Bauers Depeschen


Freitag, 03. Mai 2019, 2085. Depesche


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StN-Kolumne

BOBBES DES LEBENS

Zwischen Heslach und Kaltental, wo es hinaufgeht zum Waldfriedhof, fließt auf ein paar hundert Metern ein vorgetäuschtes Stück Nesenbach. Etwas Wasser zwischen Schnellstraße und Rad- und Fußweg, sozusagen renaturiert und am Leben erhalten von Quellen im Wald. Der echte Nesenbach gurgelt, wie überall in der Stadt, in der Unterwelt, damit alles im Kessel seine oberirdische Ordnung hat. Wenn ich im Laufschritt unterwegs bin, gehört diese südliche Gegend mit ihren Zwergentümpeln zu meinen Lieblingsstrecken. An manchen Stellen plätschert es hörbar. Das nährt meinen Traum von einer Stadt am Fluss.

Als ich neulich wieder mal am falschen Nesenbach entlangtrabte, war ich gerade aus dem Norden zurückgekommen. Meine deutsche Lieblingsferienstadt ist Hamburg, weil es an Alster und Elbe gehörig plätschert. Bei uns in Stuttgart gibt es neben dem überdolten Nesenbach ja auch ein liebenswertes, frei fließendes Flüsschen namens Neckar. Aber daran erinnern sich heimische Politiker nur, wenn sie wieder mal von ihrer Sucht nach Wichtigkeit übermannt werden. Dann erzählen sie, Dollarzeichen in den Augen, von einer „Vision“ und fordern, wie der CDU-Chef, eine „Konzerthalle direkt am Wasser“. Nicht etwa, weil ihnen dies selbst eingefallen wäre. Sondern weil sie mitbekommen haben, dass Hamburg auf einem Speicher die Elbphilharmonie gebaut hat. In provinzieller Erregtheit erkennt man da keinen Unterschied. Inzwischen verkauft die Elbphilharmonie Eintrittskarten nachweislich auch an schwäbische Touristen, die mitten im Konzert aus der Halle in ihren Reisebus flüchten, weil sie die Musik stört.

Als ich an meinem heimischen Plätscherbach entlanglief, war es feucht in der Stadt. Ich musste aufpassen, nicht eine der vielen Schnecken auf dem Asphalt zu erwischen. Ein Schneckenleben ist vermutlich verdammt mühsam. Bedroht von Fahrradreifen und Schuhsohlen, musst du dich mitsamt deinem Haus auf dem Rücken über die Straße schleppen. Keine Schnecke würde je ihr Haus leer stehen lassen, um damit zu spekulieren. Als Schnecke hast du immer ein Dach über dem Kopf, was du als einfacher Mensch angesichts unserer Mietpreise und der Schleimspurkriecher in der Wohnungspolitik nicht mehr erwarten kannst. Wenn es so weitergeht, werden sich viele von uns mit einem Plastikbeutel auf dem Rücken unter einer Brücke zum neuen Konzerthaus am Wasser einquartieren müssen.

Wenn ich im Schneckentempo vor mich hinjogge und mein Bächlein glucksen höre, sprudeln die Erinnerungen. Gerade erst war ich an der Alster in Poppenbüttel unterwegs, nur weil mir der Name des Stadtteils gefiel – und auch ein bisschen vertraut vorkam. Wenn ich hie und da mit einem Ausflugsschiff auf dem Neckar von Cannstatt Richtung Marbach zuckle, komme ich am Neckarschutzgebiet Poppenweiler vorbei und bewundere diesen Ort.

Das Poppen im Namen geht im Fall Ludwigsburg-Poppenweiler auf den Vornamen Boppo des Grafen von Lauffen zurück. Hamburg-Poppenbüttel wiederum rührt von einem Geistlichen namens Poppo her. Die Popp-Silbe in den Ortsnamen bringt naturgemäß Bierzeltkomiker in Stellung, weshalb Poppenbüttel gelegentlich auch „Pupsbüttel“ genannt wird. Der Popo ist in der deutschen Sprache ja noch präsent, wobei ich mir nicht sicher bin, ob diese Bezeichnung gleichermaßen für Frauen, Männer und Kinder gilt. Der schwäbische Dialekt kennt die klangvolle Variante „Bobbes“ – und mit ihr die Aufforderung, bei drückender Enge auf der Bierbank gefälligst den Bobbes einzuziehen, bevor es eine Maß über die Rübe gibt. Die Wurzel allen sprachlichen Übels ist der Podex, das Gesäß. Der Bobbo, die geistige Quelle führender Windmacher.

Der eine oder die andere könnte auf die Idee kommen, mir jedes zusammenhängende Denken abzusprechen, weil Poppenbüttel an der schönen Alster nichts mit Poppenweiler am vernachlässigten Neckar und schon gar nichts mit Stuttgart am tiefergelegten Nesenbach zu tun habe. So einfach ist es aber nicht. Bei meinen Feldstudien in Poppenbüttel landete ich vor einem riesigen Einkaufszentrum namens Alstertal. Bei näherem Hinschauen stellte sich heraus, dass dieses Labyrinth 1970 von Werner Otto, dem Versandhauspionier des deutschen Wirtschaftswunders, als erstes überdachtes Einkaufszentrum von Hamburg gebaut wurde. Zuvor hatte er ähnliche Konsum-Monster in den USA und Kanada gesehen und im Immobiliengeschäft Fuß gefasst. Er gründete auch das Unternehmen ECE. Glas- und Betongeburten aus diesem Haus haben wir heute auch in Stuttgart, so das Millaneo, bekannt als „Müllaneo“, und die Königsbau-Passagen. Wahre Schmuckstücke in unserer Stadt der Visionäre. Fehlt nur noch die Neckarphilharmonie an unserem Fluss, der so schmal ist, dass ihn Touristen aus Poppenbüttel für den Nesenbach halten werden.

Weit bist du nicht gekommen im Leben, sagte ich mir, als ich mich bei feuchtem Wetter vor Kaltental im Dauerlauf übte. Immerhin aber habe ich es von Poppenweiler bis nach Poppenbüttel geschafft. Als Stuttgarter Stadtspaziergänger kann ich deshalb guten Gewissens behaupten: Ich kenne mich aus am Podex der Zivilisation, am Bobbes des Lebens. Um nicht zu sagen: am Arsch der Welt.

>> Joe Bauers Flaneursalon gastiert am Sonntag, 12. Mai, im Waldheim Gaisburg. Musik: Stefan Hiss, Marie Louise. Als Gast: Lotte Marie (Poetry). 19.30 Uhr. Reservierungen per Mail: flaneursalon@waldheim-gaisburg.de

 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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