Bauers Depeschen


Mittwoch, 26. Oktober 2022, 2331. Depesche


Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20221026

 



LIEBE FREUNDINNEN

UND FREUNDE DES SALONS,

neulich habe ich im Schlepptau der Kontrabassistin Daniela Petry schnell mal einen Blick ins ausgebeinte Metropol-Gebäude geworfen; an diesem Wochenende finden dort auf Zwischennutzungsbasis die „Interventionen 2022“ statt: Performances der Freien Tanz- und Theaterszene Stuttgart (FTTS). Näheres findet man hier: INTERVENTIONEN

Aus dem Metropol wird im kommenden Jahr sehr wahrscheinlich wieder ein Kino werden – und vermutlich noch etwas mehr. Der Kino-Betreiber Heinz Lochmann, der überall in der Republik Filmtheater saniert und zu neuem Leben erweckt hat, ist in Verhandlungen mit der Stuttgarter Immobilien-Vermieterin, der Union Investment. Diese Woche habe ich ihn getroffen, und jetzt weiß ich, dass dieser gelernte Bäckermeister aus Rudersberg ein überaus leidenschaftlicher und ganz ungewöhnliche Lichtspiel-Abenteurer ist. Ein mir sympathischer Alles-auf-eine-Karte-Mann.

Immerhin acht Straßenaktionen/Kundgebungen haben wir als freie Mini-Initiative (zu der maßgeblich Goggo Gensch gehörte) unter dem Motto „Rettet das Metropol!“ durchgezogent, als der Plan bekannt geworden war, das Gebäude mit seiner einzigartigen Geschichte in einer ebenso schillernden historischen Umgebung an ein Kletterhallen-Unternehmen zu vermieten.

In erster Linie aber muss ich mich diese Woche um meine eigenen Sachen kümmern. Für den Flaneursalon an diesem Samstag, 29. Oktober, im Laboratorium wurden bis Dienstag erst 67 Karten gebucht. Rund 130 Plätze gibt es insgesamt. Diese halbe Sache ist aber nicht nur ein Flaneursalon-Problem, zurzeit läuft der Vorverkauf für alle Veranstaltungen des Live-Clubs im Osten ziemlich schlecht. Und weiß Gott nicht nur dort. Corona, die Energiepreise, die Inflation. Eine allgemeine Müdigkeit. Und das ausgerechnet zum 50. Geburtstag der Kleinkunstbühne in der Wagenburgstraße.

Zum Lab-Jubiläum habe ich ein schönes Programm zusammengestellt, erstmals treten in derselben Lieder- und Geschichtenshow die Sängerinnen Eva Letica Padilla und Katalin Horvath auf. Sie sind beide sehr gut und stilistisch grundverschieden. Auch die Begleitmusiker sind große Klasse. Katalin kommt mit dem Staatsorchester-Geiger Sebastian Mare und dem Gitarristen Frank Wekenmann, Eva mit dem Gitarristen Uwe Metzler. Außerdem geht der wieder Kabarettist und Autor Jess Jochimsen auf die Bühne.

Obwohl ich selber auf eine Gage verzichte, wird das Ganze für das Lab womöglich ein Minus-Abend: kein schönes Geburtstagsgeschenk. Mal schauen, wie sich das regeln lässt. Am einfachsten wäre natürlich, es würden sich noch ein paar Leute aufraffen und Karten kaufen – ein Ticket kostet 18 Euro, das ist heute vergleichsweise recht wenig. Der überall in der Kulturszene zu beobachtende Publikumsschwund hat viele Ursachen. Es herrscht eine allgemeine Rückzugsmentalität. Keine Ahnung, wie wir da wieder rauskommen. Aber man kann ja nicht einfach aufgeben und Veranstaltungen abblasen. Das wäre kein gutes Zeichen. KARTEN, INFOS: LABORATORIUM

Ich versuche jetzt einfach, das Jahr halbwegs vernünftig zu Ende zu bringen. Das gilt auch für DIE NACHT DER LIEDER am 20./21. Dezember im Theaterhaus. Im Moment kann ich nicht mehr tun als betteln: Karten für diese große Benefiz-Show mit ihren kontrastreichen Acts gibt es schon ab 26,60 Euro, und der Gewinn kommt der KÜNSTLER*INNENSOFORTHILFE STUTTGART zugute. Solche Tickets sind also eine Spende – und taugen auch als kleine Geschenke. Schön wäre natürlich, würden sich die Leute, die mich regelmäßig um organisatorische oder andere Unterstützung bitten, mal an das Prinzip „Eine Hand wäscht die andre“ erinnern. Von Solidarität will ich in diesem Zusammenhang gar nicht reden. Die bräuchten wir auf politischer Ebene. Aber: es ist, wie es ist. Einfach tun, was geht. Herumgehen ist ja eh mein Job.

DIE NACHT DER LIEDER IM THEATERHAUS – Karten gibt's auch telefonisch: 0711/4020720



Falls jemand meine jüngste Kolumne noch lesen möchte: BLASMUSIK ZUM NIEDERKNIEN



****



SOLIDARISCHER HERBST, gegen rechts

Am Samstag, 22. Oktober, haben die junge Kollegin Maike Schollenberger (Verdi) und unsereiner die Kundgebung "Solidarischer Herbst" auf dem Stuttgarter Schlossplatz moderiert. In meinen Augen eine stimmige Aktion mit einem breiten Bündnis (öko-bürgerlich bis links) und guten Beiträgen aus verschiedenen Perspektiven. Etwa 3000 Teilnehmer:innen, Auch direkt Betroffene der herrschenden Krisen kamen zu Wort. Musik machten die großartigen No Sports auf der Bühne und eine sehr starke Brass Band unterwegs im Demozug. Auch die Salamaleque Dance Company/Dancers across Borders wirkten auf der Straße mit.

