Bauers Depeschen


Montag, 15. Februar 2021, 2257. Depesche


Permalink zu dieser Depesche: www.flaneursalon.de/de/depeschen.php?sel=20210215

 



ELF MONATE KÜNSTLER*INNENSOFORTHILFE.

Am 16. März 2020 haben wir unsere Initiative für Menschen gegründet, die im Großraum Kulturarbeit leisten und in der Pandemie in Not geraten sind. 850.000 Euro haben wir bisher gesammelt. Wir sind TÄGLICH aktiv. „Die Zeit“ schreibt über uns: „Diese Künstlersoforthilfe hat, über Pandemie-Zeiten hinaus, etwas von einem Bekenntnis: Sie bringt die Produzenten und die Rezipienten von Kunst zusammen, wie es ein gelegentlicher Theaterabend allein nicht schafft. Das Bekenntnis, mit privatem Geld beglaubigt, lautet etwa so: Ohne die andere Seite ist das Leben denkbar, aber sinnlos.“ - Hier geht es zu unserer Webseite und unserem Spendenkonto:

KÜNSTLER*INNENSOFORTHILFE

Und hier ein Beitrag über unsere Aktion auf Deutschlandfunk Kultur vom 16. Februar DLF LINK Ton und Text



METROPOL-GEBÄUDE: PETITION

Fast 3700 haben inzwischen die Petition „Rettet das Metropol“ unterschrieben - wir sollten trotzdem noch kräftig zulegen, vor allem in Stuttgart. Zu den prominenten auswärtigen Unterzeichnenden gehören der legendäre Theaterregisseur/Intendant Claus Peymann, der international erfolgreiche (in Obertürkheim aufgewachsene) Schauspieler Sebastian Koch und der große Bühnenregisseur Jossi Wieler, von 2011 bis 2018 Intendant der Stuttgarter Staatsoper. Hier der Link zum Unterschreiben: PETITION



NÄCHSTE METROPOL-KUNDGEBUNG

Das Metropol-Gebäude muss nach der Schließung des Kinos ein Ort vielfältiger Kultur werden, ein Haus für Begegnungen und spartenübergreifende Kunst, in dem ganz selbstverständlich auch Filme eine Rolle spielen. Die nächste Kundgebung vor dem Metropol, eine bunte Aktion auf Abstand, findet am Mittwoch, 24. Februar, statt. Mit Walter Sittler, Eva Castellano, Ümit Uludag, Moni Ramoni, Stefan Hiss, Tim Hellebrand, Goggo Gensch, Joe Bauer. 18 Uhr.



METROPOL siehe auch Depeschen vom 11. und 12. Februar.



ZUM GEDENKEN AN HANAU

Am Freitag, 19. Februar, findet auf dem Stuttgarter Karlsplatz eine Gedenk-Kundgebung statt, zu der mehrere Initiativen aufrufen, darunter Seebrücke und Migrantifa. Motto: "Kein Vergeben! Kein Vergessen!". Beginn 17.30 Uhr. Am 19. Februar 2020 hat in Hanau ein rechtsextremer Deutscher aus rassistischen Motiven neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen.



STUTTGART 21

Für die Online-Montagsdemo gegen S 21 habe ich auf Wunsch eine Rede geschrieben und als Video aufgenommen. Es geht um meine Aussichten auf eine Kultur-Entziehungskur. Man findet sie auf Youtube mit diesem Link: S21 Video



PANDEMIE

EIN KLEINER AUFRUF, der nichts kostet.

Bei dieser Aktion geht es nicht um Zahlen. Nicht um Menge. Fast nirgendwo in der Republik findet die Initiative „Wir trauern um die Corona-Toten“ bisher so wenig Resonanz wie in Stuttgart. Nur wenige kommen bewusst zum Ort der Lichter. Am vergangenen Sonntag fand die Begegnung nach fünf Aktionen auf dem Schillerplatz zum dritten Mal auf dem Marienplatz statt. Marcel Engler (Loisach Marci) musizierte wieder. Sehr schöner, angemessener Sound. In einigen Städten sind die brennenden Kerzen als Zeichen gegen die Abgestumpftheit und statistische Routine inzwischen eine Dauereinrichtung. Verstorbene Menschen dürfen nicht einfach am Rande als Zahlenmaterial abgehakt werden. Es geht um ein stilles Zeichen - auch gegen Corona-Leugner und -Verharmloser.

Menschen kommen und stellen Kerzen ab. Es gibt keine Reden, keine Demo-Rituale. Nur ein Plakat mit der aktuellen Zahl der bei uns an Corona Verstorbenen. „Tagesschau“, „Tagesthemen“ und „Arte-Journal“ haben bereits darüber berichtet. In Stuttgart muss die Aktion jedes Mal als Versammlung angemeldet werden - die Lichter dürfen dann nur bis zum anderen Morgen bleiben.

