Bauers Depeschen


Freitag, 10. Mai 2019, 2087. Depesche


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KICKERS  

Der Fall des rechtsextremen Förderkreis-Vorsitzenden bei den Stuttgarter Kickers, den ich mit neun Facebook-Zeilen öffentlich gemacht habe, ist für mich ein Lehrstück. Am Donnerstag hat ein Funktionärskollege des Rassisten per Mail an mich "öffentliche Hetzjagden" beklagt und mein Vorgehen "vereinsschädigend" genannt. Auch in diesem Fall funktioniert die übliche Opferrollen-Taktik der Rechten. Bereits in der offiziellen Mitteilung der Kickers zum Rücktritt des im Böblinger AfD-Kreisverband aktiven Rechtsnationalisten war keinerlei politisches Bewusstsein in der Sache zu erkennen. In diesem Schreiben "drohten die Diskussionen" der vergangenen Tag die Kickers im falschen Licht erscheinen zu lassen - nicht etwa die völkische Gesinnung ihres Förderkreis-Chefs und Sponsors. Es wird verharmlost, relativiert, beschönigt. Sicher ist: Ich werde diesen Verein nicht mehr schädigen. Und den Kickersplatz meiden. SIEHE AUCH DEPESCHE vom 8. Mai.



5. FLANEURSALON AM FLUSS

IM STUTTGARTER HAFEN

Am Samstag, 6. Juli, geht der 5. FLANEURSALON AM FLUSS im Stuttgarter Hafen über die Bühne, die ein Güterwaggon der Eisenbahn ist. Und wieder ruft der Neckar! Unsere bunte Show mit Hafenpicknick in einzigartiger Kulisse zwischen Schrott- und Weinbergen. Mit Eva Leticia Padilla, Toba & Pheel, Timo Brunke, Loisach Marci, Stuttgarter Popchor. Hier der Klick zum VORVERKAUF



Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



Neue StN-Kolumne:

EINER FÜR ALLE

Am Olgaeck biege ich rechts Richtung ­­­Süden ab, stiefle nichtstuerisch-beschwingt die Olgastraße entlang und suche nach ­guten Zieleinläufen. Rechter Hand das schöne Geschäft namens Der Blumenladen. Schon der Blick durchs Schaufenster wirkt so verlockend, dass die Besitzer guten Gewissens eine Gebühr nur für die Besichtigung ­verlangen könnten, für diese Vorstufe zum botanischen Garten. Linker Hand hat ­Tommes Plattenladen geöffnet, wo du garantiert den passenden Soundtrack für jede Blume und Pflanze findest, die du dir in die Bude stellst.

Vorbei an den Baustellen vor dem Kreisverkehr zur Wilhelmstraße, vorbei am ­­Mozartplatz, weiter zum Falbenhennenplatz. Und dann habe ich doch ein Ziel, weil ich schon lange mal im Kiosk Olgastraße 120 vorbeischauen will. Bei Herrn Hecht.

Tatsächlich kenne ich den alten Laden vor ­­diesem Besuch nur vom Vorbeigehen, gelegentlich haben mich mir bekannte Draußen­sitzer gegrüßt. Der jahrzehntealte Kiosk ist heute mit einem ­­­­kleinen Gastraum und acht Stühlen im Freien vor einem ­Spielplatz gesegnet. Solche ­­Läden werden bei uns gern romantisiert nach dem Motto: ­­Juhu, die liebe alte Tante Emma lebt, unsere exotische Oase im Glas- und Betondschungel der tollen Fortschrittsstadt. All diese nostalgisch verkitschten Betrachtungen aber sind grober Unfug. Sie verschleiern die wahre gesellschaftliche ­­Bedeutung solcher Begegnungsbuden.

Der Städte- und Gemeindebund, habe ich neulich gelesen, beklage den Verlust des sozialen Miteinanders: Ständig schließen Einzelhändler und Handwerksbetriebe. 30 Prozent der Bäcker und Metzger in Deutschland haben in den vergangenen zehn Jahren dichtgemacht.

Der Verlust dieser Biotope alltäglicher Menschlichkeit schmerzt. Er schmerzt so sehr, dass eine 94-jährige Frau aus Herrn Hechts Nachbarschaft ihm ihren gut er­haltenen VW Passat schenkte. Als Dank, weil er den Kiosk Olgastraße 120 weiterführte. Bei der Übergabe des Benziners aus den Neunzigern zog der Glückliche einen Euro aus der Tasche, damit es symbolisch ein fairer Handel wurde.

