Bauers Depeschen


Freitag, 15. November 2019, 2149. Depesche


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ES GIBT WIEDER KARTEN

FÜR DEN FLANEURSALON

IM THEATERHAUS

Jetzt muss ich mich doch noch mal melden: Für den Flaneursalon am Montag, 25. November, im Theaterhaus wurden noch mal einige gute Karten freigegeben, die ursprünglich mal reserviert waren. Es ist meine letzte Lieder- und Geschichtenshow in diesem Jahr - mit Vincent Klink als Vorleser und Musiker, erstmals mit dem Satiriker Oliver Maria Schmitt, mit Toba & Pheel, Eva Leticia Padilla und ihren Begleitmusikern. Hier gibt es Karten: THEATERHAUS Telefonisch: 0711/4020720



Hört die Signale!

Ein Lied zum Tag



MIT DIESEM TEXT ENDET die StN-Kolumne, die 1997

unter dem Titel „Joe Bauer in der Stadt“ gestartet wurde:



OPER-BÜRGERMEISTER & CO

Als Kolumnenschreiber ist unsereiner nur ein kleiner Spurenleser an überschaubaren Tatorten. Das heißt nicht, dass die Gedanken nicht öfter mal weiter fliegen, als es gesund ist. Im Sommer stand ich im Augsburger Brechthaus vor dem berühmten Gedicht „An die Nachgeborenen“, und an einem solchen Ort entfalten solche Zeilen eine andere Wirkung als in einem Buch: „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“, heißt es darin.

Bertolt Brecht hat das Gedicht in den Dreißigerjahren im Exil geschrieben. Zurzeit, da Bilder aus der Vergangenheit auftauchen wie Rückblenden in einem Film, kommt mir oft der Gedanke, es werde wieder zu viel über Bäume gesprochen. Diese Überlegung lässt sich leicht mit meinem Hang zum Schwarzsehen abtun. Schließlich ist es besser für das Gemüt, am 11. 11. den Karnevalsbeginn zu feiern, als am 9. 11. über die Gegenwärtigkeit des Judenhasses und des Rassismus bei uns nachzudenken. Man kann übrigens auch beides tun. Das lehrt mich dieser jüdische Witz:

„Das Leben“, sagt ein alter Jude zu seinem Freund, „ist wie eine Tasse Tee mit Zucker.“ Der andere nickt zustimmend und fragt dann doch: „Aber warum ist das Leben wie eine Tasse Tee mit Zucker?“ – „Was fragst du mich? Bin ich Philosoph?“

Nein, ich bin kein Philosoph. Ich gehe in Stuttgart herum und trinke Kaffee. Zurzeit reden alle von den Bäumen, die den Blick auf den Wald versperren, in unserem Fall von den maroden Teilen der Staatsoper. Viele in der Stadt haben auf einmal ein großes Interesse und noch mehr Ahnung von der Oper. Nicht etwa, weil sie neuerdings dem Belcanto verfallen sind, sondern weil die Rettung der Oper eine Milliarde Euro kosten soll. Enthalten in dieser sehr runden, abstrakten Summe sind die Sanierung der jetzigen Maschinenruine, notwendige Erweiterungsbauten im Schlossgarten und eine Interimsbühne in der Nordbahnhofgegend.

Weil „Milliardenoper“ in meinen, den Höllen- und Himmelsgesängen durchaus zugeneigten Ohren zu brachial klingt, weiche ich ins Amerikanische aus. In den USA wird für eine Milliarde der sanfter klingende Begriff „Billion“ verwendet, als Kinogänger nenne ich das Stuttgarter Opernphantom von nun an „Billion Dollar Baby“.

Das Kind namens Oper ist längst in den Brunnen gefallen und hat alle Knochen gebrochen. Folge einer jahrzehntelang herrschenden Konzeptionslosigkeit in der Stuttgarter Kulturpolitik. Nie wurde über inhaltliche Schwerpunkte diskutiert, nie eine kulturpolitische und städtebauliche Vision formuliert. Seit langem fehlen Köpfe in den Gremien von Land und Stadt, denen mehr einfällt, als Kulturinstitutionen wie BWL-Studenten nach ihrem „wirtschaftlichen Standortfaktor“ zu bewerten. Für solche Inkompetenz stehen der Kulturbürgermeister, der Baubürgermeister, die Chefdenker der führenden Parteien und der Oberbürgermeister, der sich jetzt als allmächtiger Oper-Bürgermeister in der Stadtgeschichte verewigen will. Avanti, Dilettanti.

Der angeblich so professionelle, in Wahrheit beschränkte Blick auf Marketing und Tourismus schützt die Häuser der Kunst keineswegs vor dem Niedergang. Schlimmstes Beispiel dafür ist die Neue Staatsgalerie: James Stirlings international bedeutender Museumsbau, der an der Stadtautobahn vor die Hunde geht. Eine Schande.

Nur wenige Meter von der Staatsgalerie entfernt, aber durch die scheußliche Autorennbahn von ihr getrennt, steht die Staatsoper. Seit langem wird über sie diskutiert, als ginge es nur um die architektonische Hülle für irgendwas, das die führenden Gemeinderatsparteien nicht definieren können. Eine neue „Landmark“, also ein architektonisches Wahrzeichen, fordert etwa der CDU-Leuchtturm Kotz – nach dem Motto: Außen hui, inhaltlich alles Wurscht.

Ein Fluss in der Stadt bringt das Denken in Bewegung. Bekanntlich hat sich Stuttgart nie um seinen Neckar gekümmert und den Nesenbach überdolt. In der Debatte um die Oper werden passend die dümmsten Vergleiche ausgerechnet mit der Hamburger Elbphilharmonie angestellt, einem Haus in einzigartiger Lage über dem Fluss. In diesem Zusammenhang will ich einen Mann zitieren, der bis 2018 ein Vierteljahrhundert die Hamburger Kulturlandschaft als Manager geprägt hat, als geschäftsführender Kopf der Bühne Kampnagel, des Deutschen Schauspielhauses und der Elbphilharmonie. Er heißt Jack Kurfess, wurde in Stuttgart geboren und hat seine Karriere in den Achtzigern im Theaterhaus gestartet. Was er frei nach Gertrude Stein über die Elbphilharmonie sagt, sollten sich alle, die heute über die Stuttgarter Oper reden, hinter die Ohren schreiben: „Die Elbphilharmonie ist ein Konzerthaus, ist ein Konzerthaus, ist ein Konzerthaus. Der Mythos Elbphilharmonie lebt auch von der Architektur, aber in erster Linie vom Inhalt, dem herausragenden Programm in einem herausragenden Konzertsaal.“

In Stuttgart muss endlich öffentlich diskutiert werden, woran die gesamte Kulturlandschaft sich messen lassen muss: über ihren Sinn und Zweck für die Menschen. Kulturhäuser sind nicht nur für die Imagewerbung einer Kesselgemeinde da. Sie haben einen gesellschaftspolitischen Auftrag, besonders in Zeiten, da angesichts faschistischer Angriffe auf die demokratische Kultur Gespräche über Bäume fast ein Verbrechen sind. Es geht um das Klima in der Stadt. Ein Billion Dollar Baby kann viel dafür leisten, wenn es mit künstlerischer Fantasie und politischer Verantwortung in seine Stadt eingebettet wird.







 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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