Der Berliner Initiator, der Satiriker und Schriftsteller Christian Y. Schmidt hatte mich im Dezember gebeten, spontan einen Stuttgart-Auftakt zu organisieren, um das Thema auch bei uns zu verbreiten. Wäre schön, es würden sich in Zukunft ein paar mehr Leute beteiligen, um das Bewusstsein für die Gefahren der Pandemie zu schärfen und mehr Anteilnahme für die Opfer und das Leben in dieser Krise zu wecken. Vorerst treffen wir uns weiterhin gegen 17 Uhr auf dem Marienplatz. Es gibt kein Abstandsproblem, alle Beteiligten tragen Masken. In den sozialen Medien findet man alles unter #coronatotesichtbarmachen



Hier meine jüngste Kontext-Kolumne:

PROPAGANDA UND POPCORN

Oder hier im Original: KONTEXT

Wir standen in der Abenddämmerung auf dem Marienplatz im Stuttgarter Süden herum, ich plauderte in gebührendem Abstand mit einem Polizisten. Die ersten Kerzen für die Aktion "Wir trauern um die Corona-Toten" brannten schon, und der Polizist sagte: "Gut, dass es die Katholiken noch gibt. Sonst hätten wir Lutherischen nicht mal Grablichter."

Bei dem Wort "Lutherischen" zuckte ich zusammen. Seit meiner Kindheit hatte ich es nicht mehr gehört. Damals war ich in einem erzkatholischen Nest am Fuße der Ostalb zu Hause, und die Protestanten in unserer Gemeinde konnte selbst noch an einer Hand abzählen, wer im Krieg oder an der Kreissäge ein paar Finger verloren hatte. Das war Anfang der Sechziger, als noch nicht alle zu den deutschen Gewinnern zählten. Heute weiß ich nicht nur angesichts brennender Grablichter, dass ohne die Entertainment-Schule der katholischen Liturgie weder Madonna noch der Satan oder Winfried Kretschmann ihre heutige Popularität erreicht hätten.

Der Polizist stammte aus einem ähnlichen Katholenkaff wie unsereiner. Wir sprachen davon, wie sich die, die als "Lutherische" geächtet wurden, gelegentlich ähnlich fühlen mussten wie heute bei uns die Geflüchteten. Unsere Leuchtsignale gefielen dem Polizisten. Sie sind immer sonntags in der ersten Dunkelheit zu sehen als Zeichen gegen die Abgestumpftheit, zigtausend am Corona-Virus verstorbene Menschen bei uns nur noch als Zahlen und Statistiken abzuhaken.

Diese Aktion läuft seit Wochen in vielen Städten auch mit der Absicht, Corona-Leugnern und Verschwörungsschwurblern eine stille Geste ohne Demo-Rituale entgegensetzen. Auf den Weg gebracht hat sie der Berliner Satiriker und Schriftsteller Christian Y. Schmidt ("Der kleine Herr Tod"), der damit ein weiteres Beispiel liefert, was die Satire-Abteilung inzwischen alles tun muss gegen die gegenwärtige Gedankenlosigkeit.

Von den christlichen Impfungen in der Kindheit ist bei mir kaum mehr als die Resistenz gegen kirchliche Heuchelei geblieben. Etwas gegen das Vergessen von Menschen zu tun, entspricht meiner simplen Geschichtsauffassung, die Vergangenheit immer im Zusammenhang mit der Gegenwart zu sehen. Und da ist das Nachdenken über Menschen, die uns ihre Geschichte hinterlassen haben, sehr hilfreich.

Da ich als Herumspazierer zum Abschweifen neige, unterhielt ich mich mit dem Polizisten über die Verlierer der Krise im Allgemeinen. Zu den großen Leidtragenden der Pandemie-Krise, erzählte er, gehören die Einbrecher. Seit so viele Leute im sogenannten Homeoffice sitzen, haben die Diebe keinen ungestörten Zugang mehr zu fremden, viel zu teuren Wohnungen. Ihren Arbeitsplätzen. Sie müssen deshalb umschulen. Einige arbeitslos gewordene Panzerknacker arbeiten inzwischen erfolgreich als Daten-Hacker. Seit weniger Schubladen und Tresore nach guter alter Handwerkskunst aufgebrochen werden können, ist die Zahl der Delikte im Online-Bereich gestiegen.

Dieses Metier allerdings erfordert eine Bildung, die unsere Gesellschaft zurzeit überfordert. Die Stuttgarter Kultusministerin ist nicht mal in der Lage, Lehrkräfte und Schulkinder mit Notebooks auszurüsten.

