Bauers Depeschen


Samstag, 20. April 2019, 2082. Depesche


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VORVERKAUF FLANEURSALON WALDHEIM GAISBURG

Sonntag, 12. Mai: Flaneursalon im Waldheim Gaisburg. 19.30 Uhr. Mit Marie Louise und Zura Dzagnidze (Songs), Stefan Hiss (Songs) und Lotte Marie (Poetry). Der Vorverkauf hat begonnen, Reservierungen sind möglich per Mail: flaneursalon@waldheim-gaisburg.de - und telefonisch: 0178/5554480



VORVERKAUF FLANEURSALON AM FLUSS

Samstag, 6. Juli: ALLES ÜBER DEN HAFEN



Hört die Signale!

DAS LIED ZUM TAG



StN-Kolumne:

DURCHSTARTEN

Überall brennt’s. Im S-21-Tunnel, beim VfB, bei der SPD. Zuletzt liefen auch noch meine Bronchien und Stimmbänder heiß, und nicht bei jedem Feuer kannst du hoffen, dass dir irgendwelche Klamotten- und Kosmetiktycoons ein paar hundert Millionen in den Opferstock stopfen, noch ehe sich der Rauch verzogen hat.

Flammen hin, Flammen her. Wir wählen Gelassenheit. Die Frühlingssonne wärmt den Spaziergänger, in der Asphaltritze zwischen Bordstein und Hauswand blüht der Löwenzahn, und auf einem Wahlplakat des Vereins Die Stadtisten steht auf Englisch, ich solle den sibirischen Tiger retten. Womöglich brennt auch der Katze der Kittel. Bei so viel als cool getarnter Kindsköpfigkeit ist es kein Wunder, wenn der gemeine Deutsche, wie neulich gemeldet, durchschnittlich eine Badewanne voll Alkohol austrinkt. Ob pro Tag oder Jahr, spielt keine Rolle. Hauptsache, wir löschen.

Ich bitte an dieser Stelle um Pardon, weil ich mich bei meinem lodernden Blick auf die Welt dem Kommunalwahlkampf nicht entziehen kann. Was aber soll ein alter Junge tun, wenn ihm beim Herumstiefeln an jedem Laternenpfahl ein Propagandaplakat den Blick gen Himmel versaut. Zwar habe ich mit den Jahren gelernt, diese Schilder nicht ernst zu nehmen, weil sie nur aus Anwesenheitspflicht herumstehen. Diese Dinger müssen zeigen, dass Parteien, Sekten oder sonstige Verbindungen noch am Leben sind. Und zwanghaft werden sie mit irgendwelchen Sprüchen garniert, die man heute nicht mehr Inhalt, sondern Content nennt, um von ihrer Inhaltsleere abzulenken.

Auf einem grafisch durchaus ansprechenden SÖS-Poster steht: „Wir hüpfen für Klima statt Kohle.“ Das ist – beim Werben um die hüpfende Wählerschar der Fridays-for-Future-Kinder – nachvollziehbar kalkulierte Gedankengymnastik. Gleichzeitig stolpere ich über die ungelenke „Statt“-Formulierung – und gebe zu bedenken, dass ich noch nie für Kohle gehüpft bin. Weder als Heizer noch als Tänzer.

Gut, die umweltfreundliche Gesinnung ist trotz aller Stadtverschandelung erkennbar, wogegen der dominierende CDU-Slogan eindeutig ins Doppelvergasermilieu zielt: „Durchstarten für Stuttgart“. Was bedeutet „durchstarten“? Piloten starten mit ihrer Maschine durch, wenn sie sehen, dass ihr bevorstehendes Landemanöver zu scheitern droht. Ein Vorgang also, den die CDU aus der Praxis bestens kennt: keine Bodenhaftung, aber stets für die freie Fahrt beschränkter Raser.

Beim Autofahren wiederum gilt das Durchstarten bekanntlich als Lieblingsbeschäftigung durchgeknallter Idioten, die gleich nach dem Anlassen ihrer Karre Vollgas geben. Und selbst umgangssprachlich können mit dem verstaubten Verb „durchstarten“ bloß noch bemitleidenswerte Kraftprotze irgendwelche Hinterwäldler beeindrucken. Christliche Durchstarterunion (CDU).

Was aus den allseits beliebten „Statt“-Konstruktionen für krumme Sprachgurken entstehen, zeigt im Übrigen dieses CDU-Beispiel: „Raum für neue Ideen statt ‚Tschüss‘ Unternehmen“. Gemessen an diesem Wortsalat klingt selbst eine Statt-Zeile der Linken beinahe wie große Reimkunst: „Bezahlbare Miete statt fetter Rendite“.

Selbstverständlich erhebe ich keinen Anspruch auf vollständigen Überblick. Plakate der AfD etwa konnte ich nicht finden. Vielleicht haben die Nationalisten Durchstartprobleme oder sind vorzeitig aus ihrer Rechtskurve geflogen. Umwerfend fand ich unterdessen diesen Slogan der Freien Wähler: „Sie sind in keiner Partei? Warum wählen Sie dann eine?“ Das entspricht ungefähr der Logik: „Sie arbeiten nicht in einer Saftfabrik? Warum trinken sie dann einen?“

Damit sind wir bei der Kultur. Nahezu unschlagbar als Dokument einer Haltung ist ein Grünen-Plakat, auf dem unter einem Regenbogentransparent mit der Aufschrift „Vielfalt“ diese drei revolutionären Wörter stehen: „Kultur. Freiheit. Demokratie.“ Vermisst habe ich in dieser Aufzählung den Eierkuchen, so kurz vor Ostern.

Den Stuttgarter Oscar für die schlagkräftigste Wahlwerbung der Saison allerdings geht an die SPD. Auf einem ihrer Plakate steht: „Herr Kuhn, Ihre Straßen sind verstopft und die Bahnen übervoll.“ Damit zeigen die Sozen, dass sich auch gut hundert Jahre nach der deutschen Revolution unbeirrt an ihrem monarchistisch geprägten Obrigkeitsglauben festhalten. Warum sonst würden sie unsere volkseigenen Straßen allein einem Mann namens Kuhn zuschreiben? Die Stadt gehört uns! Nebenbei beschert die SPD jenem Herrn K. einen unverhofften Popularitätsschub: Da die SPD dem farblosen Grünen noch weitere Plakatbotschaften widmet, werden sich weite Kreise der Bevölkerung inzwischen fragen, was es mit ihm auf sich hat. So könnte sich sogar noch vor der OB-Wahlkampf im kommenden Jahr herumsprechen, auf welchen Namen der amtierende Stuttgarter Schultes hört. Vorname übrigens Fritz, für die SPD vermutlich Fritz der Große.

Krampfhaft habe ich noch nach Zeugnissen der FDP-Existenz gesucht. Die ist ja eigentlich kaum zu übersehen mit ihrer Leuchtfarbenorgie in Blau, Gelb und Magenta. Aber nur eine kleine Perle habe ich gefunden, bei genauerem Hinsehen eine Zeile vollendeter Lyrik aus der höheren Schule des liberalisierten Schwachsinns: „Wer Stuttgart liebt, macht es besser.“

Damit mache ich mich besser vom Acker, bevor mir auch noch die letzte Sicherung durchbrennt. Frohe Ostern!







 

Joe Bauer: Im Staub von Stuttgart - Ein Spaziergänger erzählt
 

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