Kampagnen in der Republik, die rechtsextremen Aufmärsche und die Verrohung weiter Teile der Gesellschaft. Bei näherem Hinsehen liegt vor deiner Haustür ein Scheißhaufen, während die Partys fröhlich weitergehen. Als schwarzsehender Paddler im Fluss der Zeit wirst du erlebnisfeindlich.

Mit der S-Bahn fahre ich nach Ludwigsburg. Auf dem Weg zum Akademiehof komme ich zufällig am Mahnmal auf dem Synagogenplatz vorbei. Nachgebildete Koffer erinnern an Juden, die während des Nazi-Terrors in den Vernichtungslagern ermordet wurden. Auf einem alten Gedenkstein die Inschrift: „Hier stand die im Jahre 1884 erbaute Synagoge. Ihre willkürliche Zerstörung am 10. November 1938 mahne unser Gewissen an die Wahrung von Menschlichkeit u. Recht.“

Man nennt das „Erinnerungskultur“, und bekanntlich geht Macht vor Recht. Wer die „willkürliche“ Zerstörung in Ludwigsburg begangen hat? Nicht etwa hasserfüllte, gewalttätige, gezielt operierende, faschistische Deutsche in einem Land, in dem heute wiedergewissenlos undmenschenverachtend mit Migranten und anderen Minderheiten – auch mit bei uns lebenden Juden – umgegangen wird?

Weiter mit Robert Walsers Bewusstseinsschritten. Als ich vor Jahren Stadtspaziergänger-Kolumnen für die „Stuttgarter Nachrichten“ geschrieben habe, schienen die AfD, andere Rechtsextreme und deren aufgehetzte Gefolgschaft noch nicht so stark zu sein wie heute. Damals dachte ich noch, journalistische Hinweise auf die Zusammenhänge von Vergangenheit und Gegenwart hätten einen Sinn, wären eine Art Warnung. Heute bin ich mir ziemlich sicher, dass solche Kolumnen für die Katz sind.

Inzwischen bin ich ein Hobby-Herumgeher, der ohne Auftraggeber aufschreibt, was ihm durch den Kopf geht. Und in diesem Bewusstsein, ohne einen auf „Neutralität“ bedachten Arbeitgeber im Kreuz, kann ich mithelfen, praktische Dinge im politischen Bereich zu organisieren. Veranstaltungen, Aktionen. Dringlicher als jede „Mahnung“ zur Beruhigung des Gewissens erscheint mir die Frage: Was kann man tun? So genau weiß ich das nicht. Doch kann man es nicht oft genug sagen: Es ist besser, etwas zu tun, als nichts zu tun. Ich neige im Übrigen dazu, die Dauerpräsenz als Weltendeuter in Social-Media-Blasen für „publizistischen Kampf“ zu halten.

Am frühen Abend spüre ich wieder den Drang nach Beinarbeit und gehe hinaus. In der Blumenstraße, Nähe Alexanderstraße, grüßt mich auf einem Riesenschild am Haus Nummer 36b der Räuber Hotzenplotz. Bärtiger Typ, schiefer Blick, sehr guter Hut. Im Haus mit dem Schild sind die Thienemann Verlage untergebracht, sie haben Otfried Preußlers „Hotzenplotz“ im Programm. Als ich mir die Banditenbirne so anschaue, fällt mir ein, dass ich kurz zuvor nicht nur aneiner Hauswand das Graffito „Bildet Banden“, sondern auf Facebook auch einen Eintrag der Satirikerin und „Titanic“-Mitherausgeberin Ella Carina Werner gelesen habe: „Habe dem Kind so viele Otfried-Preußler-Romane vorgelesen, dass ich gerade total Bock habe, mit Schnupftabak anzufangen. Stelle mir das vor wie eine Mischung aus Pfeife rauchen und koksen, gemütlich und saucool zugleich. Wir wenigen Tabakschnupfer werden in ausgewiesenen Schnupferkneipen hotzenplotzig zusammen rumhängen, einander um eine Prise anschnorren, und mein Suchtmittel wird nie, nie durch eine Elektro-Variante ersetzt (oder doch?), herrlich!“

