Bauers Depeschen


Freitag, 22. November 2019, 2152. Depesche


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GUTE NACHT

mit einem LIED ZUM TAG

Der Begriff „Nachtschwärmer“ hat nichts mit Menschen zu tun, die von der Nacht schwärmen. Nur mit solchen, die nächtens ausschwärmen und sich treffen wie Motten im Licht. Ob vom nächtlichen Herumschwärmen auch noch zu schwärmen ist, wenn das Licht das Dunkel wieder verdrängt hat, lasse ich mal im Dunkeln.

Wir kennen den Begriff „Dunkeldeutschland“. Entstanden ist er nach der Wende, als viele kapitalistische Leuchten entdeckten, dass unsere sozialistischen Schwestern und Brüder nicht so viel künstliches Licht wie wir in ihren Gemeinden hatten. Als uns ein heuchlerischer Pfarrer und späterer Bundespräsident aus Dunkeldeutschland die Welt erklärte, wurde dieser Begriff eine Metapher für rechtsextremistisch verseuchte Teile Ostdeutschlands. Dies aber hat nur davon abgelenkt, dass auch im hellen Westen reichlich Dunkeldeutschhirne ihr Unwesen treiben. Auch in unseren Parlamenten vor der Haustür, im Landtag und im Rathaus.

Es wäre fahrlässig, die Dunkeldeutschhirne für unterbelichtet zu halten und ihre düstere Strahlkraft zu unterschätzen. Bei den nächsten Wahlen werden wir wieder sehen, dass etliche unserer Mitmenschen auch einen Laternenmast wählen würden, falls er das richtige Parteiabzeichen trägt und in ihre seelische Finsternis hineinfunzelt. Viele Leute sind immer offen für nationalistischen Schwachsinn. Nationalismus ist ein Gebräu voller Mythen, erschaffen von Dunkeldeutschhirnen, den Köpfen des Faschismus.

Als junger Mensch habe ich Zeiten erlebt, in denen es als uncool galt, in Stuttgart eine Kneipe vor elf Uhr abends zu betreten. Selbstverständlich sagte kein Mensch „elf Uhr nachts“. Die Nacht begann ja erst viel später. Das Wort „cool“ kannten damals nur Hipster – als noch kaum jemand Hipster kannte. Unsere wenigen Hipster hatten mit den heutigen Hotspot-Clowns nichts gemein. Sie besaßen ein Geheimwissen und kannten coole Platten und Filme, Bücher und Frauen, von denen wir Weltfremden nie gehört hatten.

In den siebziger Jahren, zum Beispiel, waren die Stuttgarter Nächte megacool, weil es von Amts wegen gar keine Nächte gab – außer im Rotlichtviertel für die Freier und die Herren mit den dicken Brieftaschen, aus denen regelmäßig auch was ins Rathaus flatterte.

Die meisten Kneipen wurden auf Befehl von oben um Mitternacht geschlossen. Wer trotzdem in die Schattenreiche der Stadt ausschwärmte, hatte ein Geheimwissen von den Gesetzen der Stuttgartnacht und kannte die Klopfzeichen der Eingeweihten. Jeder von uns konnte seinen Goethe noch im Schlaf aufsagen: „Jeder Tag hat seine Plage, und die Nacht hat ihre Lust.“ Etwas unbefriedigend an der Gesamtsituation war lediglich, dass die Lust der Nacht nicht erst in der Nacht, sondern schon am Tag zur Plage wurde.

Alte Geschichten. Längst gibt es eine organisierte „Stuttgartnacht“. Zigtausende fahren mit Bussen in der Stadt herum und schauen sich nachts Sachen an, die sie auch tags zu sehen bekämen, wenn sie tags besser sehen könnten.

Es gibt unzählige poetische, philosophische und musikalische Betrachtungen der Nacht. Ich traue mir nicht zu, mich in dieses von Mythen umrankte Geschäft einzumischen. Guten Gewissens kann ich nur sagen, dass die Nacht in der Stadt heute unter einer gewissen Lichtverschmutzung leidet, weil der Konsum keine Dunkelheit erträgt. Bei uns im Kessel hält sich dieses Problem allerdings in Grenzen. Immer wenn ich nachts nach Hause schleiche, geht mir ein Licht auf, was mit dem Prädikat „kuhnacht“ gemeint ist: Trotz der Laternen und Reklamelichter sind ganze Viertel unseres Dorfs menschenleer, und ich kann das Muhen von der Weide hören. Vielleicht aber vernehme ich auch den Sound von Hipster-Sex.

Seltsamerweise fällt mir die Stille der Nacht außerhalb der Wochenenden zur Bespaßung der Landjugend mit fröhlichem Hauswandpissen erst auf, seit ich in einer südlichen Gegend wohne, die eher dem sogenannten Zentrum zugerechnet wird als mein früherer Heimathafen im Westen.

Einige werden nun denken, diese Zeilen hier hätte ich in völliger Umnachtung geschrieben, verlassen von der Schwester des Tageslichts, der Dunkelheit. Stimmt nicht. Erstens hat mich einst der Schriftsteller Raymond Chandler gelehrt, dass die Gedanken der Nacht dem Tageslicht nicht standhalten. Und zweitens sein Kollege Charles Willeford, der Lieblingsautor von Quentin Tarantino, mich in dieser Meinung bestärkt hat: „Falls du nachts eine gute Idee hast, steh nicht auf und schreib sie auf. Wenn du das tust und es dann am nächsten Morgen liest, wird es wie etwas aussehen, das du mitten in der Nacht auf­geschrieben hast.“

Und hier breche ich ab, weil ich noch einen Hinweis loswerden muss: Für den Flaneursalon am kommenden Montag im Theaterhaus, wo schon um 19.30 Uhr unsere kleine Nachtmusik beginnt, gibt es noch wenige, ganz frisch sortierte Karten. Hier geht es zum Vorverkauf: THEATERHAUS - Telefon: 0711/4020720.

Gute Nacht.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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