Bauers Depeschen


Donnerstag, 04. Januar 2018, 1899. Depesche


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GEGEN DEN RECHTSRUCK

Nach der Stuttgarter Demo vor der Bundestagswahl gegen die AfD und den Rechtsruck habe ich mich mit Mitgliedern der Initiative Stuttgart gegen Rechts, einem breiten Bündnis überwiegend junger Menschen, zum Plaudern getroffen. Inzwischen haben wir vor, ein Treffen zum Kennenlernen und Vernetzen zu organisieren. Auch für alle, die gern was tun würden gegen den allgemeinen Rechtsruck, aber nicht wissen, wie und mit wem. Erst mal keine große Sache, ein Zeichen, ein Anfang. Wir haben schon einen Termin und einen Ort: Samstagnachmittag, 10. Februar, Württembergischer Kunstverein. Näheres demnächst.



Hört die Signale!

MUSIK ZUM TAG



Die aktuelle StN-Kolumne:

TRINKT AUF DIE TOTEN

Am Silvestermorgen lief ich in gemäßigtem Sportsmanntempo von Westen nach Süden. Als ich am Heslacher Friedhof vorbeitrabte, hörte ich eine laute Frauenstimme. Neugierig schaute ich nach – und sah eine Frau am Grab wild gestikulierend telefonieren.

Verdammt, dachte ich, schon wieder hast du den digitalen Fortschritt verschlafen. Wahrscheinlich hatte Apple kurz vor Jahresende ein neues Smartphone auf den Markt gebracht – erstmals mit einer App, um mit den Toten zu sprechen. Womöglich auch fähig, mit Leichen zu simsen und zu skypen. Und vermutlich ist der Heslacher Friedhof längst mit WLAN ausgerüstet.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nicht wusste, ob der Todesacker in der Nähe des Bihlplatzes noch einen klangvolleren Namen hat als nur Heslacher Friedhof. Hat er nicht. Seine Ursprünge gehen auf 1798 zurück. Er liegt an der Benckendorffstraße, benannt nach dem russischen Gesandten in Stuttgart, General Graf Konstantin von Benckendorff (1784 bis 1828). Als dessen Frau Natalie, ein Engel der Armen von Heslach, 1823 starb, ließ er ihr vom Stararchitekten Giovanni Salucci, dem Schöpfer der Grabkapelle auf dem Württemberg, ein Mausoleum bauen. Später wurde eine Doppelbüste des verstorbenen Ehepaars vom Bildhauer Johann Heinrich Dannecker und seinem Schüler Theodor Wagner für den kleinen Tempel gefertigt. So gehen Popstars.

Über dem Portal hat Benckendorff für seine Frau die Inschrift „NUR SIE“ anbringen lassen, und jetzt bitte ich, meine unsensible Abschweifung zu entschuldigen: Beim Lesen dieser Friedhofsnotiz ging mir der Refrain von „Only You“ durch den Kopf. An diese Popschnulze, von Vince Clark geschrieben und seinem Duo Yazoo veröffentlicht, erinnere ich mich, weil die britischen A-cappella-Band Flying Pickets mit ihrer Version Anfang der Achtzigerjahre einen Riesenhit gelandet hat. Dies wiederum hätte ich längst vergessen, wäre bei den Pickets nicht bald darauf ein Sänger namens Gary Howard eingestiegen. Während seiner Zeit bei dieser Band lebte er einige Jahre in Stuttgart. Grund dafür war eine typische „Nur sie“- und „Only You“-Geschichte. Eine Frau. Ich weiß noch, wie er bei Soloauftritten als Sänger und Gitarrist das Publikum mit dem Spruch „Wollt ihr Rock ‘n‘ Roll?“ anfeuerte – und dann auf das „Yeah“-Geschrei mit leicht öligem Gentleman-Lächeln und näselnder Upperclass-Stimme antwortete: „O, tut mir leid, ich mag keinen Rock ‘n‘ Roll.“

Diese Anekdote ist ein Beweis dafür, dass Friedhöfe nicht nur von Toten erzählen, sondern auch von Überlebenden wie Gary, geboren 1955, bis heute Sänger und Musiker und Fan des FC Liverpool.