Nun muss man nicht zwingend wissen, dass Hotzenplotz den Kasperl für einen Beutel Schnupftabak an den Zauberer Petrosilius Zwackelmann verkauft, weil der Kasperl dauernd Hotzenplotzs Namen falsch ausspricht. Vielmehr nehme ich Frau Werners Begeisterung für die nikotinhaltige Rotznase mit großer Freude persönlich: Tatsächlich gönne ich mir hin und wieder eine kleine Prise Schnupftabak, dargereicht mit meinem Schweizer Messer. Und ich nehme nicht dieses mentholhaltige, mit Eisbonbon-Geschmack versaute, trügerische Zeug, das bei uns gang und gäbe ist. Ich ziehe mir guten Virginia-Snuff rein, der Stoff erinnert an den Duft von Zigarren, Pferdeställen und schlecht gelüfteten Bars. Vor der Haustür spielen die Rolling Stones „Sweet Virginia“. Ich verwende übrigens keinen Tabakbeutel wie Hotzenplotz, sondern eine winzige Dose, die ich auf dem Flohmarkt gefunden und stundenlang poliert habe, bis echtes Silber zum Vorschein kam.

Seit mehr als achtzehn Jahren rauche ich so gut wie nicht mehr, vielleicht einmal im Monat auf dem Balkon ein Zigarillo oder eine kleine Zigarre: jeden Zug im fortgeschrittenen Bewusstsein, dass Nikotin süchtig macht, egal, ob geraucht oder geschnupft. Entscheidend bei jedem Gift ist bekanntlich die Dosierung, und mit etwas Virginia- oder Zigarrenduft in der Nase und einem guten Song im Ohr ziehen für den Asketen noch einmal die Dunstwolken des Lebens auf. Darüber ließe sich einiges erzählen, aber womöglich wäre das viel Rauch um nichts.

Und jetzt haltet die Nase in den Wind, bildet Banden und bringt die Dinge hotzenplotzig in Ordnung, bevor ihr Pulver schnupft oder einen Stumpen plotzt.

SONG: Leave Virginia Alone

Und wie ich einst Schnupftabak samt einem Musiker & Autor entdeckte, lässt sich in dieser Kontext-Kolumne von 2020 nachlesen: Copenhagen

Veranstaltungen von Gemeinsam gegen rechts – für eine bessere Demokratie:

Donnerstag, 4. September, Württembergischer Kunstverein. 19 Uhr
Buchvorstellung: „Soziale Bewegungen“.

Netzwerk-Mitglied Annette Ohme-Reinicke, promovierte Soziologin, stellt ihr neues Buch vor: „Soziale Bewegungen. Ursprünge und aktuelle Formen“ (Schmetterling Verlag, Stuttgart, 336 Seiten, 19,80 Euro). Diese gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema hat für jede politische Initiative elementare Bedeutung. Moderiert wird der Abend von Nisha Toussaint-Teachout, Stuttgarter Pionier*in der Bewegung Fridays for Future. Anmeldungen nicht erforderlich. Hier die Buchbesprechung von Deutschlandfunk Kultur (Text) – und die Audio-Version

Donnerstag, 2. Oktober 2025
Gewerkschaftshaus/Willi-Bleicher-Haus Stuttgart, 18 Uhr:
Lesung & Gespräch
mit Autor Marcus Bensmann vom Correctiv-Netzwerk
Dank der Arbeit des journalistischen Correctiv-Netzwerks kam es in Deutschland Anfang 2024 zu Massendemos gegen rechts. Das Redaktionsteam hatte über das Geheimtreffen der AfD in Brandenburg mit den berüchtigten „Remigration“-Plänen berichtet. Correctiv-Autor Marcus Bensmann ist bei uns zu Gast und liest aus seinem Buch: Niemand kann sagen, er hätte es nicht gewusst. Die ungeheuerlichen Pläne der AfD. Aktualisierte Neuauflage mit dem Stand nach der Bundestagswahl 2025. Anmeldungen sind wie immer hilfreich: kontakt@netzwerk-gegen-rechts.info

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