Um von ihrem Digitalversagen abzulenken, hat sich die Kultusministerin in ihrem Hauptberuf als CDU-Spitzenkandidatin im Landtagswahlkampf auf die Kriminalität versteift. Tönte ihr Kollege Innenminister neulich noch nach der Randale einiger Halbstarker, der "Rechtsstaat" zeige haifischmäßig "die Zähne", will jetzt die Kultus-Amazone dem Knäbchen von Heilbronn namens Strobl beweisen, dass sie sogar Haare auf den Zähnen hat. Entsprechend ließ ihre Propaganda-Agentur ein lustiges Fahndungsplakat für ambitionierte Kopfgeldjäger drucken: "CDU wählen, weil wir Verbrecher von heute mit Ausrüstung von morgen jagen".

Da dieses "Wir Verbrecher"-Bekenntnis zur Selbstjustiz im Fascho-Ton nicht gar so überzeugend rüberkommt, nachdem die "Aufrüstung von morgen" schon gestern am Schulrechner gescheitert ist, setzte Eisenmann noch einen drauf. Diesmal mit einem Poster, das stramm rechts auf die diffusen Ängste geschundener Kreaturen zielt: "Wollen wir nicht alle beschützt werden?"

Als alter Stadtneurotiker kann ich beim Blick auf das Plakat-Konterfei der Spitzenkandidatin nur mit der Gegenfrage antworten: "Wer hat Angst vor dem schwarzen Eisenmann?" Und komme mir keiner, ich hätte gerade mit einer falschen Geschlechtszuordnung gesündigt. Nach wie vor gilt für mich der Imperativ des neuen Stuttgarter OB, auch wenn der Spruch dümmer ist, als mein Polizist vom Marienplatz erlaubt: "Schaffen statt gendern". Passt übrigens kruppstahlhart zur "Eisenmannschaft" (Wahlwerbung).

Vollends komisch wurde das Ganze, als ein FDP-ler seinen Plakatkonter direkt neben Eisenmanns Schutzwall aufbauen ließ: "WOLLEN WIR NICHT ALLE FREIER WERDEN?" Prompt antwortete ihm eine große Männergemeinde im Netz, ihr größter Berufswunsch sei derzeit nicht unbedingt, Freier zu werden – nicht nur, weil im Lockdown die Prostitution zum Erliegen gekommen sei.

Da die bisherige Wahlpropaganda insgesamt auf gewisse Speichermängel im analogen Hirn schließen lässt, fühlte sich die SPD berufen, die Problematik mit einem sprachlich präzisen Slogan zurechtzurücken: "DAS WICHTIGE JETZT ECHT BILDUNG #BWGEN". Aber echt. Es muss ein BW-Gen geben.

Einiges im Landtagswahlkampf deutet auf ein Bildungsproblem hin, was aber nicht heißt, dass nicht auch noch der größte Schund aus dem Verbrecherjagd-Genre auf unterbelichteten und braun ausgeleuchteten Schirmen gut ankommt irgendwo da draußen. Darauf spekulieren die Spindoktoren der Politik mit ihren Schmierenstücken.

Der erzwungene digitale Wahlkampf im Lockdown macht uns deutlich, wie sehr wir die Foren und Bühnen der leibhaftigen Begegnung im wirklichen Leben brauchen. Vor diesem Hintergrund leuchtet selbst eine kleine, in menschlichem Kreis entzündete Gedenkkerze in das schwarzes Loch des stillgelegten Kulturbetriebs. Der Konflikt um das historische Metropol-Gebäude mit seinem geschlossenen, bereits ausgebeinten Filmtheater in der Stuttgarter Innenstadt wäre ein guter Anlass, endlich neue Möglichkeiten künstlerischer Präsentationen zu diskutieren. Die KulturmacherInnen sollten sobald wie möglich erstarrte Rituale zugunsten neuer Mischformen in Frage stellen, um nach Corona einen geistigen Lockdown zu vermeiden.

Das gilt für die klassische Musik und das Theater wie für den Film. Publikum und KünstlerInnen brauchen neue Orte der Begegnung, des Austauschs, des Miteinanders. Ein Haus wie das Metropol-Gebäude mit seiner einzigartigen Aura, das dank der beschämenden Stuttgarter Immobilienpolitik als Kletterhalle zu enden droht, wäre die große Chance, eine Keimzelle spartenübergreifender, zukunftsorientierter Veranstaltungen und Dialoge zu werden. Ohne Grenzöffnungen sind wir im Popcorneimer.

Niemand weiß besser als ich, dass wir nicht am Hudson leben, sondern am verbuddelten Nesenbach. Dennoch empfehle ich einen Blick auf die Homepage des New Yorker Metrograph in der Lower East Side von Manhattan. Metrograph mit M wie Metropol. Vielleicht geht dem Einen oder der Anderen unter uns Provinzlern ein Licht auf, bevor unverzichtbare Kultur ersatzlos zu Grabe getragen wird.



 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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