Bauers Depeschen


Samstag, 11. April 2020, 2203. Depesche


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LIEBE GÄSTE,

von jetzt an gibt es alle 14 Tage meine Kolumne „Auf der Straße“ in der KONTEXT:WOCHENZEITUNG



NOTIZEN

Auffallend ist, dass in der Corona-Debatte inzwischen auch berechtigte kritische Gedanken, etwa zu den Versäumnissen von Regierungen, mit „Verschwörungstheorien“ gleichgesetzt werden. Einwürfe von „Intellektuellen“ werden immer öfter, ohne Ross und Reiter zu nennen, pauschal und undifferenziert niedergebügelt, gerade so, als sei jede Kritik an der Obrigkeit in der Krise ein Akt der Majestätsbeleidigung. Beliebt ist das Argument, es sei jetzt der falsche Zeitpunkt für Kritik - als sei jetzt jeder kritische Gedanke Luxus und Zeitvertreib. Besonders stutzig werde ich, wenn solche schriftlich formulierten Pauschalangriffe zur bedingungslosen Verteidigung von Regierenden Floskeln wie „ganz ehrlich“, „Gejammer“ oder „Weltfremdheit“ enthalten. Und dann das „Danke“-Getue in den sog. sozialen Medien einsetzt. Gedanken, die über den - traditionell gefährlichen - „gesunden Menschenverstand“ hinausführen, gelten hierzulande oft genug auch ohne Krise als „weltfremd“, weil Privatgeschmack und Privatmeinung der Gesunder-Menschenverstand-Fraktion seit jeher als einziger Maßstab für die Welt gelten. Zustimmung erfährt so folgerichtig, was leicht zu verdauen ist. Der allseits gefällige, für die besser Gebildeten leicht kritische Popsong in den Kommentarspalten kommt naturgemäß besser an als ein Stück mit bewusst gesetzten Dissonanzen.

Und warum sollten Kapitalismuskritik auf einmal Leute unterstützen, deren Einsatz zur Systemänderung sich vor Corona auf die Forderung beschränkte, auf jeden hundersten Parklpatz in der Stadt kein Auto, sondern einen Blumentopf zu stellen. Für die ist auch in Corona-Zeiten Protest gegen die herrschenden Verhältnisse „Jammern auf hohem Niveau". Sie haben auch zuvor kaum einmal an einer Demo gegen den Mietenwahnsinn und die Wohnungsnot teilgenommen. Sie selbst haben ja eine Wohnung, die Folgen der Verdrängung sind ihnen egal, die Nazis tun ihnen im Übrigen auch nichts, weil die ja eher was gegen Flüchtlinge und Ausländer haben. Und die Forderung nach demokratischer Umverteilung ist ohnehin ein "Luxusproblem". Diese Haltung gilt auch für diverse Medienleute und andere Wortführer, die für ihre netten Schlaf- und Wiegenlieder in den sozialen Medien Beifall und „Danke“-Herzchen bekommen.

Vieles wird in der Coronakrise endgültig leichtfertig ausgeblendet: die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten, die erbärmliche Europapolitik, die unmenschliche Rigorosität des neoliberalen Denkens mit seinen Konsumperversitäten. All die Widersprüchlichkeiten, mit denen viele von uns leben oder leben müssen. Und die Rechten und Nazis haben ihre Ruhe.

Nicht jede Kritik an den Maßnahmen der Regierung bedeutet automatisch, notwendige Einschränkungen und Verbote in Frage zu stellen. Ich selbst bin für scharfe Einschränkungen - und wundere mich, wenn ich unterwegs bin, wie leichtfertig und unsolidarisch sie missachtet werden (auch von Obrigkeitsgläubigen).

Die Freiheit des Denkens, auch des dringend notwendigen radikalen Denkens in Zeiten des Turbo-Kapitalismus, wird auch ohne Corona oft genug so engstirnig beurteilt - wie z. B. jede Form von Kunst, die einem selbst nicht gefällt, schon deshalb, weil man sich nicht mit ihr auseinandersetzt. Und Langeweile mit Harmonie verwechselt und Kunst als Tourismus-Marketing und Stadtteil-„Aufwertung“ betrachtet. Die Bedeutung kultureller und künstlerischer - oft prekär bezahlter - Arbeit für das Klima einer halbwegs demokratischen Gesellschaft wird ohnehin viel zu wenig gesehen oder bewusst ignoriert. Kunst ist ein Mittel gegen Hass. Erfahrungsgemäß wird für mich die Betrachtung künstlerischer Dinge erst dann interessant, wenn man in der Lage ist zu sagen: nicht unbedingt mein Ding, aber wichtig und augenöffnend. Beim zweiten Hinsehen und Hinhören ist dann, sofern noch Aufgeschlossenheit und Mut zum Denken existieren, nicht selten alles anders. Ernsthafte Zweifler und Kritiker haben immer auch genügend Selbstzweifel.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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