Bauers Depeschen


Samstag, 27. März 2021, 2263. Depesche


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LIEBE LESER*INNEN,

so ziemlich jedes Wort, das heute jemand fallen lässt, landet normalerweise in den sozialen Medien, dennoch will ich an den Notizen auf meiner uralten Homepage festhalten. Diese Seite wurde im Februar 2007 eingerichtet, zunächst ausschließlich für meine Mixed Show namens Joe Bauers Flaneursalon, und seitdem hat sie sich nicht so wesentlich verändert (die Depeschen-Seite kam nachträglich hinzu). Heute ist sie ein archaisches Instrument, wie ein alter Dieselmotor.

Im März 2007, zum Start meiner Homepage, war ich übrigens ziemlich lange im Krankenhaus, die Sache war gefährlich, und danach habe ich meinen Lebenswandel radikal geändert. 2007 hatte ich schon fast 20 Jahre ich im Stuttgarter Westen gewohnt, ich blieb bis 2018. Danach bin ich in die Mozartstraße umgezogen und habe dort mit meiner Partnerin gelebt. Seit ein paar Wochen wohne ich allein in der Nähe des Kernerplatzes, offiziell Stuttgart-Mitte. Ich hatte verdammtes Glück im Unglück: Buchstäblich innerhalb weniger Sekunden habe ich eine gute und vor allem bezahlbare Wohnung gefunden. Ein guter Freund und seine Partnerin haben mir geholfen, ich bin ihnen sehr dankbar.

Jetzt muss ich schauen, wie es weitergeht. Ob es nicht besser wäre, mich mehr um meine eigenen Dinge zu kümmern. Phasenweise bin ich in meinem Dasein als sogenannter Rentner zu einer Art „Büro für alle Fälle“ geworden, was nicht heißen soll, dass ich in den meisten Fällen nicht halbwegs überzeugt bei politischen Aktionen mitgeholfen oder auch selbst welche organisiert habe.

In diesen Tagen, da die Verschwörungsideologen, die Völkischen und die Nazis Aufwind haben, sollte man hin und wieder schon eine Antwort auf die Frage finden: Was hast du eigentlich gemacht? Zum Glück – oder vielleicht auch aus Erfahrung – bin ich kein Mensch, der sich für das, was er macht, im Vorhinein irgendwelche „Ergebnisse“ oder gar „Erfolge“ ausrechnet. Es geht ja zunächst mal ums Tun und immer auch darum, bei Bedarf, sprich: nach dem Scheitern, das nie nur ein Scheitern ist, von vorne anzufangen – um Friedrich Engels etwas frei zu interpretieren.

Im März 2020 beispielsweise, vor dem ersten Lockdown in der Corona-Pandemie, habe ich mit ein paar Freunden/Bekannten die Künstler*innensoforthilfe Stuttgart gestartet. Wir haben gehofft, vielleicht 50.000 Euro zu sammeln, um damit Leuten aus der Kunst- und Kulturarbeit in unserer Umgebung zu unterstützen. Ein Jahr ist vergangen, und bis heute haben wir fast eine Million Euro Spenden erhalten und das Meiste davon verteilt. Wie sinnvoll es ist, Menschen mit Spenden zu helfen, von denen viele auch ohne Pandemie in einer prekären Lage gelebt und gearbeitet haben - darüber lässt sich streiten. Die Politik muss die sozialen Verhältnisse ändern, sich um die Menschen kümmern – und nicht ersatzweise eine Mini-Initiative mit der Bettelbüchse herumfuchteln. Doch wenn der Kühlschrank leer ist und die Miete nicht bezahlt werden kann, bleibt nicht viel Zeit für die Diskussion, mit welchen revolutionären Mitteln grundsätzliche Veränderungen zu schaffen wären. Und selbstverständlich sind wir allen, die spenden, sehr dankbar.

Andrerseits werde ich dieses Jahr 67 und frage mich: und jetzt? Was hat dir diese Art zu leben gebracht? Womöglich nicht den Verlust des Humors, aber auch die Erkenntnis, dass es lustigere Situationen gibt als die, in der Pandemie such an einen privaten Lockdown zu gewöhnen. Das Wort „Zusammenhalt“ ist, auch in der Krise, oft nicht mehr als eine Floskel, die gern fern des eigenen Handelns auf Plakaten herumgetragen wird.

Nein, ich will nichts dramatisieren, wozu auch, die Wirklichkeit ist belastend genug, ich muss mich jetzt irgendwie in dieser Urbanstraße in meinem sogenannten neuen Leben, das mir altbekannt erscheint, zurechtkommen. Das fällt mir nicht leicht. Und vermutlich werde ich in Zukunft einige Dinge nicht mehr machen, nicht mehr wie bisher. Es ist auch ein Akt einer gewissen Freiheit, öfter mal Nein zu sagen. Und dann ein paar traurige Songs aufzulegen und sich beim Hören eine lustige Geschichte auszudenken, eine mitten aus diesem Am-Leben-Vorbeileben und seinem ungeheuerlichen Sinn.



AKTION METROPOL

Die nächste Aktion zur Schaffung eines neuen Begegnungsorts für spartenübergreifende Kunst und das Kino der Gegenwart findet am MITTWOCH, 31. März, vor dem Metropol-Gebäude statt. Kundgebung mit Mayla Abadi & Mazen Mohsen (Musik), dem Tango-Paar Sieglinde & Kenny und Wortbeiträgen von: Thomas Klingenmaier, Sabine Vogel (Gastrednerin, Initiative Schoettle-Areal), Goggo Gensch u. a. Beginn 18 Uhr.

Inzwischen hat die Stadt dem Boulder-Unternehmen, das mit der Gebäude-Besitzerin Union Investment schon im vergangenen November einen Mietvertrag für den Umbau des Metropols in eine Kletterhalle unterschrieben hat, alternative Orte vorgeschlagen. Das Boulder-Unternehmen ist bereit, bei einem passenden neuen Angebot auf das Metropol zu verzichten. Ohne unseren Protest wäre das ehemalige Festival-Kino und Kulturdenkmal schon frühzeitig verloren gewesen.



BITTE WEITERSAGEN

Unsere Initiative zur Unterstützung der Kunst- und Kulturarbeit ist weiterhin TÄGLICH aktiv und für Ostern gut gerüstet. Allen, die helfen, ganz herzlichen Dank!. Hier alle Infos: KÜNSTLER*INNENSOFORTHILFE STUTTGART



#CORONATOTESICHTBARMACHEN

Sonntags ab 19 Uhr treffen wir uns vor dem Gustav-Siegle-Haus im Stuttgarter Leonhardsviertel bei der Aktion "Wir gedenken der Corona-Toten". Bundesweit brennen Kerzen als stilles Zeichen: Menschen sind keine Zahlen für die mediale Statistik. Bei unseren Treffen musizieren immer auch eine Zeitlang sehr gute Musiker*innen.





 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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