Es ist ein kalter Maitag, als ich vormittags in Roman Hechts Kiosk herumstehe, in einer dieser Holz- und Blechhütten mit Lottofahne an der Außenwand. Darunter ein Stehtisch mit den Requisiten der Hoffnung: ­silberner Aschenbecher, bunter Blumenstrauß.

Im Juni vor zwei Jahren hat Herr Hecht (48) den Kiosk übernommen, nachdem er als Kaufmann in der Jeans-Branche angesichts des boomenden Online-Handels keine Chance mehr gesehen hatte. Zunächst ­­wollte er eine kleine Gaststätte übernehmen, weil er in diesem Gewerbe schon als Nebenberufler Erfahrung gesammelt hatte. Aber es wurde ein Kiosk, der tagsüber alle Kriterien der vom Aussterben bedrohten ­­Eckkneipe erfüllt. Es gibt bei uns keine Trinkhallentradition wie im Ruhrgebiet. Keine Wasserhäuschen- und Büdchenkultur wie in Frankfurt am Main, die der Schriftsteller Jürgen Roth in seinem gerade erschienenen Buch „Der Jackel Hans“ in Form eines be­törenden Langstreckendialogs mit seinem Kioskhelden Samy beschreibt.

Sicher ist: In allen Städten haben Menschen in ihren Vierteln dieselben Bedürfnisse. Mal miteinander reden, über die Beziehung und so. Das Problem Heuschnupfen erörtern. Tipps gegen den tropfenden ­Wasserhahn holen. Für solche Gespräche mangelt es immer öfter an ­­­Anlaufstellen. Es fehlen Beichtväter und ­­Ratgeber wie Herr Hecht.

In den zwei Stunden, die ich bei ihm ­­herumhänge, begegnen mir so viele Menschen, wie ich sie selten am selben Ort an einem Tag zu sehen, zu hören und zu riechen ­bekomme. Man kennt sich. Und alle kennen Herrn Hecht. Die Politesse, der Paketfahrer, der Chef vom weithin bekannten Imbiss Alaturka in der Nachbarschaft. Auch der Herr mit der nicht ganz billigen Uhr am Handgelenk kommt hereingeschneit, um von der Krise im kanarischen Rotlicht­milieu zu berichten.

Bei Herrn Hecht liegen noch wie im ­­klassischen Kiosk ein paar Zeitungen und etliche Dutzend Illustrierte aus. Entscheidend aber ist bei akutem Gesprächsbedarf, dass der Kaffee schmeckt. Morgens um sieben stehen Brezeln und am Mittag kleine ­Speisen bereit. Heute wird Fleischkäse mit Kartoffelsalat serviert, frisch vom Metzger. Zum Kiosk kommen keine Kunden, sagt Herr Hecht, sondern Gäste. Um 18 Uhr ist Feierabend. Vom Umsatz kannst du gerade mal so leben.

Eigentlich brauchst du einen echten Kioskmann nicht zu fragen, wer bei ihm hereinschaut. Alle, wird er sagen. Und noch mal: Alle! Und wenn alle kommen, hast du verdammte Pflichten, die über gut gekühltes Bier hinausgehen. Da ist die Frau, die noch älter ist als die, die ihr Auto verschenkt hat. Und es gibt die Tage, an denen sie nicht aus dem Haus kann, um ihre TV-Illustrierte zu holen. Dann pfeift Herr Hecht seiner Hündin Mia und schaut bei Frau Nachbar nach dem Rechten.

Oft bedeutet es nichts Gutes, wenn ein Stammgast mehrere Tage ausbleibt. Eines Tage fehlte im Kiosk zu lange ein Mann. Herr Hecht fuhr mit einem Freund zur ­Wohnung des Stammgastes im Stuttgarter ­­Osten. Vor der Tür roch es streng. Der Mann war tot. Erstochen. Den Namen des Täters konnten die Männer vom Kiosk der Polizei gleich mitliefern. Der Fall lag auf der Hand.

Demnächst wird der Kiosk Olgastraße 120 umgetauft. Er heißt dann offiziell Herr Hecht.

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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