Zum Thema "Gegen rechts" habe ich diesen Text vorgetragen:



Liebe Freundinnen und Freunde,

die Probleme, die gerade so geballt wie nie zuvor in unserem Leben auf uns zukommen, haben etwas gemeinsam: Sie sind Wasser auf den Mühlen rechter Ideologen und Strategen. Die Vordenker der Rechten, und darunter gibt es gerissene Intellektuelle, haben auf diese Krisen lange gewartet. Corona, der Krieg in der Ukraine, explodierende Preise, die Inflation. Das sind Dinge, die den Menschen zu schaffen machen und den Rechten dazu dienen, die Errungenschaften der liberalen Demokratie anzugreifen. Wenn gleichzeitig führende Köpfe aus der herrschenden Politik und Wirtschaft diese Errungenschaften in Frage stellen, schaffen sie den Nährboden für rechts.

Bis heute wird der fatale Fehler gemacht, die Intelligenz und Schlagkraft der Rechten zu unterschätzen. Ständig wird abgewiegelt, die faschistische Gefahr heruntergespielt. Nehmen wir das Beispiel Niedersachsen: Kaum war klar, dass die AfD ihr Landtagswahlergebnis fast verdoppelt hatte, redeten Medien-Kommentatoren von „Protestwählern“. Diese These wird mit Umfrage-Ergebnisse gestützt – als würden befragten AfD-Wähler:innen zugeben, dass sie rechts sind. Hinzu kommt: Einige unter ihnen kennen nicht einmal die Merkmale rechter Gesinnung – und sind schon deshalb für entsprechende Propaganda anfällig.

Allein die Kommentare, die unter den Netz-Aufrufen zu unserer heutigen Kundgebungen in den sozialen Medien zu lesen sind, beweisen die Stärke und Reichweite des faschistischen Gedankenguts. Wir wissen, dass die sozialen Medien nicht die Realität spiegeln. Sie zeigen uns aber, welcher Ungeist verbreitet und wie er aufgenommen wird. Die eigentliche Mobilisierung von rechts findet im Übrigen im Internet statt. Wir müssen endlich begreifen, dass die Rechten den demokratischen Kräften im Internet überlegen sind. Und wenn die AfD wie in Niedersachsen auf über elf Prozent kommt, sagt diese Zahl noch lange nichts über die wahre Potenz der Rechten. 40 Prozent haben dort überhaupt nicht gewählt – auch das ist erschreckend.

Heute schließen sich immer öfter Rechtspopulisten, autoritäre Konservative und Rechtsextreme zusammen – auf diese Weise entstehen faschistische Prozesse. Und genau da reiht sich einer wie der Stuttgarter OB Nopper ein, wenn er mit provinzieller Arroganz und Einfältigkeit auf Twitter trans Menschen diskreditiert.

Den Faschisten selbst geht es darum, mit Lügen, Hass und Hetze demokratische Errungenschaften und Einrichtungen zu zerschlagen. Mit nationalistischen und rassistischen Parolen, mit der Taktik der Kümmerer schüren sie die Angst vor der Freiheit von Minderheiten und fördern den Egoismus. Menschen aus Minderheiten werden zu Sündenböcken und damit zu Hassobjekten gemacht. Das ist ein Wesen des Faschismus.

Wir sehen doch, was um uns herum geschieht, in Italien, in Schweden, in Frankreich, von Ungarn zu schweigen. Wir kennen die Entwicklungen in den USA, Brasilien oder Indien. Der Faschismus ist zurück und deutlich präsent – und die demokratischen Kräfte tun zu wenig dagegen. Linke, Linksliberale, alle Demokratinnen und Demokraten stehen jetzt vor der größten Herausforderung seit langem. Viele von uns sollten endlich über ihren Schatten springen, sich zusammentun und nicht nur den Mut in anderen Ländern bewundern. Im Blick auf die antifaschistischen Kräften möchte ich hier den britischen Publizisten und Aktivisten Paul Mason zitieren. In seinem in diesem Jahr bei Suhrkamp erschienen Buch „Faschismus. Und wie man ihn stoppt“ schreibt er: „Die einfachste Methode, den Faschismus zu stoppen, besteht darin, den eigenen Körper – und nicht den Internet-Avatar – zwischen den Faschisten und ihr Ziel zu stellen. Ich habe das getan und weiß, dass es seine sehr wirksame Methode sein kann.“



* * * *

Auszug aus der Moderation:

Liebe Freundinnen und Freunde, bevor die Band uns wieder in Bewegung bringt und die letzten Wolken am Himmel vertreibt, ein paar Sätze zur Kultur. Viele kulturellen Veranstaltungen leiden zurzeit unter eklatantem Publikumsschwund. Corona, Geldprobleme, der Krieg, der Rückzug aufs Sofa vor dem Fernseher. Kunst und Kultur bedeuten aber nicht nur Eventbetrieb. Kultur ist eine Lebensweise und für unsere demokratische Lebensweise unverzichtbar. Kunst und Kultur dienen der Aufklärung und Bildung, sie stärken uns mit emotionalen Gemeinschaftserlebnissen. Kulturelle Arbeit ist antirassistisch, antifaschistisch und von Humor beseelt – und deshalb den Rechten ein Dorn im Auge. Seit jeher führen sie einen nationalistischen Kulturkampf zur Zerstörung unserer Lebensart. Wir müssen unsere Kultur und deren Einrichtungen verteidigen – und dafür steht auch eine Ska-Band wie No Sports.









 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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