In diesem Jahr wird der Heslacher Friedhof Event-Bühne: Tatort der „Stuttgartnacht“, einer Bus-Rallye für Partyhüpfer und Schaulustige. Im Oktober spielt auf dem Totenacker nicht nur eine einheimische Dixie-Kapelle namens New Orleans Celebrators Bestattungsstücke aus Louisiana. Im Süden der Stadt will man der Rundfahrtkundschaft auch den mexikanischen Totenkult vorführen. Bekanntlich haben die Mexikaner ein sehr spezielles Verhältnis zum Tod. Der Sensenmann ist bei ihnen allgegenwärtig – an jeder Ecke auch als lustiges Souvenir.

Bevor der „Día de los Muertos“ („Tag der Toten“) vom 31. Oktober bis zum 2. November als Volksfest gefeiert wird, will uns die „Stuttgartnacht“ auf dem Heslacher Friedhof in Mexikos Todesmythen einweihen, womöglich noch eindrucksvoller als der James-Bond-Film „Spectre“ von 2015: Weil dieses 007-Abenteuer spektakuläre Szenen einer – fiktiven – Parade in Mexiko-Stadt zum „Tag der Toten“ zeigt, mussten die Politiker flugs einen Umzug organisieren, um die Touristen zu befriedigen. Zum Karneval der Leichen im Oktober 2016 kamen eine Viertelmillion Lebende. Überlegenswert wäre es deshalb, den bevorstehenden Stuttgarter Faschingsumzug über den Heslacher Friedhof zu führen. Toter, als er schon ist, kann er auch auf dem Kirchhof nicht werden.

Vor meiner Nase, auf dem Schreibtisch, steht übrigens ein kleiner grinsender Totenkopf mit Gaucho-Hut. Zusammen mit einem Totenkopfring, der sich durch ein bewegliches Gebiss auszeichnet, habe ich ihn von einem Kurzausflug nach Mexiko-Stadt mitgebracht. Ich bin also bereit und übe schon einmal die „Friedhofspolka“ des Stuttgarter Sängers und Akkordeonvirtuosen Stefan Hiss: „Hebt euer Glas und trinkt auf die Toten / singet und tanzet und lacht / hebt euer Glas und trinkt auf die Toten/ der Tag ist so kurz, so lang ist die Nacht.“

Da wir schon beim Thema Beerdigungen sind, darf ich auf keinen Fall die Sozialdemokratie vergessen. Auf dem Heslacher Friedhof ruht Karl Kloß, ein revolutionärer Geist, der einst in der Böblinger Straße 127 sein Büro als Chef der Tischlergewerkschaft hatte. Er baute die württembergische Arbeiterbewegung mit auf und unterstützte erfolgreichen den großen Kampf der Korsettweber: Nach harten Streiks wurden ihre Löhne 1885 um 25 bis 33 Prozent angehoben. Beim Anblick solcher Zahlen fiele Frau Nahles tot um.

Zunächst Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), saß Karl Kloß nach der Gründung der SPD im Stuttgarter Gemeinderat und im Landtag und war von 1898 der erste Reichstagsabgeordnete der württembergischen Sozialdemokraten. Schon im Juli 1889 war er als Delegierter zum Internationalen Arbeiterkongress am 100. Jahrestag des Sturms auf die Bastille nach Paris gereist. Wenige Jahre bevor sich der lange Untergang der SPD ankündige, starb Karl Kloß 1908 im Alter von 60 Jahren während einer Vortragsreise in Hamburg. Bis heute wird berichtet, beim größten Trauerzug aller Zeiten durch die Stadt seien die Menschen in Heslach noch losmarschiert, als der Sarg schon vor dem Krematorium am Pragfriedhof angekommen war; später wurden die Überreste des couragierten Tischlers in Heslach bestattet. Die Totenfeier jedenfalls hatte mexikanische Ausmaße. So sehr haben die Stuttgarter ihren Sozi geliebt, bevor seine Partei ihre eigene Geschichte zu Grabe trug.

Hätte am Silvestermorgen auf dem Heslacher Friedhof nicht eine Frau mit einer Leiche telefoniert, wäre ich achtlos an den Gräbern vorbeigerannt. So aber werde ich ein paar Stuttgart-Kapitel mehr in meine Gruft mitnehmen, sofern ich mir das alles noch ein paar Tage merken kann.

 

im Nordbahnhof-Areal
 

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